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Stil

Langzeit-Fotoprojekt in London

Ein Rentner unter Hipstern

Joseph Markovitch verbrachte sein Leben im Londoner East End - in 86 Jahren verließ er nur einmal die Stadt. Der Fotograf Martin Usborne begleitete ihn fast sieben Jahre lang und lernte einen glücklichen Mann kennen. Stil-Klassiker

Martin Usborne
Donnerstag, 02.04.2015   13:04 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Usborne, der Rentner Joseph Markovitch sieht mit seinem altmodischen Anzug im hippen London so aus, als wäre er aus der Zeit gefallen. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Usborne: Das erste Mal habe ich ihn im Jahr 2007 auf dem Hoxton Square im Londoner East End gesehen. Hoxton ist das Epizentrum der Hipster. Joseph trug ein viel zu großes Jackett, alte Schuhe und in der Hand eine Plastiktüte. Er unterhielt sich mit ein paar Jugendlichen. Ich dachte erst, er habe sich verlaufen oder sei obdachlos. Doch dann merkte ich, dass er wunderbar an diesen Ort passt.

SPIEGEL ONLINE: Wie das?

Usborne: Ich habe ihn angesprochen, weil ich dachte, er könnte mir vielleicht etwas über Hoxton erzählen. Aber Joseph wollte nicht über die Geschichte sprechen, er wollte lieber über Schauspieler und Musiker reden. Er war großer Fan von Nicolas Cage und Johnny Depp und interessierte sich für Jennifer Lopez. Er war stolz darauf, was sie aus ihren Leben gemacht hatten. Joseph und ich haben uns angefreundet und uns fast sieben Jahre lang regelmäßig gesehen.

SPIEGEL ONLINE: Lebt Joseph noch?

Usborne: Er ist im Dezember 2013 gestorben. Joseph war ein außergewöhnlicher Rentner. Er hat sich für den ganzen Gossip interessiert und konnte mir immer sagen, welcher Star gerade was mit wem hat.

SPIEGEL ONLINE: Woher wusste er das?

Usborne: Er hat in der öffentlichen Bibliothek immer die Klatschmagazine gelesen. Er las auch Bücher über andere Teile der Welt, zum Beispiel über den Amazonas. Und er war großer Filmfan. Ich ging manchmal mit ihm ins Kino. Er wollte immer Actionfilme sehen, in denen etwas explodiert. Einmal waren wir in einem James-Bond-Film. Ich weiß nicht mehr, welcher das war, aber es gab viele Explosionen. Und jedes Mal, wenn etwas in die Luft flog, hat Joseph laut gelacht.

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Wie hat Joseph seine Tage verbracht?

Usborne: 20 Jahre lang hat er Nieten an Taschen angebracht. Er fand die Arbeit okay, aber mochte seinen Chef nicht. Am liebsten wäre er Balletttänzer geworden. Aber das hat irgendwie nicht geklappt. Als Rentner war Joseph dann den ganzen Tag unterwegs. Er ist durchs East End spaziert und mit dem Bus durch die Stadt gefahren.

SPIEGEL ONLINE: Wovon hat er gelebt?

Usborne: Er wohnte in einer Sozialwohnung und hatte etwas gespart. Er gab nie viel Geld aus, seine Schuhe hatte er Second Hand für fünf Pfund gekauft. Einmal erzählte er mir, die drei wichtigsten Dinge in seinem Leben seien sein Haustürschlüssel, sein Bus-Ticket, mit dem er immer herumfahren konnte, und sein Gürtel. Ohne Fahrkarte würden sie ihn nicht in den Bus lassen. Und ohne Gürtel würde er seine Hose verlieren.

SPIEGEL ONLINE: Waren Sie Josephs einziger Freund?

Usborne: Nein, in Hoxton kannten ihn viele. Joseph sprach sie einfach an. Er hatte auch viele Freunde in der Kirche. Er war zwar jüdisch, ist aber trotzdem in die Kirche gegangen, weil es dort gute Sandwiches gab und die Leute nett waren. Kurz bevor er gestorben ist, kam ein Priester zu ihm ins Krankenhaus - und ein Rabbi. Der eine ging davon aus, Joseph sei Christ, der andere dachte, Joseph sei Jude. Beide waren ziemlich überrascht. Joseph fand das sehr witzig.

SPIEGEL ONLINE: Hatte er noch Angehörige?

Usborne: Eine ältere Schwester und eine Nichte haben immer mal nach ihm geschaut. Aber Joseph hat nie geheiratet. Er hatte auch nie eine Beziehung.

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SPIEGEL ONLINE: Warum nicht?

Usborne: Er meinte, eine Ehefrau würde ihn nur herumkommandieren. Und das wollte er nicht. Bis seine Mutter starb, wohnte er mit ihr zusammen. Sie war in den Zwanzigerjahren aus Polen nach London geflohen. Dort lebten sie in ärmlichen Verhältnissen. Joseph erzählte mir, er habe nur einmal in seinem Leben London verlassen.

SPIEGEL ONLINE: Wohin ist er gefahren?

Usborne: Er war mit seiner Mutter am Meer. Er sagte, das sei der schönste Tag in seinem Leben gewesen.

SPIEGEL ONLINE: Das ist aber traurig.

Usborne: Ja. Aber Joseph war kein trauriger Mensch. Er sagte, es sei sinnlos traurig zu sein, das würde ohnehin niemand mitbekommen. Also entschloss er sich, einfach weiter glücklich zu sein. Er hatte eine sehr positive Einstellung. Und war sehr an Leuten und der Kultur interessiert.

SPIEGEL ONLINE: Auch an der Politik?

Usborne: Ja. Er fand es furchtbar, was in der Welt passiert und konnte nicht verstehen, warum überall so viele Gewalttaten geschehen.

SPIEGEL ONLINE: Hatte er sich vor den neuen Zeiten gefürchtet?

Usborne: Er hat nur gedacht, dass Computer gefährlich wären und er hatte Angst davor, einen falschen Knopf zu drücken und die Welt in die Luft zu sprengen oder die Wirtschaft zum Kollabieren zu bringen. Und er hat sich davor gefürchtet, alt und krank zu werden. Er wollte nie in ein Altersheim, weil er dachte, man würde ihn dort einsperren und den Schlüssel wegwerfen. Aber dann ist es doch so gekommen, und er wurde in einem Heim untergebracht. Das erste Mal in seinem Leben wohnte er außerhalb Ost-Londons. Ein Jahr verbrachte er dort und hasste es. Dann ist er gestorben.

Das Interview führte Kristin Haug für das Fotoportal seen.by.

insgesamt 12 Beiträge
Walther Kempinski 02.04.2015
1. Hipster?
Sind doch keine Hipster. Sehen eher aus wie Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen.
Sind doch keine Hipster. Sehen eher aus wie Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen.
CortoM 02.04.2015
2. wie sinnlos es ist traurig zu sein...
besten Dank für diesen Artikel und die dazugehörigen Bilder. Die besten Geschichten liegen eben vor der Türe.....
besten Dank für diesen Artikel und die dazugehörigen Bilder. Die besten Geschichten liegen eben vor der Türe.....
dupontm 02.04.2015
3. Dankeschön
eine wunderschöne und tiefgründige Fotostrecke, ein berührender Artikel, vielen Dank!
eine wunderschöne und tiefgründige Fotostrecke, ein berührender Artikel, vielen Dank!
sondevida 02.04.2015
4. wieso schwierig?
Als Hipster geplagter noch-Ost-Londoner habe ich die Bezeichnung Hipster fuer die Maedels auch nicht verstanden. Aber wieso meinen Sie, die saehen aus wie auch schwierigen Verhaeltnissen? Die sehen wie ganz normale Maedels [...]
Zitat von Walther KempinskiSind doch keine Hipster. Sehen eher aus wie Jugendliche aus schwierigen Verhältnissen.
Als Hipster geplagter noch-Ost-Londoner habe ich die Bezeichnung Hipster fuer die Maedels auch nicht verstanden. Aber wieso meinen Sie, die saehen aus wie auch schwierigen Verhaeltnissen? Die sehen wie ganz normale Maedels aus. Die Idee hier nie rausgekommen zu sein finde ich ja furchtbar, freue mich aber immer zu lesen, wie Menschen einfach eine positive Einstellung annehmen koennen. Das versuche ich auch immer und diese wird mich auch aus London herausfuehren :)
Hipster 02.04.2015
5. lol
Das sind keine Hipster ... ;-)
Das sind keine Hipster ... ;-)

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  • Martin Usborne:
    I've Lived In East London For 86 1/2 Years

    Hoxton Mini Press;
    80 Seiten, 12,95£

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