Schrift:
Ansicht Home:
Sport

Missbrauch im Shorttrack

"Ich hatte Angst, ich könnte sterben"

Shorttrackerin Shim Suk Hee ist ein Superstar in Südkorea, in einem Sport, der dort so beliebt ist wie hier Fußball. Vor Gericht hat sie die Schattenseite offenbart: Prügel, Missbrauch, Gewalt.

Getty Images

Shim Suk Hee

Von
Dienstag, 18.12.2018   18:54 Uhr

Jeder kennt sie in Südkorea. Shim Suk Hee ist in Asien so bekannt "wie Currywurst und Thomas Müller in Deutschland", hat die "Stuttgarter Zeitung" mal geschrieben. Vor den Olympischen Winterspielen in Pyeongchang wurde sie "das Gesicht der Spiele" genannt, ansonsten heißt sie auch "the Queen of Shorttrack". Shortrack ist der Nationalsport in Südkorea, und Shim Suk Hee ist mit ihren erst 21 Jahren ein Superstar. Acht Mal Weltmeisterin, vier olympische Medaillen, Weltcupsiegerin schon mit 15.

Man könnte die Geschichte von Shim Suk Hee also als eine Erfolgsgeschichte aufschreiben. Aber es gibt noch eine andere Geschichte um die Sportlerin. Und die hat sie am Montag vor einem Gericht in Suwon südlich der Hauptstadt Seoul erzählt. Es ist eine Geschichte, die von Missbrauch, handelt, von Schlägen und Drill. Und das ging über Jahre so.

Unter Tränen hat Shim darüber berichtet, wie sie seit ihrer Kindheit von ihrem Trainer Cho Jae Beom traktiert, geprügelt und beschimpft worden sei.

Was ist eigentlich Shorttrack?

Shorttrack ist eine Disziplin des Eisschnelllaufs, die seit 1992 Bestandteil der Olympischen Winterspiele ist. Pro Lauf starten vier bis acht Läufer. Entscheidend bei den Rennen auf der 111,12 Meter langen ovalen Bahn ist die Platzierung, nicht die erzielte Zeit. Es gibt Entscheidungen im Mehrkampf, im Staffellauf und auf den Einzelstrecken.

Das sah dann so aus: Wenn Shim nicht spurte, wie der Trainer wollte, griff er, so erzählt die Athletin, auch schon mal zum Eishockeyschläger und schlug damit auf sie ein. So habe er ihr einmal damit den Finger gebrochen. Vier Wochen vor den Winterspielen sei die Gewalt dann eskaliert. Der Trainer habe sie getreten und gegen den Kopf geschlagen, dass "ich Angst hatte, ich könnte sterben". Shim zog sich dabei eine Gehirnerschütterung zu.

Als sie sich danach weigerte, ins Trainingslager zurückzukehren, konnten die Funktionäre die Sache nicht mehr vertuschen, so sehr sie es auch versuchten. Als der südkoreanische Präsident Moon Jae-In die Shorttracker kurz vor den Spielen besuchte und Shim fehlte, wurde dies offiziell mit einer Erkältung der Sportlerin begründet. Schließlich geriet die Operation Gold für das Ausrichterland in Gefahr. Der Trainer wurde kurz vor den Spielen suspendiert.

Shim trat anschließend bei den Winterspielen an, die Rennen fanden auch noch in ihrer Geburtsstadt Gangneung statt, das ganze Land erwartete Gold über ihre Spezialstrecke, die 1500 Meter. Der Lauf wurde zum wichtigsten Wettkampf ihrer Karriere hochgeschrieben. Shim stürzte, ohne Beteiligung einer Gegnerin, der Goldtraum war aus. Zehn Monate später sagte sie vor Gericht, sie sei "zutiefst traumatisiert" in die olympischen Wettkämpfe gegangen. Depressionen, Angstzustände, Schlafstörungen plagen sie seit Jahren, sagt sie.

REUTERS

Shim Suk Hee bei den Asienspielen 2017

Damals hatte sie vor der Weltpresse nur andeutungsweise über das gesprochen, was sie durchgemacht hat. Sie habe "einen schweren Weg hinter sich", hatte sie bei einer Pressekonferenz zu Beginn der Spiele lediglich gesagt und sonst alle Fragen zu ihrem Trainer abgeblockt. "Ich war damals nicht in der Lage, darüber zu sprechen", sagt sie heute. Mittlerweile hat sie die Hilfe von Therapeuten angenommen, nur deswegen habe sie die Kraft, vor Gericht das zu erzählen, was sie zu sagen habe. Shim sagt, sie habe sich jahrelang "wie in einer Gehirnwäsche" gefühlt, der Trainer habe wiederholt gedroht, ihre Karriere zu beenden, wenn sie den Missbrauch öffentlich mache.

Trainer hat Berufung eingelegt

Der Trainer hat die Vorwürfe bereits eingestanden, er hat seine Maßnahmen damit begründet, er habe "die Leistungen verbessern wollen". Im September wurde er in einem früheren Verfahren bereits zu einer zehnmonatigen Haftstrafe verurteilt, Cho hat dagegen Berufung eingelegt, daher ist es jetzt zu einer erneuten Verhandlung gekommen - bei der Shim erstmals selbst ausführlich ausgepackt hat.

Dass in Südkorea Trainingsmethoden angewendet werden, die an militärische Ausbildungen erinnern, ist keine Neuigkeit. Die deutsche Shorttrackerin Anna Seidel, die in Südkorea trainiert hat, berichtete schon vor den Winterspielen in der "taz" von ihren Erfahrungen: "Die geben dort auf die Gesundheit der Sportler echt gar nichts. Wer durchkommt, hat Glück, und wer nicht, der nicht." Der Shorttracker Noh Jin Kyu zählte vor den Spielen in Sotschi 2014 zu den großen Medaillenhoffnungen der Koreaner. Der junge Mann bekam jedoch ein Jahr zuvor eine Krebsdiagnose gestellt. Es heißt, die Funktionäre hätten mit Aussicht auf die Medaille diese Diagnose ignoriert und ihn zum Weitertrainieren gedrängt. Noh habe wichtige Behandlungen dadurch verpasst und starb 2016.

Auch aus anderen Sportarten kommen Vorwürfe. Das Frauen-Curlingteam, genannt "The Garlic Girls", Publikumsliebling bei den Winterspielen, weil es überraschend Silber gewann, hat seinem Trainer vorgeworfen, die Sportlerinnen ebenfalls immer wieder beschimpft und beleidigt zu haben. Der Coach wurde Anfang des Monats entlassen.

Aber kein Fall ist so prominent wie der von Shim Suk Hee. Ihre schockierenden Aussagen sind jetzt schon weltweit registriert worden. Sie haben das Zeug, Auslöser zu sein, das Thema, wie in Südkorea Trainer mit den Sportlern und Sportlerinnen umgehen, zu einer großen gesellschaftlichen Debatte werden zu lassen.

Vor den Olympischen Winterspielen von Pyeongchang hat Shim Suk Hee einen Fragebogen ausgefüllt, in dem auch nach ihrem Lebensmotto gefragt wird. Sie hat dort angegeben: "Nichts bereuen."

insgesamt 1 Beitrag
kopfball123 18.12.2018
1.
Südkorea ist ein technologisch hoch entwickeltes Land, aber kulturell und gesellschaftlich noch immer auf dem Stand von vor 200 Jahren (wie viele asiatische Aufsteiger Nationen). Das liegt wohl viel daran dass Phasen wie die [...]
Südkorea ist ein technologisch hoch entwickeltes Land, aber kulturell und gesellschaftlich noch immer auf dem Stand von vor 200 Jahren (wie viele asiatische Aufsteiger Nationen). Das liegt wohl viel daran dass Phasen wie die Aufklärung in Europa übersprungen wurden, direkt von der archaischen Bauerngesellschaft zum reichen Industrieland. Sehr erfreulich dass sich da einiges tut vor allem im Umgang mit Frauen was sich nicht nur in dieser Diskussion spiegelt.

Verwandte Artikel

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2018
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung
TOP