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Sport

Skistar Shiffrin

Und sie ist erst 23

Mikaela Shiffrin ist dabei, sämtliche Rekorde im alpinen Skisport zu pulverisieren. Die junge US-Amerikanerin hat sich längst aus dem Schatten ihrer großen Teamkollegin Lindsey Vonn gelöst.

AFP
Von
Mittwoch, 16.01.2019   15:03 Uhr

Wenn man in Vail im Bundesstaat Colorado zur Welt kommt, hat man wohl keine andere Wahl. Es ist das Skiparadies der USA, berühmt für die Back Bowls, seine Tiefschneegebiete. Hier werden kleine Kinder auf Ski gestellt, darüber gibt es überhaupt keine Diskussionen. Mikaela Shiffrin wurde das Skifahren also sozusagen in die Wiege gelegt, ihre Eltern waren Skirennläufer, allerdings fuhren sie nur auf College-Niveau.

Das kann man ihrer Tochter nicht wirklich nachsagen.

Bei Shiffrin kommt man um Zahlen nicht herum. Am Dienstag hat sie im italienischen Kronplatz ihren 53. Weltcup-Erfolg gefeiert, bei ihrem nächsten Sieg hat sie Österreichs Skilegende Hermann Maier in der Statistik eingeholt. Zur Halbzeit des Weltcup-Winters hat sie zehn von 19 Frauenrennen gewonnen, der Rekord liegt bei 14 Saisonsiegen, er ist 30 Jahre alt und wird von der Schweizerin Vreni Schneider gehalten. Niemand zweifelt daran, dass Shiffrin diese Bestmarke übertreffen wird.

Im Slalom hat Shiffrin jetzt schon mehr Erfolge gefeiert als der große Alberto Tomba, nämlich 37, mehr hat nur der schweigsame Ingemar Stenmark eingefahren. Auch ihn dürfte sie noch in diesem Winter einholen. Shiffrin führt derzeit den Weltcup im Slalom, Riesenslalom und im Super-G an. Niemand in der Szene fährt so komplett wie sie. Ihre Dominanz ist einschüchternd.

Shiffrins Siege gehören zum Winter wie der Schnee

Die Konkurrenz, die Zuschauer, die Medien, sie alle haben sich daran gewöhnt, dass ein Slalom, ein Riesenslalom erst zu Ende ist, wenn Shiffrin ihren zweiten Lauf absolviert hat. Ihre Siege wirken wie naturgegeben, sie gehören zum Winter wie der Schneefall und der Jagertee. Und man hat längst vergessen, dass diese Mikaela Shiffrin erst 23 Jahre jung ist. Ihre ersten Weltcup-Punkte errang sie, da war sie gerade 16.

Wer von Shiffrin redet, spricht irgendwann von Lindsey Vonn. Vonn ist der Superstar des alpinen Skisports, der Darling des US-Sports, überall präsent in der Werbung, durch ihre einstige Beziehung mit Golfer Tiger Woods verlässlich auch in den bunten Blättern. Vonn hat noch mehr Siege als Shiffrin angehäuft, 82-mal stand sie bei Rennen im Weltcup ganz oben, wenn sie noch fünfmal gewinnt, ist sie die erfolgreichste Person, die je im Weltcup auf Skiern gestanden hat.

AFP

Sie tanzt auch bei dichtem Schneetreiben

Aber Vonn ist mittlerweile 34 Jahre alt, sie steht vor ihrem letzten Winter, in dieser Saison konnte sie wegen Verletzungen überhaupt noch nicht starten, am Wochenende will sie in Cortina d'Ampezzo ihr Comeback feiern. Alle werden an diesem Wochenende auf Lindsey Vonn schauen, Shiffrin dagegen wird einfach ihr Ding machen und mutmaßlich den nächsten Erfolg einfahren. In Cortina steht neben zwei Abfahrten, die Shiffrin auslassen wird, auch ein Super-G auf dem Programm. Bis zu diesem Winter fehlte ihr bislang ein Super-G-Erfolg in ihrer Sammlung. Das hat sie dann gleich zweimal nachgeholt: in Lake Louise und in Sankt Moritz.

Als würde sie auf der Slalompiste schweben

Vonn liebt das Scheinwerferlicht, ihr Hündchen Lucy ist in der Öffentlichkeit bekannter als so mancher Top-Ten-Skifahrer, eine Dramaqueen. In Sachen Ehrgeiz allerdings steht sie ihrer elf Jahre jüngeren Teamkollegin nur wenig nach. Vonn arbeitet verbissen an ihrer Rückkehr in den Weltcup, auch Shiffrin hat sich jahrelang fast ausschließlich darauf konzentriert, noch besser zu werden, mit ihrem Betreuerteam um Mutter Eileen intensiv und intensiver daran getüftelt, die Schwünge noch eleganter anzusetzen. Mittlerweile sehen sie so leicht aus, als würde sie auf der Slalompiste schweben. Aber all das ist hart erarbeitet.

Ein Leben zwischen den Torstangen, Shiffrin hat abseits des Skisports den Journalisten wenig Stoff zum Schreiben gegeben. Welchen Preis sie dafür bezahlt hat, hat sie lange für sich behalten und erst vor diesem Winter öffentlich gemacht. In einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung" hat sie von ihren Zweifeln erzählt, von dem Erwartungsdruck, der ihr zu schaffen gemacht habe. Alle haben von ihr Gold im Olympischen Slalom von Pyeongchang wie selbstverständlich erwartet, na klar, was auch sonst? Shiffrin wurde Vierte. Sie hat über ihr Skileben gesagt: "Ich merke selbst, dass ich aus Siegen gar keinen Vorteil mehr für mich ziehen und sie gar nicht mehr richtig feiern kann." Der Sieg war nur noch das Vorspiel für den nächsten Sieg, eine Hetze von Triumph zu Triumph.

Mittlerweile hat sie sich Hilfe von Sportpsychologen eingeholt. Tenniscrack Roger Federer, so eine Art Übervater für zahlreiche jüngere Sportler, hat ihr geraten, "die Siege mehr zu genießen und sich auch danach mehr Zeit zu nehmen - zum Feiern und zum Reflektieren". Shiffrin hat das eine oder andere Speedrennen seitdem aus ihrem Terminkalender gestrichen, es sind ohnehin noch genug Wettkämpfe übrig, die sie dominieren kann. Seitdem wirkt sie eher noch überlegener.

Shiffrin hat gesagt: "Wenn ich weiter diese Leidenschaft in mir spüre, daran zu arbeiten, eine komplettere Skifahrerin zu werden, mache ich weiter." Das ist sehr bedauerlich für die Konkurrenz.

Anmerkung: In einer früheren Version des Artikels hieß es, dass Shiffrin in diesem Winter zwei Abfahrten gewonnen habe. Wir haben die entsprechende Stelle korrigiert.

insgesamt 6 Beiträge
archivdoktor 16.01.2019
1. Super!!!!!
Es macht Spaß, dieser sympathischen Amerikanerin zuzugucken - sie hat es wirklich drauf. Wünsche ihr alles Gute und vor allem keine Stürze!
Es macht Spaß, dieser sympathischen Amerikanerin zuzugucken - sie hat es wirklich drauf. Wünsche ihr alles Gute und vor allem keine Stürze!
bstendig 16.01.2019
2. Ja, ich kann mich nur anschließen
Das sieht alles so locker aus, so als ob es jeder könnte. Ist aber nicht so. Wohl alles harte, sehr harte Arbeit. Und vor Allem Nervenstärke. Die deutschen "Cracks" - nicht nur die Skifahrer - zeigen ja oft [...]
Zitat von archivdoktorEs macht Spaß, dieser sympathischen Amerikanerin zuzugucken - sie hat es wirklich drauf. Wünsche ihr alles Gute und vor allem keine Stürze!
Das sieht alles so locker aus, so als ob es jeder könnte. Ist aber nicht so. Wohl alles harte, sehr harte Arbeit. Und vor Allem Nervenstärke. Die deutschen "Cracks" - nicht nur die Skifahrer - zeigen ja oft Nerven ohne Ende, sind mit den falschen Fuß aufgestanden, wissen es halt auch nicht warum - oder sind nicht ganz fit (Erkältung blabla).. So gesehen folgerichtig, dass die gute Shiffrin fast alles gewinnt. Ich gönne es ihr von Herzen.
waggi 16.01.2019
3. Bitte Fakten prüfen
Mikaela Shiffrin ist sicher die derzeit beste Skirennläuferin. Sie hat auch Siege in allen Disziplinen eingefahren. Aber bei bisher einem eiinzigen Erfolg in einem Abfahrtslauf (2.12.2017, Lake Louise, Kanada) ist es schlecht [...]
Mikaela Shiffrin ist sicher die derzeit beste Skirennläuferin. Sie hat auch Siege in allen Disziplinen eingefahren. Aber bei bisher einem eiinzigen Erfolg in einem Abfahrtslauf (2.12.2017, Lake Louise, Kanada) ist es schlecht möglich, in dieser Saison bereits 2 Siege gefeiert zu haben.
chense90 16.01.2019
4. Vor allem gönnt man es ihr ...
... eine sympathische und irgendwie auch am Boden gebliebene Sportlerin die einfach ihren Weg geht statt sich ins Rampenlicht zu stellen - Das genaue Gegenteil zur letzten erfolgreichen US-Skidame
... eine sympathische und irgendwie auch am Boden gebliebene Sportlerin die einfach ihren Weg geht statt sich ins Rampenlicht zu stellen - Das genaue Gegenteil zur letzten erfolgreichen US-Skidame
Ostwestfale 16.01.2019
5. Genial, aber...
Shiffrin auf Skiern zu sehen ist eine Art Naturereignis.Eine unwirkliche Perfektion.Ich mag Ästheten im Sport sehr gerne.Was das reine Skifahren angeht bin ich Shiffrinfan. Was ich allerdings mehr als bedenklich finde, ist [...]
Shiffrin auf Skiern zu sehen ist eine Art Naturereignis.Eine unwirkliche Perfektion.Ich mag Ästheten im Sport sehr gerne.Was das reine Skifahren angeht bin ich Shiffrinfan. Was ich allerdings mehr als bedenklich finde, ist ihre Reaktion nach Niederlagen.Im Riesenslalom kann sie da noch halbwegs umgehen, da ist sie ja (vom letzten Rennen mal abgesehen) nicht so dominant, verliert auch öfter mal.Verliert sie aber im Slalom schaut sie immer so aus als ginge die Welt unter, was ich mehr als bedenklich finde.Auch Megastars müssen verlieren können.Shiffrin kann das nicht, Lindsey Vonn kanm das übrigens.Sie hat einen sehr unverkrampften Umgang mit ihren Rivalinnen wie z.B.Sofia Goggia.

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