27.02.2012
Biathlon-WM
Magdalena Neuners großer Abschied
Von Birger HamannDie Frage nach der Krise mag er nicht. Wenn er nach der Zukunft der deutschen Biathlon-Frauen gefragt wird, spricht Bundestrainer Uwe Müssiggang lieber von einer "schwierigen Phase, wie sie andere Nationen auch schon erlebt haben". Es gebe ja Nachwuchs, man müsse das alles ein wenig entspannter sehen, und außerdem kann es "nicht in jedem Jahrgang eine Magda" geben, denn die sei schließlich "ein Jahrhunderttalent".
"Magda" ist Magdalena Neuner, erfolgreichste und populärste deutsche Biathletin der Geschichte, die seit Wochen für Schlagzeilen sorgt. Anfang Dezember hatte die 25-Jährige ihren Rücktritt zum Ende dieser Saison bekanntgegeben. Die anstehende Weltmeisterschaft in Ruhpolding (29. Februar bis 11. März) soll ihre letzte große Show werden. Doch von Neuner-Festspielen ist kurz vor WM-Beginn kaum noch die Rede. Das beherrschende Thema ist jetzt schon die Zeit nach Neuner.
Der Deutsche Skiverband (DSV) hat im Frauen-Biathlon große Nachwuchssorgen. Das ist in einem Satz zusammengefasst das Dilemma, das durch Neuners große Erfolge bislang kaschiert werden konnte. Die Rücktritte von Kati Wilhelm und Martina Beck nach den Olympischen Winterspielen 2010 in Vancouver waren noch erwartet worden. Neuners Abschied hingegen hatte sich intern zwar schon seit Sommer vergangenen Jahres angedeutet, kam letztlich aber doch überraschend. Binnen zwei Jahren verliert Deutschland drei Siegläuferinnen, die es zusammen auf bislang 18 WM-Titel und fünf olympische Goldmedaillen bringen.
Müssiggang glaubt nicht an ein Neuner-Comeback
"Das verkraftet kein Verband", sagt DSV-Sportdirektor Thomas Pfüller, dessen Hoffnungen in Zukunft auf der siebenfachen Weltmeisterin Andrea Henkel, 34, ruhen müssen. Tina Bachmann, 25, traut man zumindest die erweiterte internationale Spitze zu. Davon ist Miriam Gössner, 21, derzeit weit entfernt. In der Loipe sind ihre Leistungen überragend, am Schießstand aber immer noch katastrophal. Zudem scheint sie dem Druck, als größtes Talent zu gelten, nicht gewachsen zu sein. Neuner erwies ihr daher keinen Dienst, als sie der "Sport Bild" sagte: "Miri hat das Zeug, eines Tages in meine Fußstapfen zu treten und die neue deutsche Vorzeige-Biathletin zu werden."
Müssiggang ist sich jedoch sicher, dass es sportlich keine zweite Magdalena Neuner geben wird. "Ihr Niveau erreicht auch niemand mit Training", sagt der 60-Jährige. Zwar hoffen viele Biathlon-Fans noch immer, dass Neuners Abschied nur ein vorübergehender ist, sie im übernächsten Winter zurückkehrt, pünktlich zu den Olympischen Winterspielen 2014 in Sotschi. "Ich würde mich sehr darüber freuen", sagt auch Müssiggang: "Aber ich kenne Magdalena mittlerweile ganz gut: Sie wird nicht zurückkommen."
Kooperation von Biathlon und Langlauf angedacht
Ob der sportlich eher mittelmäßigen Zukunftsaussichten hatte Sportdirektor Pfüller eine Kooperation von Langlauf und Biathlon ins Spiel gebracht. Der Plan: gute deutsche Langläuferinnen zu Biathletinnen umzuschulen. "Wir verdienen unser Geld nicht mit Langlauf, sondern mit Biathlon", so Pfüllers Argumentation vor dem Hintergrund der immensen TV-Präsenz und der damit einhergehenden Werbeerlöse des Biathlons. Allerdings habe es noch nicht einmal Gespräche über irgendeine Art der Kooperation gegeben, sagte Müssiggang SPIEGEL ONLINE: "Bisher gibt es nur die grundsätzliche Idee, dass Langläuferinnen zu uns wechseln, wenn alles passt."
Für den Männerbereich gibt es derlei Überlegungen nicht. Die haben ihre sportliche Talfahrt längst hinter sich. Nach den Rücktritten der Medaillengaranten Sven Fischer, Ricco Groß und Frank Luck war nur noch Michael Greis ein Siegläufer. Zu einem solchen ist mittlerweile auch der schon 30 Jahre alte Andreas Birnbacher geworden, der in dieser Saison schon drei Weltcuprennen gewann. Zudem haben sich Arnd Peiffer, 24, Simon Schempp, 23, und Florian Graf, 23, in der erweiterten internationalen Spitze etabliert. "Bei den Männern hatten wir nie Nachwuchsprobleme. Als die Alten abtraten, standen die Jungen schon bereit", sagt Müssiggang.
Daher erwartet man beim DSV von den Biathleten in Ruhpolding auch mehr als bei der WM im vergangenen Jahr im russischen Chanty-Mansijsk. Damals hatte Peiffer zwar Gold im Sprint geholt, dazu gab es Silber in der Mixed-Staffel, ansonsten gingen die Männer aber leer aus. Dass Deutschland vor einem Jahr dennoch Platz eins im Medaillenspiegel belegte, war den Frauen zu verdanken, vor allem Neuner: Die gewann Gold im Sprint, Massenstart und mit der Staffel, dazu Silber in der Verfolgung und mit der Mixed-Staffel.
"Eine Heim-WM ist immer besonders schwer, der Druck wird enorm sein", stapelt Müssiggang tief. Auf eine Anzahl Medaillen will er sich partout nicht festlegen, um seine Athleten nicht noch mehr zu belasten. Immerhin sagt er: "In Ruhpolding haben wir wieder gute Chancen, ganz vorne mitzulaufen."
Vorne mitlaufen - für Magdalena Neuner wäre das zu wenig. Von ihr werden Goldmedaillen erwartet, nicht weniger. Nur dann werden es auch Neuner-Festspiele.

