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Sport

Sicherheitsdebatte im Skisport

"Der Teufel schläft nicht"

Die Anzahl tödlicher Unfälle im alpinen Skisport hatte in den vergangenen Jahren stark abgenommen, doch der Tod des Franzosen David Poisson wirft erneut Fragen nach der Sicherheit auf.

AFP
Von Florian Kinast, München
Freitag, 17.11.2017   12:55 Uhr

Wenig Zeit? Am Textende gibt's eine Zusammenfassung.


Noch bevor die Wintersportsaison so richtig angefangen hat, ist eine Diskussion um die Königsdisziplin Ski alpin entbrannt. Der französische Rennfahrer David Poisson war 35 Jahre alt, als er am 13. November im Training in Kanada tödlich verunglückte.

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Verstorbener Rennfahrer Poisson

Sein Tod wirft die Frage auf, wie sicher dieser Sport ist - vor allem im Hinblick auf den Höhepunkt des Winters: die Olympischen Spiele in Pyeongchang (9. bis 25. Februar).

Karlheinz Waibel führt den Titel "Bundestrainer Wissenschaft und Technologie", was bedeutet, dass er beim Deutschen Skiverband der Experte fürs Thema Sicherheit ist. Waibel kannte Poisson gut, das französische Team trainierte oft gemeinsam mit den DSV-Männern, deren Cheftrainer Waibel von 2009 bis 2012 war.

Vom Tod des Franzosen erfuhr er am Telefon, bei einem Gespräch mit einem Mannschaftsarzt des Deutschen Skiverbands. "Meine erste Reaktion war wie wohl bei vielen anderen", sagt Waibel einige Tage später. "Entsetzen, Fassungslosigkeit. So was glaubst du im ersten Moment gar nicht."

Waibel kannte nicht nur Poisson gut, sondern auch die Abfahrtsstrecke in Nakiska, auf der der Rennfahrer verunglückte. "Gerade an einer Stelle, wo du dir denkst, da kann doch gar nichts passieren", sagt Waibel. Es ist aber passiert. Und deswegen ist nun, zu Beginn der Olympia-Saison, wie immer nach solch fürchterlichen Unfällen die Sicherheit im alpinen Skisport einmal mehr ein großes Thema.

Fotostrecke

Sicherheit im Skisport: David Poisson ist kein Einzelfall

Waibel war oft in Nakiska, der DSV bereitet sich dort gern auf die ersten Weltcup-Rennen in den Speed-Disziplinen Abfahrt und Super-G vor, die im kanadischen Lake Louise (25. November) und in Beaver Creek (1. Dezember) im US-Bundesstaat Colorado ausgetragen werden. Die Unfallstelle beschreibt er so: "Dort ist die Strecke relativ einfach, eine kleine Welle, keine allzu hohe Geschwindigkeit, andere Stellen sind dort viel gefährlicher. Eigentlich unvorstellbar. Aber der Teufel schläft eben nicht."

David Poisson war mit etwa Tempo 100 unterwegs, auf der Streif in Kitzbühel brettern die Abfahrer mit bis zu 140 km/h ins Tal, am Lauberhorn in Wengen mit mehr als 160. Beide Rennen sind ebenfalls Teil der Weltcup-Saison.

Poissons Unfall war eine Verkettung unglücklichster Umstände, so beschreibt es Waibel, ein Worst-Case-Szenario. Der Fahrer verkantete, verlor einen Ski, raste ungebremst von der Strecke, durchbrach die beiden Sicherheitszäune, zwei B-Netze, und prallte gleich dahinter gegen einen Baum.

Frankreichs Ski-Präsident Michel Vion hatte nach Poissons Tod gesagt: "Abfahrtsrennen sind gefährlich und riskant. In den letzten Jahren haben wir realisiert, dass sie gefährlicher sind als die Formel 1. Wir zahlen einen hohen Preis." Die Gefahren sind seit jeher bekannt, ständig werden die Sicherheitsvorkehrungen an den Strecken ausgebaut. Aber können solche Unfälle wie der von Poisson überhaupt verhindert werden? Zumal im Training, wo die Strecken nicht so gesichert sind wie bei den Rennen?

Bei den Weltcup-Rennen sind sogenannte A-Netze längst Standard. Das sind fest installierte Netze, dafür braucht es Betonsockel, die fest im Schnee verankert sind. An gefährlichen Stellen stehen oft drei Netze hintereinander. "Erst ein mobil aufgestelltes B-Netz, um die erste Energie aus dem System Mensch und Ski herauszunehmen und das hohe Tempo abzubremsen", sagt Waibel, "dahinter dann zwei A-Netze." A-Netze sind sehr stabil, hart und mitunter schmerzhaft. Waibel sagt: "Wenn du da rein rauschst, meinst du, du fährst gegen ein Brett." Allerdings gibt es kaum Orte, an denen im Training A-Netze zum Einsatz kommen.

"A-Netze könnten in Nakiska gar nicht stehen", sagt Waibel, dort bietet die Strecke nicht den Platz. Anders ist es in Beaver Creek in Colorado, dort trainieren gerade die DSV-Männer. Vor einigen Jahren leistete es sich der US-Skiverband, nachzurüsten und an die Trainingsstrecke auch teure A-Netze zu installieren. Dafür vermieten die Amerikaner die Strecke nun für gutes Geld an andere Nationen, die Rede ist von 2000 Dollar pro Trainingstag. Plus Liftpässe.

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Aufbau von Fangnetzen am Lauberhorn

So sinnvoll doppelte und dreifache Absicherungen an neuralgischen Punkten erscheinen mögen, so sehr sehen gerade die Rennläufer die Fangzäune mit großer Skepsis. Es mag grotesk klingen, doch gerade für die weltbesten Skifahrer bedeuten weniger Zäune oft mehr Sicherheit. "Wenn die Piste an einer Stelle eh schon sehr schmal ist, nehme ich ihr durch einen weiteren Zaun noch mehr Platz weg", sagt Waibel. "Wenn die Läufer aber einen Fahrfehler begehen, ein Tor auslassen, den Ski kurz falsch belasten, dann brauchen sie den Platz, um diesen Fehler mit ihrem Können wieder zu korrigieren. Steht da ein Zaun im Weg, erhöhe ich eher das Verletzungsrisiko." Wenn sie etwa hängen bleiben, kann sich das Knie verdrehen, Kreuzbandverletzungen sind eine häufige Folge. Bei der Weltcup-Abfahrt auf der Saslong in Gröden intervenierten Trainer und Rennläufer vor einigen Jahren, weil ihnen zu viele Netze zu viel Platz neben der Piste nahmen. Der Veranstalter baute die Zäune dann wieder ab.

Doch was sind nun die Konsequenzen nach dem Tod von David Poisson? Gibt es überhaupt welche? Nach schweren Unfällen im Skisport wurde in den vergangenen Jahrzehnten meist richtig reagiert.

Und nun, nach David Poisson? Die Sensibilisierung wird wieder steigen, sagt Waibel: "So etwas macht uns allen, die wir am Rande stehen, Netze und Tore aufbauen, wieder bewusst, dass aus jeder Situation etwas Gefährliches entstehen kann. Und doch können wir nicht von oben bis unten Netze aufbauen. Dann könnten wir den Skisport komplett einstellen."

Keine Bedenken hat Waibel bei der olympischen Abfahrtspiste im Februar in Pyeongchang: "Eine brandneue Strecke, die wurde unter Einhaltung aller aktuellen Sicherheitskriterien gebaut." Doch auch auf den sichersten Strecken wird im alpinen Rennsport immer ein Restrisiko bleiben. Gerade an den Stellen, wo eigentlich nichts passieren darf. Wie am Montag in Nakiska.

Zusammengefasst: Der Tod des französischen Skifahrers David Poisson wirft erneut die Frage nach der Sicherheit in der Königsdisziplin Ski alpin auf. Nach Todesfällen und schweren Unfällen in der Vergangenheit besserten Veranstalter die Strecken zum Beispiel mit Sicherheitszäunen nach. Doch gerade diese Zäune verringern bei Fahrfehlern den Manövrierraum für die Skisportler - das berge Verletzungsgefahr, sagt Karlheinz Waibel, Experte aus dem Team des deutschen Skiverbandes.

insgesamt 11 Beiträge
ExigeCup260 17.11.2017
1.
Das ist so ähnlich wie in der Formel 1. Retortenkurse mit zig Hektar asphaltierter Auslaufzone sind zwar sehr sicher, aber nicht sexy... Lässt man den/die/das Fahrer*in entscheiden, ob man das letzet Quäntchen Riskio geht, um [...]
Das ist so ähnlich wie in der Formel 1. Retortenkurse mit zig Hektar asphaltierter Auslaufzone sind zwar sehr sicher, aber nicht sexy... Lässt man den/die/das Fahrer*in entscheiden, ob man das letzet Quäntchen Riskio geht, um eine Passage maximal schnell zu durchfahren, oder geht man auf Nummer sicher...? Das hat früher den Reiz im Rennpsort ausgemacht. Nur heutzutage ist es nicht mehr tolerabel Tote und Schwerverletzte dabei zu "produzieren". Während man im Motorsport seit Beginn der Kohlefaser-Monocoque-Ära und Sicherheitstanks enorme Fortschritte verzeichnet hat, kann man den Skianzug nicht ad ultimo sicherer machen (trotz Ski-Airbags, die ein zweigespaltenes Echo hervorrufen). Es ist so wie im normalen Leben: Hat man viele Sicherheitseinrichtungen, nehmen die Leute ggf. ein höheres Risiko in Kauf und verlassen sich darauf.
stefanmargraf 17.11.2017
2. Abfahrtsläufe sind Stuntsshows, immer mit Risiko
Das Problem sehe ich eher im Amateurbereich bis hin zur klassischen Pistensau, welche durch die Leute und Kinder im Schuss runterknallen. Da passiert leider viel mehr und das sind praktisch Nachahmer dessen, was in Staatsfunk [...]
Das Problem sehe ich eher im Amateurbereich bis hin zur klassischen Pistensau, welche durch die Leute und Kinder im Schuss runterknallen. Da passiert leider viel mehr und das sind praktisch Nachahmer dessen, was in Staatsfunk gezeigt wird. Die Finanzierung dieser Show, insbesondere durch den Staatsfunk, sollte heruntergefahren werden.
Thilo_Knows 17.11.2017
3. Tragisches Berufstisiko
Ich liebe diesen Sport über alles. Und als vermeintlicher "Könner" hat man im Laufe der Jahre auch schon die ein oder andere Situation bei hoher Geschwindigkeit nur mit Glück heile überstanden. Bei einem so schnellen [...]
Ich liebe diesen Sport über alles. Und als vermeintlicher "Könner" hat man im Laufe der Jahre auch schon die ein oder andere Situation bei hoher Geschwindigkeit nur mit Glück heile überstanden. Bei einem so schnellen Sport fährt das Risiko immer mit. Das wissen die Profis und ich kann verstehen, dass sie bereit sind, diesen Preis zu bezahlen. Für denjenigen, den es dann mal alle paar Jahre so erwischt, ist es natürlich trotzdem unendlich tragisch. Aber die Mädels und Jungs wissen, was sie da tun. Einen Anlass für Grundsatzdebatten oder gar über vermeintlich zu hohe Geschwindigkeiten sehe ich jedenfalls nicht.
carranza 17.11.2017
4. No risk no fun
So traurig es um jeden ist, der beim Sport umkommt, aber 100%ige Sicherheit wird es nie geben können, so wie es auch im Artikel beschrieben ist. So mancher Sport, würde er denn heute erst erfunden, wäre sicher bald verboten, [...]
So traurig es um jeden ist, der beim Sport umkommt, aber 100%ige Sicherheit wird es nie geben können, so wie es auch im Artikel beschrieben ist. So mancher Sport, würde er denn heute erst erfunden, wäre sicher bald verboten, weil er zu viele Gefahren birgt.
Bjoern @ Fracebook 17.11.2017
5. Einfache Lösung?
Die Strecken langsamer machen? Den Berg kann man ja nicht abflachen, aber dann einfach die Kurven weiter fassen, ggf. auch mit Beraufstrecken an besonders steilen Stellen. Natürlich werden dann die Zeit nicht besser, aber [...]
Die Strecken langsamer machen? Den Berg kann man ja nicht abflachen, aber dann einfach die Kurven weiter fassen, ggf. auch mit Beraufstrecken an besonders steilen Stellen. Natürlich werden dann die Zeit nicht besser, aber Interessanter können die Rennen schon noch werden. Vor allem weil sich die Abfahrt signifikant ändert.

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