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Sport

Eiskunstlauf der Paare

Bruno und der Problemsprung

Das Kurzprogramm der Paare war einer der Aufreger der bisherigen Winterspiele: Die Halle feierte ein nordkoreanisches Duo. Deutschlands Goldhoffnung ist wohl zerstoben.

Getty Images
Aus Pyeongchang berichtet
Mittwoch, 14.02.2018   12:53 Uhr

Blumen und Stofftiere flogen aufs Eis, die Halle war so laut, wie man es Koreanern bei diesen Spielen jenseits vom Shorttrack nicht mehr zugetraut hatte. Und der Jubel galt nicht den Allerbesten im Eiskunstlauf-Kurzprogramm der Paare. Er galt den Elftplatzierten.

Ryom Tae Ok und Kim Ju Sik hatten gerade ein ordentliches, fehlerfreies Kurzprogramm hingelegt. Die Jubelrufe galten der Tatsache, dass hier zwei Sportler aus Nordkorea auf dem Eis standen. Die einzigen aus dem Land, die sich ordnungsgemäß für die Spiele qualifiziert hatten.

Mit Spannung war der Auftritt des Paares aus dem Norden erwartet worden, vor allem, wie die Halle die beiden aufnehmen würden. Die Antwort: So frenetisch wie das Kurzprogramm von Ryom Tae Ok und Kim Ju Sik wurden nicht mal die Weltklassepaare gefeiert.

DPA

Ryom Tae Ok und Kim Ju Sik

Der Salchow kam nur doppelt

Bruno Massot und Aljona Sawtschenko gehören zweifellos dazu. Sawtschenko hat in Sotschi Bronze geholt, mit ihrem damaligen Partner Robin Szolkowy ist sie Weltmeisterin gewesen, mit Massot schon Vizeweltmeisterin. Mit ihm wollte sie hier im Alter von nunmehr 34 Jahren den ganz großen Sprung wagen. Doch das wird nach dem Kurzprogramm kaum noch gelingen, Sawtschenko und Massot liegen vor der großen Kür am Donnerstag (2.30 Uhr deutscher Zeit, Liveticker SPIEGEL ONLINE) nur auf Platz vier.

Die imponierende Dreifachdrehung zu Beginn, bei der Sawtschenko so hoch in die Luft geworfen wird wie keine andere im Feld, funktionierte zwar. Beim Salchow jedoch, ohnehin sein Problemsprung, patzte Massot, er sprang ihn nur doppelt und nicht wie vorgesehen dreifach, und die ansonsten sehr flüssige und elegante Vorstellung hatte ihren entscheidenden Schönheitsfehler - den man sich angesichts der starken Konkurrenz wohl nicht erlauben durfte.

Sui Wenjing und Han Cong aus China sind schon weit enteilt, sie bekamen für ihr ebenso atemberaubendes wie anrührend gelaufenes Kurzprogramm die Wertung von 82 Punkten, das ist fast Weltrekord. Das Paar aus China hatte sich entsprechend zu dieser Wertung die richtige Musik ausgesucht, "Hallelujah" von Leonard Cohen.

DPA

Sui Wenjing und Han Cong

Eiskunstlauf ist ein Herzstück von Olympischen Winterspielen, und der Paarlauf ist so etwas wie die Herzkammer, wie der Abfahrtslauf oder die 50 Kilometer in der Langlaufloipe. Die Grazie, die so mühsam eingeübt und so hart erkauft ist mit Stürzen und Schmerzen im Training und die Kunst, sich dies alles im Wettkampf nicht anmerken zu lassen, die Balance zwischen beeindruckenden Sprüngen und der künstlerischen Note - das ist es, was die Veranstaltung zum Zuschauermagnet macht. Auch in Südkorea war die Halle am Vormittag zu drei Vierteln gefüllt, das ist für die Spiele von Pyeongchang eine sehr gute Auslastung.

Radford hatte bereits Geschichte geschrieben

Die rote Cheerleader-Delegation aus Nordkorea war selbstverständlich geschlossen erschienen, ein starker Fanblock aus Russland durften die Europameister Evgenia Tarasova und Vladimir Morosov feiern. Das russische Paar liegt hinter den Chinesen auf Rang zwei, knapp vor den Goldmedaillengewinnern im Teamwettbewerb, Meagan Duhamel und Eric Radford aus Kanada.

Radford ist der erste offen schwul lebende Mann, der Winter-Olympiasieger geworden ist. Nach seinem Sieg twitterte er, er "explodiere fast vor Stolz". Dass mit US-Läufer Adam Rippon auch die Bronzemedaille an einen Athleten gegangen war, der sein öffentliches Coming Out hatte, machte den Teamwettbewerb auch über das Sportliche hinaus besonders.

AP

Meagan Duhamel und Eric Radford

Helene-Fischer-Vergleiche

Besonders war auch der Paarlauf von Pyeongchang. Vor vier Jahren in Sotschi waren die Läufer noch reihenweise gestürzt, diesmal standen die Sprünge bei den Top-Paaren fast perfekt. Fast. Massots Salchow fiel daher umso schwerwiegender ins Gewicht. "Ich war heute nicht stark genug für den Dreifachsprung", sagte der gebürtige Franzose. Er hat eben nicht die Erfahrung seiner Partnerin. Die Erfahrung, den olympischen Druck auszuhalten.

Zum vierten Male ist Sawtschenko bei Olympischen Spielen dabei, die "Neue Zürcher Zeitung" hat sie unlängst mit Helene Fischer verglichen, wegen des ähnlichen Erfolgswillens, auch, weil sie beide aus Osteuropa nach Deutschland gekommen sind.

AP

Bruno Massot (l.) und Aljona Savchenko

Alles hat sie getan, um ihr Ziel zu erreichen. Sie hat nicht nur einen neuen Partner engagiert, einen neuen Trainer. Sondern auch eine neue Kür entwerfen lassen - von dem britischen Eislauf-Guru Christopher Dean, der bei den Spielen von Sarajewo 1984 mit Jayne Torvill in einer unvergessenen Kür beitrug, dass man Ravels Bolero nicht mehr nur mit Bo Derek verbindet.

Im Dezember hatten die beiden im japanischen Nagano beim Grand-Prix-Finale eine Kür aufs Eis gezaubert, die danach schon als "Kür des Jahrhunderts" gefeiert wurde. Doch all das zählt nicht mehr, nun, da die Goldchance verflogen zu sein scheint.

Wegen eines Problemsprungs.

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