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Sport

Handball-WM

Vollbad in Testosteron

Handball polarisiert mehr als andere Sportarten - entweder liebt man es, oder man hasst es. Bei der WM werden die Erregungskurven wieder ausschlagen. Es ist kein Sport für nachdenkliche Gemüter.

DPA

Nationalspieler Finn Lemke und Martin Strobel

Von
Donnerstag, 10.01.2019   14:14 Uhr

Um 18.15 Uhr am heutigen Abend, mit dem Anwurf des deutschen Eröffnungsspiels der Handball-WM zwischen Deutschland und Korea (Liveticker SPIEGEL ONLINE; TV ZDF), ist die Zeit wieder gekommen: die Zeit, sich zu erregen.

So sehr der Handball an Prominenz, öffentlicher Aufmerksamkeit und Breitenwirkung im Vergleich zu früher verloren hat - ein Turnier wie das einer Weltmeisterschaft, dazu im eigenen Land, dazu auch einmal wieder großflächig übertragen von ARD und ZDF, hat immer noch den Effekt, in Deutschland die Fieberkurve steigen zu lassen. Bei Handballspielen herrscht eine grundsätzliche Aufgebrachtheit. Die Atmosphäre verträgt das Adjektiv geharnischt.

Vor ein paar Tagen hat die Autorin Sophie Passmann im "Zeit"-Magazin einen vielbeachteten und viel gefeierten Text zum Handball geschrieben. Es war eine einzige Liebeserklärung an die Sportart. Handball sei "der wichtigste Sport der Welt", hieß es unter anderem darin, ihr seien "Menschen suspekt, die mit Handball nichts anfangen können", der Sport sei zudem "maximalbrutale Direktdemokratie", da jeder Spieler auf dem Feld gleichermaßen wichtig sei.

"Kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft"

Die "Zeit" hatte in Sachen Handball möglicherweise auch etwas gutzumachen. Vor einer Weile hatte dort der Philosoph Wolfram Eilenbeger den Sport mehr oder weniger hingerichtet, hatte davon geschrieben, dass der Handball "eine kartoffeldeutsche Leistungsbereitschaft" spiegele und für eine "selig verklärte deutsche Reihenhausvergangenheit" stehe, die Überschrift lautete damals vielsagend: "Handball: Die Alternative für Deutschland". Der Text hatte danach für Aufsehen gesorgt, das selbst Bayern-Fußballer Franck Ribéry neidisch gemacht hätte, der Deutsche Handball-Bund sah sich zu einer empörten Stellungnahme genötigt, Handball-Nationalspieler fühlten sich in die rechte Ecke gedrängt.

Der wichtigste Sport der Welt oder kartoffeldeutsch? Was denn nun? Der Sport verleitet ganz offenbar dazu, den Menschen ein Bekenntnis abzufordern. Handball polarisiert in einem Ausmaß, das Hockey oder Volleyball immer verschlossen bleiben dürfte, teilt die Gemeinde sozusagen in ein Team Passmann und ein Team Eilenberger.

Rechtzeitig zur WM kramen Sportjournalisten in ihrer persönlichen Erinnerung an wundgescheuerte Knie in ihrer Jugend und an Gegenspieler vom Dorf mit breitem Kreuz, die sich im Nebenjob als Einbauschränke noch etwas hätten dazuverdienen können. Das gerät dann entweder zur wehmütigen Nostalgie oder zum Scherbengericht.

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Beim Handball gibt es das noch, die flammende Passion und die tiefe Abneigung, es gibt wenig dazwischen, und dass das so ist, liegt in der Sportart selbst begründet. Handball ist ein Sport, in dem es nicht nur brodelt, sondern auch sehr leicht überkocht. Dauernd ist etwas los, es gibt anders als im Fußball, wo man während der 90 Minuten fast immer Phasen hat, in denen man sich in aller Ruhe mit seinem Sitznachbarn über alles Mögliche außer Fußball unterhalten kann, keine großen Ruhemomente. Handball ist ein Sport, um es diplomatisch auszudrücken, der während des Spiels wenig Muße lässt, über die Dinge des Lebens nachzudenken.

Man möchte nicht dazwischen geraten

Wucht, Härte, Dynamik, Kraft, Körperlichkeit - das sind die Attribute, mit denen dieser Sport zusammengebracht wird. Ein viriler Sport, geprägt von Modellathleten bis hin zum Kraftprotz am Kreis. Man muss dem DHB-Kreisläufer Patrick Wiencek, Spitzname Bamm-Bamm, nicht zu nahe treten, wenn man annimmt, dass er einen ohne jeden bösen Willen mit seinen 110 Kilogramm Gewicht umrennen und in eine Flunder verwandeln könnte. Dass die Europameister von 2016 sich mit dem mäßig sympathischen Claim "Bad Boys" schmückten, passt ganz gut dazu. Man möchte als Normalsterblicher auf dem Platz nicht dazwischen geraten. Handball ist so etwas wie das deutsche American Football. Nur ohne Schutzkleidung.

Früher, als Handball noch jeden Sonntag in der ZDF-Sportreportage von Millionen geguckt wurde, hatte ich immer Mitleid mit dem Flügelspieler Peter Quarti von Tusem Essen, der so hilflos und klein zwischen all seinen Mit- und Gegenspielern wirkte und das große Glück hatte, dass Abwehrbösewicht Peter Krebs sein Teamkollege war. Krebs, mit allen, aber wirklich allen Wassern gewaschen, war einer, der keinem Scharmützel aus dem Wege ging. Also der klassische Handballer. Ein Bad Boy.

Wer je bei einem wichtigen Länderspiel in der Halle saß, wenn es in der Schlussphase eng wird, wenn die Verantwortlichen mit hochrotem Kopf den Zeitnehmertisch umlagerten, die Trainer sich heiser schrien, der nahm sich vor, beim nächsten Besuch einen Regenschirm mitzunehmen, weil das Testosteron in der Halle nicht mit der Gießkanne, sondern gleich mit dem Eimer ausgeschüttet wurde. Der ARD-Experte für Handball im Fernsehen heißt Florian Naß. Dass das Zufall ist, glaubt doch niemand.

Man muss bei jedem Turnier nur auf den Moment warten, wo die Empörung auch den jeweiligen deutschen Fernsehkommentator infiziert hat, da eine deutsche Niederlage gemeinhin von den vermeintlich willkürlich pfeifenden Schiedsrichtergespannen (gerne aus Osteuropa) ausgeht und der Mann am Mikrofon alles tut, die Lautstärke in der Halle noch durch seine überschwappende Stimme übertönen zu müssen.

Handball ist Mann gegen Mann, Frau gegen Frau. Einen Angriff über den Rückraum durch die gegnerische Abwehrkette hindurch zum Tor zu wagen, meistens mit zwei am Trikot reißenden 90 Kilo schweren Abwehrspielern im Gepäck, die wie Kletten an einem hängen, ist in Sachen Mutproben im Sport ganz weit oben angesiedelt. Ohne Aggression ist Handball undenkbar. Schöngeister sollten sich anderswo umtun.

Team Eilenberger.

insgesamt 46 Beiträge
Zäsus 10.01.2019
1. Industriemarionette Deutschland
Andere Verbände, andere Sitte. Aber könnte bitte jeder Verband seine Truppe mit dem offiziellen Titel "Nationalmannschaft" WERBEFREI aufs Feld schicken? Lidl, AOK, KatarAirways, WaffenExportGmbH™️, [...]
Andere Verbände, andere Sitte. Aber könnte bitte jeder Verband seine Truppe mit dem offiziellen Titel "Nationalmannschaft" WERBEFREI aufs Feld schicken? Lidl, AOK, KatarAirways, WaffenExportGmbH™️, MenschenrechtsverletzerInPakistan®... Joey "Werbeslogan" Kelly oder Axel "Litfaß" Schulz als Deutsche Botschafter, will man das? Echt peinlich.
steffenbaensch777 10.01.2019
2. Es gibt im Handball ganz unterschiedlich gelagerte Emotionen
Als jemand der selbst Handball auf hohem Niveau gespielt hat, kann ich nur sagen, dass es natürlich diese dem Handball innewohnende Emotionalität gibt. Das ist auch gut so und zeichnet den Sport aus. Ob man das Hin- und Her mag, [...]
Als jemand der selbst Handball auf hohem Niveau gespielt hat, kann ich nur sagen, dass es natürlich diese dem Handball innewohnende Emotionalität gibt. Das ist auch gut so und zeichnet den Sport aus. Ob man das Hin- und Her mag, dieses die Lücke suchen - Geschmacksache. Was ich aber in meiner aktiven Zeit nie mochte sind alle Probleme und letztlich auch Emotionen, die mit dem Thema Regeln und Schiedsrichter zu tun haben. Foul- oder Stürmerfoul? Nur Foul oder zwei Minuten? Es ist im Handball vieles so unklar geregelt, dass man immer wieder verzweifelt. Handball könnte viel populärer sein, wenn das alles klarer geregelt wäre.
citizen01 10.01.2019
3. Entweder man liebt es oder ... . Inflationär gebraucht, stimmt meist
nicht. Wer haßt - auch so'n Modebegriff - schon so einen Sport. Desinteresse ist wahrscheinlicher. Ich persönlich mag die Dynamik darin.
nicht. Wer haßt - auch so'n Modebegriff - schon so einen Sport. Desinteresse ist wahrscheinlicher. Ich persönlich mag die Dynamik darin.
gnarze 10.01.2019
4. 50%
Der Artikel ist eigentlich sehr schön geschrieben - leider ist er in einer Sache nicht ganz korrekt. Handball ist medial so präsent wie noch nie. Sky übertragt Handball in Einzelspielen und/oder Konferenz, auch Sport1 hat [...]
Der Artikel ist eigentlich sehr schön geschrieben - leider ist er in einer Sache nicht ganz korrekt. Handball ist medial so präsent wie noch nie. Sky übertragt Handball in Einzelspielen und/oder Konferenz, auch Sport1 hat vormals sehr viele Spiele live übertragen. Nicht ohne Grund ist Handball auch die Mannschaftssportart mit den meisten Zuschauern. Ich freue mich sehr auf die WM.
K. Larname 10.01.2019
5.
Ich weiß nicht - ereifern, erregen, lieben oder hassen finde ich persönlich zu dick aufgetragen. Allgemeine Selbstzitate zu Handball: "Nur selten Lust zu schauen, mir zu hektisch" "Gegen Handball ist [...]
Ich weiß nicht - ereifern, erregen, lieben oder hassen finde ich persönlich zu dick aufgetragen. Allgemeine Selbstzitate zu Handball: "Nur selten Lust zu schauen, mir zu hektisch" "Gegen Handball ist Fußball nur Balett" "Handball sollte eher unter Kampfsportarten laufen" *Wenn* ich mal Lust habe, mir die Handball-Hektik anzutun, macht es mir auch Spaß. Schnell und hart und deshalb kaum langweilig, sondern konstant mitreißend. Schwitzen schon vom Zuschauen :-)

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