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Stil

Evolution des Sneakers

Der Turnschuh macht den Mann

Chucks von Converse, Air Jordans von Nike, Superstars von Adidas - längst moderne Klassiker. Eine Ausstellung feiert Sneakers. Hier verrät die Kuratorin, warum Turnschuhe für männlichen Erfolg stehen. Stil-Klassiker

Courtesy American Federation of Arts
Ein Interview von
Donnerstag, 23.07.2015   16:00 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Frau Semmelhack, sind Sneakers überall auf der Welt beliebt?

Semmelhack: Ja, das Phänomen beschränkt sich nicht nur auf die Industrienationen. In Ghana zum Beispiel, wo Mode eine sehr große Rolle spielt, da fertigt man sogar Särge in Sneaker-Form an.

SPIEGEL ONLINE: Mode verläuft in Zyklen, und die Sneaker-Mode scheint das auch zu tun. Warum jagt dort eine Retro-Welle die andere?

Semmelhack: Den Converse Allstar kann man seit fast hundert Jahren kaufen. Er ist eine Ikone. Manche Modelle werden immer neu aufgelegt. Sie gehören einfach so sehr zu unserer Kultur, dass wir zu jeder Zeit Zugang zu ihnen haben wollen. Natürlich gibt es auch ein paar Retro-Modelle, die nur alle paar Jahre wiederkommen: Der Air Jordan III war der erste Schuh, der nach seinem kompletten Verschwinden wieder neu aufgelegt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Welche Schuhe fallen unter den Begriff "Sneaker"?

Semmelhack: Ich habe das Wort zum ersten Mal für das Jahr 1870 belegen können, um diese Zeit taucht es in Zeitungen und in der Werbung auf. Sneaker ist amerikanischer Slang, Kinder nannten Schuhe mit Gummisohlen so, weil man sich mit ihnen leise anschleichen (engl. "to sneak" - d. Red.) konnte. Heute haben immer noch alle Sneakers Gummisohlen. Hinzu kommt, dass alle Modelle von athletischem Schuhwerk inspiriert sind. In Deutschland beschreibt der Begriff nicht ganz so viele Schuhsorten, bei Ihnen sind Schuhe für den Sport "Turnschuhe", nicht Sneakers.

SPIEGEL ONLINE: Wo liegen die Ursprünge dieses Schuhmodells?

Semmelhack: Als Charles Goodyear im Jahr 1839 die Vulkanisation erfand, konnte man das Naturmaterial Kautschuk zum ersten Mal gut verarbeiten. Seit die Europäer sich mit Kautschuk beschäftigten, dachten sie auch über einen Einsatz als Schuhmaterial nach. Zunächst fertigte man Gummi-Überschuhe, dann Gummistiefel. Goodyear selbst dachte, dass Kautschuk in naher Zukunft billiger einzukaufen sein würde - und dass irgendwann alle Menschen Schuhe mit Gummisohlen tragen würden, weil das Material wasser- und rutschfest und damit Ledersohlen weit überlegen ist. Das war recht prophetisch von ihm.

SPIEGEL ONLINE: Wann wurde zum ersten Mal ein Schuh genäht, der den heutigen Sneaker-Modellen ähnelt?

Semmelhack: Als die Mittelschicht im 19. Jahrhundert erstmals so etwas wie Freizeit genießen konnte, wurde sportliche Betätigung schnell ziemlich beliebt, Tennis in England zum Beispiel. Eines der ersten Sneakers-Modelle war ein Tennisschuh mit Gummisohle.

SPIEGEL ONLINE: Diese Varianten sahen aber so aus wie ganz normale lederne Halbschuhe der Epoche.

Semmelhack: Die Sneakers haben sich früher an die aktuelle Mode der Zeit angepasst. Heute ist das anders, einige Modelle sind seit Jahrzehnten fast unverändert im Handel, Chucks beispielsweise, Basketballschuhe, die Chuck Taylor für die Firma Converse im Jahr 1917 erfunden hat.

SPIEGEL ONLINE: In Deutschland scheint fast jeder ein Paar Chucks zu besitzen...

Semmelhack: ...und wenn es nicht Chucks sind, dann sind es Adidas Superstars. Ich nenne dieses Phänomen die Demokratisierung der Sneakers.

SPIEGEL ONLINE: Was meinen Sie damit?

Semmelhack: Sneakers stehen heute in Millionen Kleiderschränken und Schuhregalen. Die Entwicklung begann zwischen den beiden Weltkriegen. Die Staaten wollten, dass ihre Völker kampfbereit sind, trainiert und fit für den nächsten Krieg. Die Turnerbewegung wurde in Deutschland sehr stark, Sportunterricht in vielen Ländern eingeführt, auf einmal brauchten alle jungen Leute Trainingsschuhe.

SPIEGEL ONLINE: Hat Deutschland eine große Rolle bei dieser Entwicklung gespielt?

Semmelhack: Ja, mehrfach. Adi und Rudolf Dassler fertigten zuerst Sportschuhe für die athletische Elite an, sie hatten großes Interesse daran, dass ihre Kreationen bei Olympia getragen wurden. Während der Berliner Nazi-Spiele 1936 hat Adi Dassler Jesse Owens ein Paar Laufschuhe geschenkt, der trug sie zum Training. Was für ein großer interkultureller Moment - und das während der NS-Zeit!

SPIEGEL ONLINE: Puma und Adidas haben einige Modelle entworfen, die heute noch Kult sind.

Semmelhack: Ja, sie haben eine Art ästhetische Revolution losgetreten. In den Sechzigern machten die Deutschen Schuhe, die zu Objekten der Begierde wurden: der Samba, der Superstar. Sie fertigten den Schaft aus Leder und färbten es hell. Sneakers waren zum ersten Mal elegant, glatt und schön, modisch eben. Der Übergang vom Sportschuh zum Alltagsschuh war geschafft.

SPIEGEL ONLINE: Heute kann man Turnschuhe sogar im Büro oder bei halboffiziellen Anlässen tragen. Wie kam es dazu?

Semmelhack: In Nordamerika startete diese Entwicklung mit der Einführung des Casual Friday, an dem der Büromann seine Uniform zurücklassen und eine private Seite von sich zeigen sollte. Sneakers stehen für Dynamik, Athletik und Kraft - deshalb waren sie eine gute Alternative zu Halbschuhen und Anzug. Wer Sneakers sah, hatte auf einmal Bilder von HipHoppern, Rappern und Sportlern im Kopf. Der Büromann, der Sneakers trägt, zeigt, dass er nicht mehr nach den alten Regeln spielt, sondern nach den neuen, die dem Mann mehr Eigenschaften zugestehen als nur den beruflichen Erfolg.

SPIEGEL ONLINE: Bürohengste, Rapper, HipHopper - wir reden immer nur von Männern. Frauen tragen doch auch Sneakers!

Semmelhack: Da stimme ich nicht ganz zu. Schauen Sie sich mal um. Noch in den Neunzigern gab es Diskussionen darüber, ob es für Frauen schicklich sei, überhaupt in Sandalen ins Büro zu kommen. Die Sneaker-Kultur transportiert männliche Erfolgswerte, keine weiblichen. Natürlich tragen Frauen Sneakers, aber diese Tatsache und die Modelle, die heutzutage speziell für Frauen designt werden, haben historisch kaum eine Rolle gespielt. Frauen und Athletik - diese Kombination ist in unserer Gesellschaft immer noch nicht ganz positiv besetzt. Idealisierte Weiblichkeit wird bis heute nicht von einer Frau in Sneakers verkörpert, sondern von einer Frau auf High Heels.

SPIEGEL ONLINE: Aber heutzutage werben viele Hersteller mit Frauen, die ihre Schuhe tragen. Bedeutet das nichts?

Semmelhack: Auf vielen Werbeplakaten tragen Frauen - auch berühmte - Sneakers. Sie haben aber eine rein passiv-dekorative Funktion. Wann immer bekannt gegeben wird, dass ein Promi einen Sneaker selbst designt, dann handelt es sich um einen Mann. Kanye West arbeitet mit Louis Vuitton. Berühmte Frauen nehmen an diesem Prozess nicht teil.

SPIEGEL ONLINE: Das stimmt nicht ganz, Puma hat Rihanna als Creative Director angeheuert, sie entwirft dort eigene Sneaker-Modelle. Steht vielleicht doch eine Öffnung der Sneaker-Kultur bevor?

Semmelhack: Der Schuh ist essenziell, er wird noch lange Zeit bei uns bleiben. Ob er für Frauen so wichtig wird wie für Männer? Nur wenn wir toleranter werden hinsichtlich unserer Vorstellung von Weiblichkeit. Das sind aber Probleme, die weit über den Sneaker selbst hinausragen.


Zu der Ausstellung ist bei Rizzoli New York ein beeindruckender Katalog erschienen: "Out of the Box - The Rise of Sneaker Culture".

insgesamt 47 Beiträge
Ragnar the Bold 23.07.2015
1. Yoda
Da ist ein Yoda Zitat auf der Box!
Da ist ein Yoda Zitat auf der Box!
Thomas Mainka 23.07.2015
2. Generationen im Wandel
Aktuelle Sneaker sehen aus wie die Schuhe, die es vor 30 Jahren beim Aldi für DM 3,95 gab. Besser sind sie auch nicht geworden, sondern lediglich bunter und 50x teurer. Dafür kann sich der Träger damit heute "sehen" [...]
Aktuelle Sneaker sehen aus wie die Schuhe, die es vor 30 Jahren beim Aldi für DM 3,95 gab. Besser sind sie auch nicht geworden, sondern lediglich bunter und 50x teurer. Dafür kann sich der Träger damit heute "sehen" lassen. Wenn etwas teuer ist, sieht es auch gut aus. Die damaligen Standardschuhe von Adidias (Allround und Tennis Spezial) liegen im gleichen Bereich wie damals, wenn man die Inflation zu heute bei 100% festlegt. PS: die kackbraunen Pumas gibt es tatsächlich immer noch. Die sehen auch immer noch so grässlich aus.
jana45 23.07.2015
3.
Turnschuhe sind bequem - gut zu tragen, gut beim laufen. Als Ausdruck von Männlichkeit sind sie vielleicht in Jugendkulturen relevant - in jugendlichern Orientierungsphasen. Doch Frauen bevorzugen eben oft andere Modeschuhe, weil [...]
Turnschuhe sind bequem - gut zu tragen, gut beim laufen. Als Ausdruck von Männlichkeit sind sie vielleicht in Jugendkulturen relevant - in jugendlichern Orientierungsphasen. Doch Frauen bevorzugen eben oft andere Modeschuhe, weil sie denken damit hübscher werden zu können oder so. Ich glaube jedoch nicht wie es suggeriert wird, dass Sportschuhe besonders mit Männlichkeit oder Unweiblichkeit assoziert werden. Sie sind normalerweise nur zweckmäßig.
sikasuu 23.07.2015
4. Ich hätte noch eine durchgescheuerte Jeans, Klassiker, mehr als...
.. 30 Jahre alt, also man könnte sahen "Mit H-Kennzeichen" noch in eigener "Rutscharbeit" an Knien und A.... ähm "Hinten mitteloben" zerschlissen. . Nicht solche Massenware wie sie Heute aus dem [...]
.. 30 Jahre alt, also man könnte sahen "Mit H-Kennzeichen" noch in eigener "Rutscharbeit" an Knien und A.... ähm "Hinten mitteloben" zerschlissen. . Nicht solche Massenware wie sie Heute aus dem Kaufhaus kommt.... Welches Museum nimmt die als Leihgabe ;-))
ge1234 23.07.2015
5. Falsch!
"Der Büromann, der Sneakers trägt, zeigt, dass er nicht mehr nach den alten Regeln spielt, sondern nach den neuen, die dem Mann mehr Eigenschaften zugestehen als nur den beruflichen Erfolg." Das einzige, was der [...]
"Der Büromann, der Sneakers trägt, zeigt, dass er nicht mehr nach den alten Regeln spielt, sondern nach den neuen, die dem Mann mehr Eigenschaften zugestehen als nur den beruflichen Erfolg." Das einzige, was der Büromensch, der Sneakers trägt, zeigt, ist, dass er von Stil und männlicher Eleganz absolut keine Ahnung hat. Ein Mann, der älter als 14 Jahre alt ist, trägt Turnschuhe nur dort, wo sie ihrer Bestimmung nach auch hingehören: in der Turnhalle oder auf dem Sportplatz!

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