06.01.2013
Tournee-Sieger Schlierenzauer
Die Luftmacht
Von Nils Lehnebach und Lukas RilkeHamburg/Bischofshofen - Gregor Schlierenzauer war kaum gelandet, da ballte er die Faust, einmal, zweimal, dreimal. Der Österreicher hatte gerade seinen letzten Sprung bei der Tournee gestanden, 137,5 Meter im zweiten Durchgang von Bischofshofen. Auch wenn er die Weite noch nicht wusste war er sich seines Triumphs schon sicher: Tagessieg und Gesamtsieg bei der Vierschanzentournee, Schlierenzauer ist erneut der "König der Lüfte".
"Es ist unglaublich. Ich habe sechs Jahre gekämpft und jetzt gewinne ich das Scheißding gleich zwei Jahre hintereinander", sagte Schlierenzauer, der zuvor mehrfach gescheitert war, mal ganz knapp, mal ganz deutlich. Schon bei seinem Debüt 2006/2007 belegte er den zweiten Rang, 2010/2011 wurde er aber nur 36.
Nun aber holte er seinen zweiten Titel in Folge - auch weil er im Gegensatz zum Vorjahr eine neue Qualität zeigte: Nervenstärke. 2011/2012 hatte er die ersten beiden Springen gewonnen - und anschließend den Gesamtsieg souverän nach Hause gebracht. Doch diesmal kam es anders. Die überragenden Norweger sorgten zunächst für österreichische Tristesse. Anders Jacobsen gewann die ersten beiden Wettbewerbe und hatte vor dem Neujahrsspringen schon 12,5 Punkte Vorsprung. Schlierenzauer aber konnte noch einmal kontern, deklassierte seinen Konkurrenten in Innsbruck und setzte sich zwei Tage später die Krone auf.
"Unter extremem Druck reifen Diamanten", sagte ein sehr selbstbewusster Schlierenzauer. "Es war bis zum Schluss extrem spannend. Dieser Sieg ist unglaublich und kaum zu fassen. Es wird noch dauern, bis ich begriffen habe, dass ich die Tournee zum zweiten Mal gewonnen habe."Für die Österreicher war es nach zuvor Wolfgang Loitzl, Andreas Kofler und Thomas Morgenstern der fünfte Gesamtsieg in Folge - und dennoch war die Skisprung-Nation mit den Leistungen ihrer Athleten nicht zufrieden. Morgenstern und Kofler patzten schon in Oberstdorf, Loitzl in Garmisch. Dazu stürzte Manuel Fettner in der Qualifikation von Bischofshofen, so dass am Ende nur Schlierenzauer in die Top Ten kam.
Das Ergebnis schmerzte umso mehr, da das deutsche Team bis zum enttäuschenden Schlussspringen eine mannschaftlich gute Leistung zeigte und schließlich mit Michael Neumayer (Rang sechs), Andreas Wellinger (9), Martin Schmitt (10), Richard Freitag (11) und Severin Freund (13) gleich fünf Springer unter die besten 15 brachte.
"Der beste Springer aller Zeiten"
Allein der engagierte Auftritt von Stefan Kraft, der in Bischofshofen Dritter und zugleich zum "Mann des Tages" gewählt wurde, besänftige die Österreicher. Er und Schlierenzauer sorgten dann beim letzten Springen doch noch einmal für Ausnahmestimmung bei den ÖSV-Fans, etwa 20.000 hatten im Dauerregen von Bischofshofen ausgeharrt. Sie schwenkten ihre Fahnen, zündeten bengalische Feuer - und jubelten über "Schlieri".
Für den war es, einen Tag vor seinem 23. Geburtstag, sein bereits 45. Weltcup-Sieg - der Österreicher ist schon jetzt eine Skisprung-Legende. "Schlierenzauer setzt dem Skispringen seinen Stempel auf - möglicherweise noch über Jahrzehnte. Der Bursche ist grenzgenial", so Toni Innauer, Olympiasieger von 1980. Und Bundestrainer Werner Schuster sagte: "Schlierenzauer ist für mich jetzt eigentlich schon der beste Springer aller Zeiten. Er hat die fast schon unschlagbare Kombination aus Arbeitswille und Talent und ist ein Botschafter des Sports." Der österreichische DSV-Trainer kam nach dem letzten Springen richtig ins Schwärmen: "Viele haben Talent und wollen nicht arbeiten, manche arbeiten aber ihnen fehlt es am Talent. Bei ihm passt einfach alles. Vom Elternhaus angefangen, zum Umfeld, dazu wie ein Skispringer aussehen muss. Da passt einfach alles."
Schlierenzauer dominiert beim Skispringen wie einst Magdalena Neuner beim Biathlon, hat aber anders als die Deutsche noch nicht genug. Zwei Ziele treiben den Österreicher noch an: Einen Olympiasieg im Einzel, den er 2014 in Sotschi verwirklichen will. Und den Rekord an Weltcup-Erfolgen, den derzeit noch Matti Nykänen hält. Doch der Finne siegte in seiner gesamten Karriere nur einmal mehr als Schlierenzauer bis jetzt. "Das sind zwei große Fische. Das Geniale ist, dass ich noch sehr jung bin und keinen Zeitdruck habe", sagt er.

