09.02.2013
Weltmeisterin Höfl-Riesch
Die Stehauffrau
Aus Schladming berichtet Elisabeth SchlammerlDer ganz große Gefühlsausbruch fehlte am Tag des Triumphs. Maria Höfl-Riesch wirkte in sich gekehrt. Natürlich empfand sie Freude über den Sieg in der Super-Kombination bei der Ski-WM in Schladming, aber vor allem Dankbarkeit und auch etwas Stolz. Bei der kleinen Siegerehrung im Stadion sofort nach dem Rennen und auch später auf der großen Bühne mit der Goldmedaille um den Hals, schimmerten ihre Augen feucht. Sie genoss den zweiten WM-Titel ihrer Karriere eher still.
Maria Höfl-Riesch ist eine Stehauffrau, das war sie schon immer. Es gehörte seit jeher zu ihren großen Stärken, sich nicht lange aufzuhalten mit Enttäuschungen. "Wenn es mal nicht läuft", sagte sie stets, "darf man nicht verzweifeln und sich reinsteigern." Sie analysiert, hakt ab und schaut nach vorne. Bisher war das wenigstens immer so. Aber die vergangenen Wochen waren schwierig, sportlich wohl schwieriger als das meiste, was sie in den vergangenen fünf Jahren erlebt hat: viele Ausfälle, ungewohnte Fehler, wenig Lichtblicke.
"Ich fahre eigentlich nicht als Medaillenfavoritin nach Schladming. Vielleicht ist das ganz gut so", sagte sie vor der WM. Bei den Titelkämpfen sollte alles besser werden. Aber der erste Wettbewerb, der Super-G, begann mit einer vierstündigen Verschiebung. Vor ihr ging Lindsey Vonn ins Rennen, die Dauerrivalin, mit der sie früher einmal sehr gut befreundet war und jetzt nur noch befreundet ist.
Die Amerikanerin stürzte schwer, musst mit dem Hubschrauber ins Krankenhaus gebracht werden. Höfl-Riesch stand oben am Start, sie wusste, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. "Das lässt einen nicht kalt", gab sie später zu. Höfl-Riesch schied aus, nach nicht einmal 20 Sekunden. Der nächste Nackenschlag.
"Die darfst du nie abschreiben"
Der Alpindirektor des Deutschen Skiverbands, Wolfgang Maier, sagte trotzdem: "Ich halte sie immer noch für eine stabile Rennfahrerin. Die darfst du nie abschreiben." Aber vermutlich schwang bei diesen Worten mehr Hoffnung denn Gewissheit mit. Sie selbst haderte sehr. Manchmal, gibt sie zu, "habe ich schon an meinen mentalen Stärken gezweifelt". Marcus Höfl hatte deshalb seiner Frau schon in den Wochen davor empfohlen, Hilfe bei einem Mentaltrainer zu suchen. Aber sie lehnte ab. Jetzt, sagte sie am Freitag, "ist diese Fähigkeit wieder da". Deshalb zählt sie nun auch in der Abfahrt, im Riesenslalom und Slalom zu den Medaillenkandidatinnen.
"Maria ist wieder die Alte", sagte ihr Techniktrainer Christian Schwaiger bei der Siegerparty kurz vor Mitternacht. Der Österreicher hat das in erster Linie sportlich gemeint, aber vermutlich nicht nur. Er arbeitet mit der Doppel-Olympiasiegerin seit 2006 zusammen, ist erster Ansprechpartner in der Mannschaft für Hölf-Riesch. Schwaiger ist nicht nur ihr wichtigster Coach, sondern manchmal auch ihr Psychologe. Er hat sie begleitet auf dem Weg zurück zur Weltspitze nach den beiden Kreuzbandrissen, zu ihrem ersten WM-Titel 2009, den beiden Olympiasiegen 2010 und zum Gesamtweltcupgewinn 2011.
Aber dann ist etwas passiert, was Maria Höfl-Riesch bis heute nicht versteht. In der vergangenen Saison sah sie sich plötzlich heftiger Kritik ausgesetzt, nicht sportlich, damit hätte sie vermutlich umgehen können. Es hieß, sie sei fremdgesteuert, von ihrem Mann Marcus Höfl, und mittlerweile mehr Glamourgirl als Skirennläuferin.
Kein Platz für perfekte Professionalität
Marcus Höfl ist Sportmanager, und in dieser Funktion gehört es zu seinen Aufgaben, seine Frau ins rechte Licht zu rücken, sich um ihre Karriere nach der Karriere zu kümmern. Maria Höfl-Riesch fand nichts dabei, dass er kräftig mitmischte. Er war stets dabei, im Zielraum, bei Interviews, beim Essen mit der Mannschaft. Das führte zu Irritationen. Am Ende der Saison, nach vielen Gesprächen mit dem Verband, korrigierten die beiden den eingeschlagenen Weg. Höfl stellte einen Kommunikationsexperten ein, der sich nun um die Pressearbeit kümmert, und er selbst agiert nur noch im Hintergrund. Im Herbst kam dann noch ein Buch heraus, in dem Höfl-Riesch mit ihren Kritikern abrechnete.
Nun stört sich niemand mehr daran, wenn Marcus Höfl im Zielraum steht. Auch am Freitagabend hielt er sich dezent im Hintergrund. Er überließ seiner Frau die große Bühne, auf die sie als Skirennläuferin zurückgekehrt ist.

