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Sport

Kerber im Wimbledon-Halbfinale

Favoritin wider Willen

In Wimbledon spielt Angelique Kerber wieder Tennis in Bestform. Weil die anderen Top-Spielerinnen längst raus sind, steigen die Erwartungen an die ehemalige Nummer eins - auch die Hoffnung auf ein deutsches Finale.

REUTERS

Angelique Kerber

Von Philipp Joubert
Donnerstag, 12.07.2018   11:37 Uhr

Mitten auf dem bekanntesten Tennisplatz der Welt, dem Centre-Court in Wimbledon, hatte sich Angelique Kerbers Viertelfinalgegnerin Daria Kasatkina an ihrer eigenen, aufregenden Form der Chaostheorie versucht. Nach zwei Stunden setzte Kerber dem wilden Treiben mit ihrem siebten Matchball ein Ende.

Auch wenn nach außen nicht viel System hinter dem steckte, was die junge Russin machte, die Muster selbst für eine Antizipationskünstlerin wie Angelique Kerber nur schwer zu erkennen waren, hatte die Kielerin durchaus Spaß gehabt an diesem Dienstagnachmittag. Wie konnte sie auch nicht? Nach dem Achtelfinalsieg gegen Belinda Bencic hatte Kerber schon wieder gegen eine Gegnerin gewonnen, die ihr in der Vergangenheit Knoten in die Beine gespielt hatte.

"Man kann das schon genießen", sagte Kerber im Anschluss an den 6:3, 7:5-Sieg - und fügte im gut gefüllten Presseraum an: "Die Zuschauer waren ja auch voll dabei, das hat man natürlich gemerkt." Seit ihrem Grand-Slam-Siegerinnenjahr 2016 ist Kerber ein Star, auch hier in Wimbledon, wo sie große Namen besonders gern in den Schlussrunden sehen.

Fast so gut wie 2016

Als einzige Spielerin hat Kerber in diesem Jahr bei allen bisher gespielten Grand-Slam-Turnieren jeweils mindestens das Viertelfinale erreicht. Trotzdem war sie nach dem Sieg gegen Kasatkina wieder darum bemüht, sich der Favoritinnenrolle zu entziehen. Auch wenn schon längst alle Top-Gesetzten aus dem Tableau des Damenturniers ausgeschieden sind. "Ich schaue nicht, wer Favoritin ist oder nicht. Die Spielerinnen, die im Halbfinale sind, haben es verdient," sagte Kerber.

Die 30-Jährige spielt über weite Strecken wie im Jahr 2016, als sie die Australian Open und US Open gewann und in Wimbledon erst in einem hochklassigen Finale gegen Serena Williams verlor. Kerber ist aber nicht nur stark in der Defensive und wohltemperiert im Angriff. Sie gewinnt vor allem die Punkte, die Champions ausmachen. Das sind nicht unbedingt jene, an die sich Zuschauer im Nachgang erinnern. Vielmehr ist Kerber schon das ganze Turnier dominant, wenn es darum geht, die kurzen Ballwechsel von vier oder weniger Schlägen zu gewinnen.

Auch im Viertelfinale hatte sie hier einen Vorteil von 41:21. Das sind Welten in einem Sport, in dem oft eine Handvoll Punkte den Unterschied machen. Es sind Zahlen, die dafür sprechen wie gut der Rückschlag Kerbers wieder kommt und wie respektabel der früher oft schwächelnde Aufschlag geworden ist. Mit ihrem neuen Coach Wim Fissette hat sie in diesem Jahres daran gearbeitet.

DPA

Wim Fissette, Angelique Kerber

Auch im heutigen Halbfinale (14 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) wird Kerber die neue Aufschlagssicherheit brauchen. Denn dort wartet eine ganz andere Art von Spielerin auf die 30-Jährige. Jelena Ostapenko, die French-Open-Siegerin aus dem Jahr 2017, variiert im Gegensatz zu Viertelfinalgegnerin Kasatkina nicht das Tempo - sie schießt Tennisgranaten. Wenn der Ball im Spiel ist, kennt Ostapenko nur ein Motto: sehen und draufhauen. So lange bis das Match gewonnen - oder verloren ist.

Die Chance auf ein "ziemlich cooles" Endspiel

Sollte Kerber auch diese anspruchsvolle Hürde überstehen, könnte es am Samstag zu einer historischen Begegnung kommen. Denn erstmals seit dem Wimbledon Endspiel 1991 zwischen Michael Stich und Boris Becker könnten wieder zwei deutsche Profis ein Grand-Slam-Finale bestreiten. Auch wenn sich die zweite deutsche Halbfinalistin Julia Görges heute (15.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE) der wohl anspruchsvollsten Aufgabe des Damentennis gegenüber sieht.

Bei ihrem Halbfinaldebüt trifft die Regensburgerin auf die 23-malige Grand-Slam-Siegerin Serena Williams. Obwohl gerade erst von einer Babypause zurückgekommen, beeindruckt die US-Amerikanerin schon wieder mit konzentrierten Leistungen.

Görges, weiß um den besonderen Moment. "Für mich ist es eine große Chance und Ehre den Centre-Court mit Serena teilen zu dürfen", sagte die 29-Jährige im Anschluss an ihren Viertelfinalsieg gegen Kiki Bertens.

Völlig chancenlos ist Görges mit ihren klug platzierten Aufschlägen nicht. Trotzdem scheute sie sich - wie die anderen Beteiligten - schon zu sehr in Richtung eines möglichen Finales gegen Kerber zu schielen. Immerhin, als ein Journalist sie fragte, wie sich denn die Aussicht auf ein rein deutsches Endspiel anhöre, lachte Görges, und sagte: "Ziemlich cool."

insgesamt 12 Beiträge
bn 12.07.2018
1. Kerber ist aber gar nicht die Favoritin.
Das ist naemlich Serena Williams. Laut oddschecker zur Zeit: Williams:1 Kerber: 13/5 Ostapenko: 19/4 Goerges: 12 Die implizierten Gewinnwahrscheinlichkeiten (gerundet; erwartet von den Menschen, die Geld einsetzen): [...]
Das ist naemlich Serena Williams. Laut oddschecker zur Zeit: Williams:1 Kerber: 13/5 Ostapenko: 19/4 Goerges: 12 Die implizierten Gewinnwahrscheinlichkeiten (gerundet; erwartet von den Menschen, die Geld einsetzen): Williams: 0.5 Kerber: 0.28 Ostapenko 0.17 Goerges: 0.08 Die Summe dieser Gewinnwahrscheinlichkeiten (einzelne Gewinnwahrscheinlichkeiten ungerundet): 1.029 Diese letzte Zahl ist groesser als 1; das liegt daran, dass ich immer die guenstigten odds verschiedener Wettanbieter genommen habe. Bei jedem einzelnen Wettanbieter waere die Summe der Gewinnwahrscheinlichkeiten immer kleiner als 1, damit der Anbieter noch Gewinn macht. Wir stellen fest: a) Williams ist haushohe Favoritin, ihre Gewinnwahrscheinlichkeit wird fast doppelt so hoch eingeschaetzt wie die von Kerber b) Kerber ist Favoritin gegenueber Ostapenko, aber weniger als Williams gegen Kerber c) Goerges wird klar am schlechtesten eingeschaetzt, die Gewinnwahrscheinlichkeiten von Kerber bzw. Williams werden 6.5 bzw 3.6 mal staerker eingeschaetzt; Ostapenko immer noch 2.3 mal staerker. Der Vorteil solcher Zahlen: a) sie spiegeln die aggregierte Meinung vieler Menschen wieder, die ein wirtschaftliches Risiko bei der Einschaetzung der Gewinnwahrscheinlichkeitseinschaetzung eingehen - und die auch, wie SPON, alle matches gesehen und analysiert haben b) Die Menschen, die wetten, interessieren sich ueberhaupt nicht fuer die Setzliste, die hauptsaechlich durch die Weltranglistenposition gegeben ist - kaum modifiziert fuer Spielstaerkenaenderung nach Belag oder momentaner Form. Sie betrachten im Gegenteil momenatne Form, wer noch im Wettbewerb ist, Spielstaerke nach Belag etc. c) Zeitschriften wie der Spiegel brauchen keine Artikel mehr zu veroeffentlichten, in denen einzelne Spielerinnen zu Favoriten/Nichtfavoriten erklaert werden (Man kann natuerlich weiterhin solche Artikel veroeffentlichen, die sollten dann aber als Meinung dargestellt werden, denn die Wahrheit liegt bei den Wettanbietern) d) Zeitschriften wie der Spiegel koennen also nun Artikel veroeffentlichen, in denen die Entwicklung der Wettquoten analysiert wird - das waere so was wie ein Faktenartikel - oder, wie in diesem Artikel der Fall, Berichte ueber die persoenliche Einschaetzung der Spielstaerke von Spielerinnen ohne die Wahrnehmung von Konkurrenteninnen (Williams). Das sind dann halt Meinungsartikel.
Haref 12.07.2018
2. Egal, wie Wettanbieter
die Chancen sehen, ich freue mich darüber, daß es Kerber und Görges so weit geschafft haben und drücke beiden heftigst die Daumen, ins Finale zu kommen !
die Chancen sehen, ich freue mich darüber, daß es Kerber und Görges so weit geschafft haben und drücke beiden heftigst die Daumen, ins Finale zu kommen !
spon-facebook-10000012354 12.07.2018
3. Statistik im Tennis
Der Autor behauptet ja überhaupt nicht, dass Kerber und Görges gute Chancen haben: "Sollte Kerber auch diese anspruchsvolle Hürde überstehen", formuliert er. "Völlig chancenlos ist Görges mit ihren klug [...]
Der Autor behauptet ja überhaupt nicht, dass Kerber und Görges gute Chancen haben: "Sollte Kerber auch diese anspruchsvolle Hürde überstehen", formuliert er. "Völlig chancenlos ist Görges mit ihren klug platzierten Aufschlägen nicht". Williams hat das Tennis so dominiert, dass ohne Verletzung sie das Finale ohne große Probleme gewinnen wird. Allerdings: Mit Pliskovas Ausscheiden ist dies das erste Mal in der Open-Ära (seit 1968), in der es bei einem Grand Slam keine Top-10-Spielerin im Viertelfinale geben wird. Das stimmt - das ist noch nie passiert, ob bei Frauen oder Männer. Chris Evert erklärt dies so: ""Ich denke, dass es verschiedene Antworten gibt. Erstens gibt es in diesem Turnier mehr Stress, weil du nur diese drei Wochen Zeit hast und wenn du in Frankreich gut spielst, ist es noch weniger. Es sind wirklich anderthalb Wochen oder zwei Wochen, bei jedem anderen Grand Slam hast du eine achtwöchige Saison, in der du dich an die Oberfläche gewöhnen kannst. "Das Gras ist das genaue Gegenteil von beiden Hartplätzen und Sandplätzen - der Fuß ist anders, man bewegt sich nicht so gut, wenn man nicht sicher ist, die Bounces sind unterschiedlich, manchmal ist es unberechenbar, der Platz wird ein bisschen zerkaut, Power-Spieler profitieren hier mehr: Mit zwei Grand Slams, die so nah beieinander liegen, bekommt man einfach nicht genug Vorbereitung, um sich so richtig wohl zu fühlen. "Ich denke, wir werden auf jeden Fall noch mehr Überraschungen sehen, weil es mehr Breite unter den Spielern gibt. Aber mehr als die Breite, diese Oberfläche ist ein Equalizer. Du bekommst einen Powerplayer, der auf Platz 100 der Welt ist, wenn es heiß ist "Sie können jeden Spieler der Welt hier schlagen. Power gibt dir wirklich einen Vorteil auf Gras. Das ist auf anderen Oberflächen neutralisiert, aber nicht hier." Trotzdem wird Williams wohl gewinnen, aber dieses Turnier ist voller Überraschungen. http://www.espn.com/tennis/story/_/id/24048353/wimbledon-2018-no-top-10-players-women-quarterfinals-not-everyone-surprised
jean-baptiste-perrier 12.07.2018
4. Alles offen, sonst wäre es kein Sport!
Ja, da sind wir wieder in der schönen neuen Welt der "öffentlichen und transparenten" "Analysen" von Wettanbietern. Jetzt wird dazu noch das Argument der Schwarm-Intelligenz aufgetischt. Damit kann man auch [...]
Ja, da sind wir wieder in der schönen neuen Welt der "öffentlichen und transparenten" "Analysen" von Wettanbietern. Jetzt wird dazu noch das Argument der Schwarm-Intelligenz aufgetischt. Damit kann man auch erklären, wieso bei allen demokratischen Wahlen stets die vernünftigsten und fähigsten Politiker gewählt werden. Donald Trumps Präsidentschaft beruht letztlich auch auf Schwarm-Intelligenz! Es gibt andere, seriöse Quellen die Kerber vor Williams als Favoritin Nr.1 sehen, basierend auf statistischen Spiel-Daten: https://tennismash.com/2018/07/10/wimbledon-ratings-federer-kerber-favourites-to-win/
jean-baptiste-perrier 12.07.2018
5. Mythos vs Realität!
"Williams hat das Tennis so dominiert, dass ohne Verletzung sie das Finale ohne große Probleme gewinnen wird." -------------- Zitat Ende ------------ Viele (auch ehemalige Weltklasse-Spieler) nennen jetzt (!) Serena [...]
"Williams hat das Tennis so dominiert, dass ohne Verletzung sie das Finale ohne große Probleme gewinnen wird." -------------- Zitat Ende ------------ Viele (auch ehemalige Weltklasse-Spieler) nennen jetzt (!) Serena Williams auch als die große Favoritin. Das basiert jedoch nicht auf Analysen ihrer aktuellen Spiel-Daten, sondern auf dem historisch begründeten Mythos. Der Mythos allein reicht aber nicht, wenn ein Gegenspieler sein ganzes Herz auf den Platz bringt und den Mythos ignoriert, wie gestern Kevin Anderson gegen Roger Federer. Das gleiche gelang in den letzten drei Jahren Roberta Vinci, Angelique Kerber, Garbine Muguruza, Karolina Pliskova. Serena quasi als unbesiegbar zu verklären, ist absolut lächerlich und lässt sich anhand der Statistik insbesondere seit 2015 leicht widerlegen. Entscheidend is' auf'm Platz!

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