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Sport

NHL-Routinier Zdeno Chara

"Jemand muss ihn bremsen"

Leistungsträger mit 41 Jahren: Zdeno Chara ist für die Boston Bruins in der Eishockey-Profiliga NHL trotz seines Alters unverzichtbar. Seine Trainingsmethoden sind ungewöhnlich.

AFP
Von
Samstag, 14.04.2018   12:14 Uhr

Sie sind alt - für Profi-Sportler. Und immer noch aktiv. In der American-Football-Liga NFL zum Beispiel fallen Adam Vinatieri (45) und Tom Brady (40) in diese Kategorie. In der NBA gehören Vince Carter (41) und Dirk Nowitzki (39) zu den dienstältesten Profis. In der amerikanischen Eishockey-Profiliga NHL gilt das für Zdeno Chara. Der Slowake ist 41 und trotz seines Alters noch immer ein Leistungsträger seines Teams, der Boston Bruins.

Chara spielt seine 20. NHL-Saison. Kein Feldspieler der Bruins steht pro Spiel länger auf dem Eis als der Veteran, es sind knapp 23. Ligaweit gehört Chara zu den 40 Feldspielern mit der meisten Eiszeit. Dazu kommen noch 17 Vorlagen und sieben Tore, die der Verteidiger in der regulären Saison aufgelegt hat.

"Zdeno verändert sich ständig, entwickelt sich ständig weiter", sagt Bruins-Verteidiger Kevan Miller zu "Sports Illustrated". "So stellt er sicher, dass er immer bereit ist und konstant spielen kann. Ich denke, das ist es, was ihn so weit gebracht hat."

Alle Details kommen ins Notizbuch

Seit fast 30 Jahren macht sich Chara Notizen von seinen Trainingseinheiten. Jede Übung, jede Wiederholung, jeder Schuss aufs Tor wird aufgeschrieben. "500 Schüsse pro Tag mit dem Puck sind meine Routine", so Chara. "Und auch wenn die Blasen schmerzen, ich liebe es immer noch."

Um in der Sommerpause fit zu bleiben, fährt der 2,06 Meter große und 113 Kilo schwere Eishockey-Profi sieben Stunden mit dem Rad durch Tschechien. Oder er kämpft mit Ringern der slowakischen Nationalmannschaft - angeblich ein gutes Training für die Kämpfe um den Eishockey-Puck. "Ich mache es nicht mehr so oft wie früher", so Chara zu "Sports Illustrated". "Die Jungs sind alle im Ruhestand."

Der 41-Jährige isst kein Fleisch, keine Eier, wenig Fisch und viel Gemüse. Um sich als Eishockey-Profi zu verbessern, schaut er sich auch Dinge von anderen Sportarten ab. Er holt sich Tipps von Gewichthebern und fragt bei Eiskunstläufern, wie er seine Balance verbessern kann. Bei seinen Olympia-Teilnahmen schaute er sich an, wie sich die Eisschnellläufer vor dem Rennen dehnen.

"Er braucht Leute, die ihn bremsen"

"Er braucht keinen Trainer, der ihn anschreit und in Form bringt", sagt Andrew Ference, ein ehemaliger Teamkollege. "Das Gegenteil ist der Fall. Er braucht jemand, der ihn bremst." Früher habe Chara seine Mitspieler zum Beispiel zu Treppensprints im Hotel überredet. Das sei nun anders. "Er ist von dieser knallharten osteuropäischen Art weg, bei der erwartet wird, dass jeder so engagiert ist wie man selbst", so Ference. Chara habe verstanden, dass nicht jeder so superhart trainiere wie er.

Chara spielt seit 1997 in NHL, 2006 wechselte er zu den Bruins. Seitdem ist er Kapitän der Mannschaft aus Boston. Während es in der NFL oft mehrere oder auch wechselnde Kapitäne gibt, darf es in der NHL pro Team nur einen geben. Laut Regelwerk darf dieser als einziger mit dem Schiedsrichter diskutieren. Falls nötig, könnte sich Chara sogar in einer anderen Sprache als Englisch mit dem Referee unterhalten. Er spricht auch Russisch und Deutsch.

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"Chara ist in diesem Jahr ein dominanter Spieler", sagt Don Sweeney, General Manager der Bruins. Er nehme es immer noch mit jüngeren Gegenspielern auf und habe bewiesen, dass er auf "einem Spitzenlevel" sei. Der Klub hat kurz vor den Playoffs mit Chara um ein Jahr verlängert. Der 41-Jährige verdient fünf Millionen US-Dollar.

In den Playoffs treffen Chara und die Bruins auf die Toronto Maple Leafs. In der Nacht zu Sonntag findet das zweite Spiel der Serie statt, Boston liegt nach einem 5:1-Sieg in Führung. Vor fünf Jahren standen sich beide Teams ebenfalls in der ersten Playoff-Runde gegenüber. Im entscheidenden siebten Spiel lag Toronto mit 4:1 vorn, Boston drehte die Partie jedoch noch und gewann in der Verlängerung 5:4. Ein Verteidiger stand damals fast 36 Minuten auf dem Eis, mehr als alle anderen Feldspieler. Es war Zdeno Chara.

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