29.02.2012
Biathlon-Bundestrainer Müssiggang
"Wir wollen niemanden abwerben"
Biathlon-Bundestrainer Müssiggang: "Ich verstehe die ganze Aufregung nicht"
SPIEGEL ONLINE: Herr Müssiggang, Magdalena Neuner beendet nach dieser Saison ihre Karriere, Nachwuchstalente sind im Frauenbereich kurzfristig nicht in Sicht. Um die Lücke zu schließen, sollen gute deutsche Langläuferinnen zum Biathlon wechseln. Wie viele Athletinnen haben Sie schon abgeworben?
Müssiggang: Keine einzige. Und im Übrigen wollen wir auch niemanden abwerben. Es geht darum zu schauen, ob gute Langläuferinnen für einen Wechsel zum Biathlon in Frage kommen. Vor allem müssen sie dazu aber auch Lust haben. Ist das nicht der Fall, macht ein Wechsel keinen Sinn.
SPIEGEL ONLINE: Die Idee der Umschulung stammt von DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller und hat zuletzt für jede Menge Aufregung gesorgt. Wie weit sind denn die Verhandlungen zwischen Ihnen und Langlauf-Bundestrainer Jochen Behle fortgeschritten?
Müssiggang: Die Gespräche haben noch nicht einmal begonnen. Das werden wir nach der Saison machen, im April oder Mai. Bisher gibt es ja nur die grundsätzliche Idee, dass Langläuferinnen zu uns wechseln, wenn alles passt. Das hat es in der Vergangenheit immer mal wieder gegeben, Kati Wilhelm ist ja auch vom Langlauf gekommen. Daher verstehe ich die ganze Aufregung auch nicht.
SPIEGEL ONLINE: Wer also schnell in der Loipe unterwegs ist und Lust hat aufs Schießen, kann sich bei Ihnen bewerben?
Müssiggang: So nun auch wieder nicht. Für einen Wechsel kommen nur junge Spitzen-Langläuferinnen in Frage. Wir reden hier über zwei, maximal drei Personen. Dazu gehören zum Beispiel Denise Herrmann oder Hanna Kolb.
SPIEGEL ONLINE: Wieso ist eine Umschulung eigentlich nur im Frauenbereich ein Thema? Es gibt doch auch guten männlichen Langlauf-Nachwuchs in Deutschland.
Müssiggang: Absolut. Aber im Männerbereich können wir uns über fehlende Biathlontalente nicht beklagen.
SPIEGEL ONLINE: Weil dort die bessere Jugendarbeit geleistet wird?
Müssiggang: Nein, weil wir dort derzeit einfach mehr Talente haben. Florian Graf etwa, oder Simon Schempp.
SPIEGEL ONLINE: Warum kommt bei den Frauen zu wenig nach?
Müssiggang: Wir haben bei den Juniorinnen ja Talente, bei den 16-, 17- und 18-Jährigen. Nur muss man abwarten, ob diese sich zu Top-Biathletinnen entwickeln.
SPIEGEL ONLINE: Bei den um die 20-Jährigen fehlt es mit Ausnahme von Miriam Gössner an gutem Nachwuchs. Warum?
Müssiggang: Es ist ein Loch, wie es jede Nation bei einer Generation mal hat. Wir wurden davon fast 20 Jahre lang verschont, hatten immer junge Spitzenbiathletinnen. Das ist nun zum ersten Mal nicht der Fall.
SPIEGEL ONLINE: Um die Lücke zu schließen, gibt es die Idee mit der Umschulung der Langläuferinnen. Wie schnell erkennen Sie, dass jemand Talent hat zum Schießen?
Müssiggang: Man sieht relativ schnell, ob jemand ein Gefühl für die Waffe hat, wie gut er mit dem Gewehr umgeht. Nach wenigen Wochen herrscht da Klarheit.
SPIEGEL ONLINE: Und wie lange dauert es, aus einer guten Langläuferin auch eine gute Biathletin zu machen?
Müssiggang: Mindestens ein Jahr. Einerseits, um das Schießen im Training zu lernen und stetig zu verbessern. Vor allem aber, um eine komplette Saison mit Gewehr unter Wettkampfbedingungen absolviert zu haben. Biathlon ist mit dem Mix aus Laufen und Schießen eine ganze andere Art der Belastung. Man muss lernen, sich in den Laufpausen am Schießstand punktgenau zu konzentrieren.
SPIEGEL ONLINE: Wann wäre eine Umschulung gescheitert?
Müssiggang: Nach zwei Jahren, länger darf es nicht dauern. Ist aus einer guten Langläuferin dann noch keine gute Biathletin geworden, bringt es nichts mehr.
Das Interview führte Birger Hamann