07.03.2012
Biathletin Neuner
Der Sturm vor der Ruhe
Von Sebastian Winter, RuhpoldingMagdalena Neuner nahm eine Abkürzung, um in den Interviewbereich zu kommen. Dabei musste sie über einen Zaun steigen, womit die 25-jährige Biathletin ziemliche Mühe hatte und einen kurzen Moment stecken blieb. Sie trug ja noch ihr Gewehr auf dem Rücken sowie die Ski und Stöcke in ihrer linken Hand. Das Bild passte.
Es war nicht die einzige Situation, die der deutschen WM-Goldhoffnung Schwierigkeiten bereitete an diesem Tag. Denn Neuner musste später sechs Schießfehler und ihren 23. Platz im Einzelrennen über 15 Kilometer erklären: Sie sagte erst die üblichen Sätze, sprach von Enttäuschung, von der Frustration, mit zwei Fehlern beim ersten Schießen ins Rennen zu starten, von ihrer Motivation, die sie bereits vor dem letzten Schießen verlassen habe.
Und dann, nach einer weiteren Frage, war sie zum ersten Mal etwas genervt: "Ich schaue doch nicht so aus, als würde ich gleich von der Brücke springen." Neuner wirkte dabei, als würde sie ein Ventil öffnen wollen, um endlich etwas von dem Druck abzulassen, den sie während dieser Weltmeisterschaft in Ruhpolding - ihrem letzten Großereignis vor dem Ende ihrer Karriere - gespürt haben muss.
Wunsch, in jedem der sechs Rennen eine Medaille zu holen
Immer wieder hatte sie gebetsmühlenartig wiederholt, dass ihr dieser Druck nichts ausmache, dass er sie eher beflügele. Sie hat ihn ja auch selbst geschürt mit ihrem Wunsch, in jedem der sechs Rennen eine Medaille zu holen. "Ich fühle mich jetzt reif, auch im Einzel zu gewinnen", hatte Neuner vor dem Rennen gesagt, auch weil sie bislang noch nie Edelmetall im Einzel bei einer Weltmeisterschaft oder den Olympischen Spielen gewonnen hat.
Neuner fehlt dieser eine Erfolg, dieser Makel wird bleiben. Auch wegen der Schwierigkeit, für jeden Schießfehler sofort eine Zeitstrafe von einer Minute zu erhalten und keine Strafrunde drehen zu können, die nur rund 25 Sekunden dauert. Das Reglement ist brutal und Neuner eine exzellente Läuferin, aber nicht die beste Schützin. Ihre Leistungen schwanken dort viel stärker als in der Loipe. Sie ärgert das, auch wenn sie nach dem Rennen sagte: "Es ist alles in Ordnung. Die Welt geht deswegen nicht unter."
Magdalena Neuner lächelte tapfer dazu, aber es war ein dünnes Lächeln, und die Augen strahlten nicht wie noch am Samstagabend, als sie nach ihrer Goldmedaille im Sprint - ohne Schießfehler - bei der Medaillenzeremonie die deutsche Hymne und die fahnenschwenkende Menge in sich aufsog und später mit ihrer Zimmerkollegin Miriam Gössner im Deutschen Haus Partylieder sang.
2006 Weltcup-Debüt in Ruhpolding
Da schien sie sehr viel Freude an dieser Heimweltmeisterschaft in Ruhpolding zu haben, jenem Ort, in dem sie 2006 ihr Weltcup-Debüt gegeben hatte und sich der Kreis nun schließen soll. Ihr erstes Rennen auf der großen Bühne wurde damals zur Farce, als Ersatz für Uschi Disl landete Neuner im Sprint auf Platz 41. "Damals ging alles schief, was schiefgehen konnte", sagte Neuner zu ihrem verunglückten Start.
Am Mittwoch waren wieder 26.000 Zuschauer in die Arena gekommen, sie schwenkten Fähnchen, statt "Oh Macarena" sangen sie "Oh Magdalena". Mit jedem Schießen wurde es stiller im Stadion, obwohl das Rennen noch lief und durchaus spannend war. Die Biathlon-WM war jedoch von Anfang an eine Neuner-WM und das verwöhnte deutsche Publikum erwartet genau das: Medaillen. Die Männer haben bislang enttäuscht, die Frauen weitestgehend auch, nur Neuner hat die Erwartungen - auch ihre eigenen - mit Gold, Silber und Bronze in den bisherigen drei Rennen erfüllt.
Nun ist eine kleine Delle in ihre Bilanz geraten, im für sie von vornherein schwierigsten aller Rennen. Doch auch wenn sie sich ärgerte und etwas genervt war, blieb sich Neuner selbst in dieser heftigen Niederlage treu: Sie wirkte nicht verbissen, sondern nahm ihre Schlappe hin, sie winkte nach dem Zieleinlauf ins Publikum, als die Masse nach ihr kreischte. Und als ein Fernsehteam das Mikrofon nicht nah genug an sie heranbrachte, weil der Andrang so groß war, packte sie es einfach: "Soll ich es selber halten?"
Magdalena Neuner weiß allerdings auch, dass der Druck nun weiter gestiegen ist. Sie sagte auch, dass sie etwas gutzumachen habe in der Staffel am Samstag (15.15 Uhr, Liveticker SPIEGEL ONLINE). Ihre bisherige Bilanz ist gut, aber noch nicht der krönende Abschluss, den sie sich erhofft hatte. Dann verabschiedete sie sich freundlich mit einem "Tschüß". Als am Ausgang Kinder auf sie zu rannten und um Autogramme baten, erfüllte Neuner auch diese Wünsche. Dann rief sie: "Ich geh' jetzt heim."
Neuner, die sich so nach Ruhe sehnt, meinte das Athletenhotel. Seit diesem Mittwoch kann sie immerhin die Tage an einer Hand abzählen, bis sie wirklich nach Hause, nach Wallgau, fahren kann.

