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Sport

Paralympionikin Andrea Eskau

"Ich habe den Winter gehasst"

Im Sommer fährt sie Handbike, im Winter Schlitten: Andrea Eskau gewinnt in beiden Disziplinen Gold - trotz klarer Vorliebe. Im Training setzt die Paralympics-Siegerin auf ungewöhnliche Methoden.

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Andrea Eskau

Von Sabrina Knoll
Dienstag, 13.03.2018   15:54 Uhr

Vor acht Jahren überraschte Andrea Eskau mit einem Einblick in ihre etwas speziellen Trainingseinheiten. Die Paralympicssiegerin von Peking mit dem Handbike hatte erst kürzlich den Para-Biathlon in ihr Portfolio aufgenommen. Als sie dann bei den Spielen in Vancouver direkt zu Bronze im 10-Kilometer-Rennen fuhr, sagte sie: "Seit ich ein Gewehr habe, knallt es bei uns in der Wohnung. Ich habe schon drei Löcher im Schrank." Acht Jahre später sagte Eskau nun: "Das war das beste Schießen in meiner Karriere." Der Lohn: Gold über zehn Kilometer, nach Silber im Langlauf ihr erstes in Pyeongchang.

Es war das siebte paralympische Gold für die querschnittsgelähmte Athletin, ihr drittes aus dem Schnee. Andrea Eskau ist eine Wandlerin zwischen den Welten. Sie tritt im Sommer wie im Winter an, mit dem Handbike und dem Schlitten, in Radrennen, Skilanglauf und Biathlon.

Die 46-Jährige, so sagt es der Präsident des Deutschen Behindertensportverbands Friedhelm Julius Beucher dem SPIEGEL, "war schon Profi, als wir das Wort Profi noch nicht mal anbieten konnten". Eskau steht jeden Morgen vor sechs Uhr auf, fährt von Köln nach Bonn, wo die Psychologin als Fachgebietsleiterin Behindertensport im Bundesinstitut für Sportwissenschaft arbeitet. Noch vor einem späten Mittagessen wird erstmals zwei Stunden trainiert, nach der Pause folgt Kraft- oder Gewehrtraining, abends geht es noch einmal aufs Handbike. Wenn die Waschmaschine nebendran brummt, ist auch für sie der Tag beendet.

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Andrea Eskau: Fahne, Frust, Silber, Gold

1500 Stunden habe sie für Pyeongchang trainiert, sagt die deutsche Fahnenträgerin. Warum sie so viel investiert? Weil sie ohne Bewegung ein unglücklicher Mensch wäre. "Und meine Umgebung auch." Sport war immer wichtig für Eskau. Vor ihrem schweren Fahrradsturz vor knapp 20 Jahren ebenso wie danach. Und wenn sie etwas mache, dann richtig, sagt sie.

Aber warum darüber hinaus der Sprung zwischen den Jahreszeiten, den Sportarten und den Sportgeräten? Die Antwort darauf klingt, als könne sie beinahe nicht anders. "Ich bin ja aus Thüringen", sagt sie und macht eine kleine Pause, als sei das selbsterklärend: Thüringen, der Winterwald, das verpflichtet.

"Seit meinem Unfall habe ich den Winter immer gehasst", sagt Eskau. Eiskalte Hände, Matsch an den Rädern, die ständig durchdrehen. "Aber mit dem Schlitten konnte ich plötzlich wieder Winterwanderungen machen."

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Andrea Eskau in Rio 2016

Dabei ist der Schlitten längst nicht so integrativ wie das Handbike. "Mit dem Handbike fühle ich mich gleichberechtigt. Damit kann ich alles alleine machen", sagt Eskau. "Mit dem Schlitten bekomme ich sehr oft meine Unfähigkeit präsentiert." Der Schlitten ist ungleich schwerer zu lenken, Ein- und Ausstiege sind allein kaum zu meistern, außerdem komme man damit allzuschnell in Situationen, aus denen man sich ohne Hilfe nicht mehr befreien könne. "Da fühlt man sich umso gelähmter. Das ist schon auch ein Kampf, das zu akzeptieren."

Wintersportgebiete sind selten barrierefrei, Wintersportgeräte sehr teuer. Eskaus Spezialanfertigung kostet so viel wie ein Kleinwagen. Dementsprechend groß ist auch der Unterschied zwischen Sommer- und Winter-Paralympics. Die Sommerspiele seien das größte Sportfest der Welt mit Teilnehmern aus allen Nationen, die Konkurrenz entsprechend größer, die Chance, sich zu qualifizieren, kleiner. "Die Winter-Paralympics sind da eher ein Familienfest", sagt Eskau.

Bei ihren dritten Winterspielen nimmt Eskau aber auch eine Veränderung wahr. Immer mehr Nationen kommen dazu, die Startplätze werden begehrter. Gerade in den Klassen der leichtbehinderten Sportler sei daher das Leistungslevel extrem hoch. Dass man in den Klassen der Schwerstbehinderten einfacher auf die vorderen Ränge komme, das hätten wiederum andere Länder für sich erkannt, etwa der künftige Gastgeber China.

Nächste Station: Tokio, Sommer-Paralympics 2020

Tatsächlich war China in Sotschi 2014 noch mit zehn Athleten vertreten. 2015 bekam Peking den Zuschlag für 2022. Und für Pyeongchang hat die Volksrepublik 45 Sportler gemeldet. Ein Wandel im Sinne des Sports oder doch pures Kalkül?

"Beides", sagt Beucher. Jede Vergabe erweitere den Fokus im Land der Gastgeber. Gesellschaftlich und sportlich. "Da sind die positiven Veränderungen für diejenigen, die zuvor von ihren Familien versteckt werden mussten. Dann entwickelt das Land aber auch einen Ehrgeiz und steckt unheimlich viel Geld in den Leistungssport." Die Delegation Chinas werde in den kommenden Jahren sicher extrem wachsen, vermutet Beucher.

Auch Andrea Eskau plant fest mit 2022. Ab kommender Woche wird sie aber zunächst Tag für Tag für die Sommerspiele 2020 in Tokio trainieren. Ihr Gewehr wird sie daher häufiger zur Seite legen. Aber für die Löcher in der Wohnung hat sie ohnehin bereits eine Lösung gefunden. Sie ist umgezogen.

insgesamt 1 Beitrag
andrea 71 13.03.2018
1. Ein kleiner Hinweis...
Da es ja wohl in den nächsten Tagen noch öfter vorkommt, dass über die Paralympics berichtet wird, ein kleiner Hinweis am Rande: Das "s" zwischen Querschnitt und Lähmung ist überflüssig.
Da es ja wohl in den nächsten Tagen noch öfter vorkommt, dass über die Paralympics berichtet wird, ein kleiner Hinweis am Rande: Das "s" zwischen Querschnitt und Lähmung ist überflüssig.

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