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Stil

Außergewöhnliche Models

Marke Eigenheit

Immer häufiger sind Models ohne klassische Model-Attribute in der Werbung und auf dem Laufsteg zu sehen. Nur ein Werbegag, oder öffnet sich die Modebranche für neue Schönheitsideale? Ein Stil-Klassiker

REUTERS
von Jörg Oberwittler
Mittwoch, 05.08.2015   15:56 Uhr

Für einen kurzen Augenblick steht er verloren auf dem Berliner Bürgersteig, der Schauspieler RJ Mitte. In der Hitserie "Breaking Bad" hat er den Sohn von Walter White gespielt. Jetzt wartete Mitte vor der falschen Hausnummer auf unser Interview, ein Handy am Ohr und ein Fragezeichen im Gesicht. Mit seiner charmanten, unprätentiösen Art wirkt er wie ein ganz normaler Passant auf der Straße. Keine PR-Agentin im Schlepptau, keine Limousine, keine Starallüren.

Auch im Gespräch gibt sich der 22-Jährige locker und ungezwungen. Dabei könnte sich RJ Mitte durchaus Allüren leisten: Neben seiner Schauspielerei ist er aktuell das Gesicht der US-amerikanischen Modekette Gap, auf den Fashion Weeks in Mailand, London und Berlin lief er für Designer wie Vivienne Westwood oder Sopopular.

Getty Images

RJ Mitte bei der Milan Fashion Week im Juni 2015

RJ Mitte entspricht dem Schönheitsideal eines Models: braune Haare, markante Augenbrauen, männliche Gesichtszüge, gemischt mit einem jungenhaften Charme - wäre da nicht seine angeborene Zerebralparese; eine motorische Störung, die sich vor allem beim Sprechen und somit im Fernsehen und in Spots bemerkbar macht. "Leider sehen die Menschen oft zuerst die Behinderung und dann den Menschen. Ich will mithelfen, das zu ändern", sagt Mitte. Von seiner Behinderung will er sich nicht aufhalten lassen. "So ist nun mal das Leben. Du musst daran wachsen. Und weitermachen!"

In "Breaking Bad" war diese Behinderung Teil der Rolle und somit gewollt, sie bescherte ihm bereits mit jungen Jahren einen Erfolg, nach dem andere Schauspieler ihr Leben lang streben. Von diesem zehrt er nun ebenfalls in der Modewelt. Er gibt unbekannten Marken ein Stück Popularität, mit ihm kann aber auch ein etabliertes Modehaus den Charme von Toleranz und diversity versprühen.

RJ Mitte ist nicht das einzige Männer-Model mit Behinderung. In New York sah man im Januar Models mit Bein-Prothesen und im Rollstuhl, auch die Schauspielerin Jamie Brewer mit Trisomie 21 trat auf. In der TV-Serie "American Horror Story" spielte sie in verschiedenen Rollen mit. Dank der gefeierten Gruselserie hat die 30-Jährige internationale Bekanntheit erlangt. "Ich finde das Wahnsinn!", lobt RJ Mitte. "Es hat so lange gedauert, dass sich die Branche öffnet. Es ist so wichtig, dass die Mode alle Lebensbereiche widerspiegelt."

Perfekt langweilt immer mehr

Aufsehen erregen ebenfalls die Albino-Schwarzen Shawn Ross und Diandra Forrest sowie zuletzt das kanadische Model Winnie Harlow mit der Fleckenkrankheit (Vitiligo) für die spanische Marke Desigual. Einige Stellen ihrer Haut sind heller als die anderen, was den ein oder anderen Betrachter der Plakate verdutzt zweimal hingucken ließ. Der perfekte Körper, das glatte Gesicht - sie scheinen im Modebusiness langweilig geworden zu sein. Haben wir uns an ihnen satt gesehen? Sind jetzt eher "Typen" gefragt? Sprich: Kündigt sich hier eine Entwicklung hin zu mehr Diversität auf dem Laufsteg an?

AP

Winnie Harlow zeigt ein Sommerkleid in Madrid

So sieht es das deutsche Model Mario Galla. Der 31-Jährige wurde durch seinen Auftritt auf der Berlin Fashion Week 2010 bekannt, wo er mit einer Beinprothese unter anderem in Shorts für den Designer Michael Michalsky gelaufen ist. Dem Hamburger fehlt von Geburt an ein Teil seines Oberschenkels - mittlerweile ist die Beinprothese sein Markenzeichen. Bei der Auftragslage könne er sich nicht beklagen, sagt er bescheiden. Nach einer großen Kampagne für Benetton spielt er in einem Werbespot der Marke Peugeot mit. "Ich sehe mittlerweile sehr viele extravagante Typen mit Behinderung in der Modebranche. Als ich vor acht Jahren angefangen habe, wäre das undenkbar gewesen. Da war das Muttermal einer Cindy Crawford das Höchste der Gefühle."

DPA

Das Label Starstyling hat Galla für die Berlin Fashion Week eingekleidet

Die Professorin Annette Geiger von der Hochschule für Künste in Bremen bezeichnet diese Entwicklung in der Tat als Wende. Zwar habe sich Mode schon immer in den Bereichen bewegt, in denen das Schöne kurios wird. Zu große Kragen, zu riesige Perücken. Neu sei allerdings, dass sich dieses Phänomen nun von der Kleidung auf den Körper verlagert und somit ebenfalls Models mit Behinderung den Laufsteg eröffnet. Die Jahrmarkt-Freakshow der Zeit um 1900, auf der die Besucher verunstaltete Menschen oder Menschen aus fremden Kulturen beglotzten, sieht sie dahinter allerdings nicht. "Dafür sind die Models weiterhin zu schön."

Spießige Mode, auffällige Körper

Warum dann aber nun Models mit einer auffälligen Andersartigkeit? Die heutigen Möglichkeiten der Schönheitsoperationen und Botox-Behandlungen haben den perfekten Körper für jeden mit ausreichend Geld ins Machbare gerückt, erklärt Geiger. "Wir sind den perfekten Körper inzwischen sehr gewöhnt. Insofern ist die Spitznase für die Mode uninteressant geworden." Hinzu komme die Lust am "Exotischen", die es schon lange in der Mode gebe. Doch der Ethno- oder Safari-Look reichen nicht mehr aus, das vermeintlich Fremde aus Afrika und China ist uns nicht mehr fremd. "Jetzt geht es also an den Körper."

Hinzu komme drittens der Trend zum "Norm-Core" in unserem Alltag: einem "Hardcore-Normalsein". Immer mehr Menschen ziehen sich möglichst unauffällig an, tragen Basics und pflegen einen minimalistischen Stil. Dem stellt die Mode nun den Trend gegenüber, Menschen mit auffälligen Körpern eine Bühne zu geben.

Heute laufen Models mit knapp 70 (Eveline Hall), Transgender-Models wie Andreja Peji oder die besagten Albino-Models Fashion-Shows. Sowohl RJ Mitte als auch Mario Galla sind bei der Hamburger Agentur "Core Models" unter Vertrag. Deren Chef Paul James Hay sieht im Trend in der Tat mehr als einen bloßen Showeffekt. Der Fashion-Markt in London, Paris, Mailand und Berlin sei zwar zu unterschiedlich, um einen europäischen Wandel hin zu mehr Vielfalt auf dem Laufsteg festzustellen, aber viele Marken, die die Aufmerksamkeit längst nicht mehr nötig hätten, zeigten Models mit Behinderung: Vivienne Westwood oder Diesel beispielsweise.

Paul James Hay glaubt, dass Models wie RJ Mitte und Mario Galla in einer positiven Weise die Aufmerksamkeit des Betrachters auf Behinderung lenken: "Diese Models werden zu einem Vorbild für heutige Jugendliche, die auch ein Handicap haben", sagt er. Die beiden Männer nutzen ihre Popularität dafür, Integration und Inklusion voranzutreiben, engagieren sich in Vereinen und Verbänden, RJ Mitte ist Sprecher der Kampagne "Inclusion in the Arts and Media of Performers With Disabilities" (Inklusion von Künstlern mit Behinderungen in Kunst und Medien). Aus der Website der Kampagne geht zum Beispiel hervor, dass im Jahr 2011 weniger als ein Prozent aller US-amerikanischen TV-Figuren eine Behinderung hatten.

Im Vergleich zur Fernsehbranche ist die Fashion-Branche demnach gesellschaftlich das, was sie modisch schon ist: Trendsetter.

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version dieses Beitrag wurden in Themenzeile und Vorspann das Wort Behinderung benutzt. Da es in diesem Artikel jedoch nicht nur um Models mit Behinderung geht, sondern etwa auch um Transgender, haben wir die Formulierung geändert.

insgesamt 8 Beiträge
bilkersipad 05.08.2015
1. Transsexuelle
Unter der Überschrift "Models mit Behinderung" auch Transsexuelle einzureihen lässt mal wieder tief blicken. sehr traurig.
Unter der Überschrift "Models mit Behinderung" auch Transsexuelle einzureihen lässt mal wieder tief blicken. sehr traurig.
glen13 05.08.2015
2.
Erst wenn normalgewichtige Models die Norm sind, glaube ich, dass behinderte Models genommen werden, ohne Hintergedanken. Bis dahin ist das nur ein Geschäftsmodell, was ziemlich dreckig ist.
Erst wenn normalgewichtige Models die Norm sind, glaube ich, dass behinderte Models genommen werden, ohne Hintergedanken. Bis dahin ist das nur ein Geschäftsmodell, was ziemlich dreckig ist.
BettyB. 05.08.2015
3. Frage
Was ist neu daran, auffälliges auszustellen, den haben all die Hungermodelle nicht auch eine Art von Behinderung?
Was ist neu daran, auffälliges auszustellen, den haben all die Hungermodelle nicht auch eine Art von Behinderung?
hschmitter 05.08.2015
4.
Wer eine Behinderung als ein neues Schönheitsideal preist, hat wohl selbst einige sehr spezielle Fähigkeiten Und woran sich der Autor satt sieht, ist mir ziemlich wurscht - ich fand Frauen, die man getrost als Spendenbild [...]
Wer eine Behinderung als ein neues Schönheitsideal preist, hat wohl selbst einige sehr spezielle Fähigkeiten Und woran sich der Autor satt sieht, ist mir ziemlich wurscht - ich fand Frauen, die man getrost als Spendenbild für Hungerkatastrophen verwenden konnte, noch nie toll. Auch nicht optimierte Waschbretter, völlig enthaart. Jedoch sollte der Autor von sich sprechen und nicht für alle anderen.
hschmitter 05.08.2015
5.
@1 Eine Behinderung als neues Schönheitsideal anzupreisen, ist auch etwas schräg. Drauf man sich aussuchen, ob man sich Arm oder Bein abhackt oder eher kopflos dem Autor folgt.
@1 Eine Behinderung als neues Schönheitsideal anzupreisen, ist auch etwas schräg. Drauf man sich aussuchen, ob man sich Arm oder Bein abhackt oder eher kopflos dem Autor folgt.

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