17.01.2013
Freestyle-Snowboarderin Mittermüller
Crash-Lady mit olympischer Mission
Von Sara PeschkeHamburg - Gebrochener Arm, gebrochenes Schlüsselbein, gebrochene Rippen, Gehirnerschütterung, ausgekugelter Ellenbogen, Kreuzbandrisse: Was sich wie die Krankenakte nach einem fürchterlichen Verkehrsunfall liest, ist die unvollständige Liste von Silvia Mittermüllers Sportverletzungen. Die 29-Jährige ist Deutschlands beste Freestyle-Snowboarderin, und im Laufe ihrer Karriere hat sie fast so viele Krankenhäuser wie Abfahrtshänge kennengelernt.
"Mein Sport ist eben nicht ungefährlich", sagt sie. "Ein paar Knochenbrüche gehören dazu. Als echte Verletzungen würde ich nur die drei Kreuzbandrisse und den kaputten Ellenbogen bezeichnen." Sie hält den Arm vor die Webcam ihres Computers, etwas unscharf ist eine große Narbe zu erkennen. Im T-Shirt sitzt Mittermüller auf ihrem Sofa in einem kleinen Apartment im US-amerikanischen Wintersportort Breckenridge, es ist kurz nach 6 Uhr morgens. Mittermüller ist hellwach.
Ihr Tag sieht so aus: "Ich gehe gleich ins Fitnessstudio, danach fahre ich mit einer Freundin auf den Berg, um ein bisschen Snowboard zu fahren. Am Nachmittag schwimme ich entweder oder ich gehe in die Sporthalle und springe Trampolin." Mittermüllers Disziplin ist der in Deutschland wenig bekannte Slopestyle. Dabei rasen die Snowboarder einen steilen Hang mit haushohen Schanzen und anderen Hindernissen herunter. Es geht nicht um Geschwindigkeit, sondern um möglichst spektakuläre Tricks.
"Ich bin meine eigene Trainerin"
Seit einiger Zeit trainiert Mittermüller, die eigentlich aus der Nähe von München kommt, mehrere Monate im Jahr in Colorado. "Weil hier die Bedingungen einfach besser sind. Zu Hause gibt es kaum geeignete Freestyle-Parks", sagt sie. Das größere Hindernis ist aber eigentlich ein anderes: Die mangelnde Unterstützung durch den deutschen Verband. Mittermüller, einzige deutsche Kandidatin für eine Slopestyle-Medaille der Snowboard-Weltmeisterschaft, die an diesem Donnerstag im kanadischen Stoneham beginnt, ist während des Trainings und der Wettbewerbe weitgehend auf sich selbst gestellt.
"Ich bin meine eigene Trainerin, meine eigene Managerin, meine eigene Physiotherapeutin", sagt Mittermüller. Es klingt eher fröhlich als verbittert, eher so, als habe sie sich mit ihrem Schicksal als unbeachtete Profisportlerin abgefunden. Es hat einige Jahre gedauert, aber mittlerweile kann die 29-Jährige von ihrer Leidenschaft leben. Sie hat Sponsoren gefunden und verdient zusätzlich Geld mit der Produktion von Freestyle-Videos - nicht mit dem Leistungssport.
Slopestyle-Parcours sind oftmals extrem gefährlich
Denn als solcher wird ihre Disziplin von den meisten Veranstaltern immer noch nicht wahrgenommen. "Für die sind wir Stunt-Marionetten in einer Unterhaltungsshow", sagt Mittermüller. "Je mehr Stürze, desto besser. Die Parcours sind oft eine Zumutung, saugefährlich. Manchmal hat man zwischen zwei Sprüngen nicht mal drei Sekunden Zeit." Auch der WM-Kurs sei einen Tag vor Beginn der Qualifikationsläufe eine Fehlkonstruktion gewesen. "Ich bin ihn noch nicht gefahren. Es kann sein, dass ich nicht mitfahre, wenn es so weitergeht. Traurig, dass so große Veranstaltungen so schlecht durchdacht sind", sagt Mittermüller.
Dabei schien sich in der jüngsten Vergangenheit endlich etwas geändert zu haben. Nachdem die Organisatoren der Olympischen Winterspiele 2014 verkündet hatten, Slopestyle ins Programm für Sotschi aufzunehmen, öffnete sich der Blick des Snowboardverbands Deutschland (SVD) für die neue Disziplin - und damit für Mittermüller, die erste deutsche Medaillengewinnerin bei den prestigeträchtigen X-Games überhaupt. Zuvor hatte vor allem die Förderung der Abfahrtdisziplinen wie Slalom oder Snowboardcross im Mittelpunkt gestanden.
"Olympia ist eine große Chance für meinen Sport, endlich professioneller zu werden", sagt Mittermüller. Während der Saison steht sie in regelmäßigem Kontakt mit dem Freestyle-Bundestrainer David Selbach. Der kämpft schon seit 2008 um die Integration von Slopestyle in die SVD-Struktur. "Anfangs war das sehr holprig, aber die Förderung für Silvia wird immer besser", sagt Selbach. Trotzdem ist er noch nicht zufrieden. "Um in Sotschi erfolgreich zu sein, müssen schleunigst alle Möglichkeiten ausgeschöpft werden. Die Konkurrenz hat vor Jahren damit angefangen, wir haben gerade erst den Motor gestartet", sagt Selbach: "Dabei hat Silvia das Potential."
Nach mehreren Verletzungen liegt Mittermüller derzeit auf Rang zwölf der World-Tour-Liste, die WM soll sie einen wichtigen Schritt nach vorne bringen. Ob das gelingt, hängt diesmal vor allem vom kanadischen Parcoursbauer ab. "Es wird schon alles werden", sagt Mittermüller, sie macht sich nicht verrückt. Lässig, wie Freestyler eben sind.

