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Stil

Peter Lindbergh

"Ich habe nicht das Gefühl, von Schönheit umzingelt zu sein"

Peter Lindbergh fotografiert die attraktivsten Frauen der Welt. Im Interview verrät der Starfotograf, warum er Top-Models nicht unbedingt schön findet - und wie er Angela Merkel stylen würde.

Jim Rakete
Von
Dienstag, 23.08.2016   11:25 Uhr

Zur Person

SPIEGEL ONLINE: Herr Lindbergh, haben Sie eigentlich nie Lust gehabt, mal etwas Hässliches zu fotografieren?

Lindbergh: Nein. Das wäre vielleicht anders, wenn ich auch diese retuschierten Plastikgesichter fotografieren würde. Ich finde die Menschen, die ich fotografiere, interessant, aber nicht unbedingt schön.

SPIEGEL ONLINE: Cindy Crawford, Tatjana Patitz, Helena Christensen, Linda Evangelista: Die meisten Menschen würden ihnen da wahrscheinlich widersprechen.

Lindbergh: Ich habe nicht das Gefühl, von Schönheit umzingelt zu sein.

SPIEGEL ONLINE: Was ist denn Schönheit für Sie?

Lindbergh: Bei richtiger Schönheit sprechen wir über Individualität, über die Courage man selbst zu sein, die eigene Sensibilität einer Person. Das zusammen ergibt für mich Schönheit. Alles andere, dieser Wahn nach Jugend und Perfektion, ist nur eine manipulierte Fiktion. So gesehen finde ich das Schönheitsideal von heute skandalös.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben mal gesagt: "Nichts ist so sexy wie Persönlichkeit." Wie lässt man denn jemanden ohne Persönlichkeit sexy erscheinen?

Lindbergh: Ich glaube nicht, dass das geht. Alle Blinden versuchen, "sexy" dadurch vorzutäuschen, dass sie die Models in Hotpants und hohe Schuhe stecken - und dann: "Hintern raus!" Das ist doch wohl eher tragisch.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich Tricks, um jemanden wie Naomi Campbell aus der Reserve zu locken? Gibt es den klassischen Peter-Lindbergh-Eisbrecher?

Lindbergh: Nein, überhaupt nicht. Tricks? Was für eine furchtbare Idee. Es gibt dafür keine Technik. Das würde nicht funktionieren. Man kann nur genau in dem Moment ganz und gar man selbst sein. Es hat 45 Jahre gedauert, um diesen Prozess im Detail zu verstehen.

SPIEGEL ONLINE: Wie muss man sich das vorstellen?

Lindbergh: Das hat viel mit Vertrauen zu tun. Es ist nicht, wie im Allgemeinen angenommen wird, die Architektur eines Gesichts, die man fotografiert. Das Foto entsteht in einer Art "Raum", der auf sehr sensible Weise, zwischen dem Fotografen und der Person anfängt, zu existieren. Ich möchte diesen "Raum" hier mal Aura nennen. Man muss sich das vorstellen, als hätte man eine Frau zum ersten Mal zum einem Tête-à-Tête-Dinner eingeladen und ist bereit, alles zu geben, nur um sie nicht zu langweilen. Beide wissen, dass man sich selbst ausliefern und der Situation stellen muss. Was dann mit eben dieser Situation geschieht, ist das, was man nachher auf dem Foto sieht und fälschlicherweise für die Persönlichkeit der fotografierten Person hält.

SPIEGEL ONLINE: Das heißt, Sie wissen vorher gar nicht, wie das Foto aussehen soll?

Lindbergh: Ich versuche, mir inzwischen - abgesehen natürlich von der Location oder dem Set-Design -, gar nichts mehr vorzustellen und das Foto zu machen, wenn ich da bin. Ich fange einfach an und versuche, interessante Momente während der Vorbereitung zu finden, die spontan entstehen und nicht reproduzierbar sind. Ich mache häufig bis zu zehntausend Fotos am Tag.

SPIEGEL ONLINE: Und die sehen Sie hinterher alle selbst durch?

Lindbergh: Ja, würde jemand anderes eine Vorauswahl machen, wären die Experimente, die zufälligen und abenteuerlicheren Bilder wahrscheinlich rausgeflogen. Auszuwählen ist genau so wichtig, wenn nicht wichtiger, als das Fotografieren selbst.

SPIEGEL ONLINE: Warum wird auf Modefotos eigentlich so selten gelacht?

Lindbergh: Für mich sind Modefotos auch immer ein Porträt oder Teil einer Story. Ich finde, wenn eine Person lacht, überstrahlt das alle anderen Emotionen. Wenn man ohne Lachen in die Kamera guckt, kann man in diesem Gesicht wie in einem Buch lesen. Das soll aber nicht heißen, dass ich Lachen nicht schön finde. Eva Herzigova zum Beispiel. Wenn Eva lacht, dann geht die Sonne auf.

SPIEGEL ONLINE: Gibt es eigentlich Fotos, hinter denen Sie nicht mehr stehen?

Lindbergh: Ja, die gibt es. Das sind meistens die Aufnahmen, bei denen ich versucht habe, irgendeinen Trend in eine Story zu integrieren. Das sieht dann zehn Jahre später eher albern aus.

SPIEGEL ONLINE: Sie haben 1999 Gerhard Schröder fotografiert. Gibt es heute Politiker, die sie gerne fotografieren würden?

Lindbergh: Angela Merkel würde ich gerne fotografieren. Sie ist bestimmt eine interessante Person. Leider bin ich ihr noch nie begegnet. Ende September sind einige Fotografen zu einem Empfang beim Bundespräsidenten eingeladen. Vielleicht treffe ich sie ja dort.

SPIEGEL ONLINE: Peter Lindbergh fotografiert Angela Merkel?

Lindbergh: Ach nee, lieber nicht, da würde man wahrscheinlich zu viel erwarten - und hinterher würde die Kanzlerin kritisiert, weil irgendwelchen selbsternannten Kritikern die Haare oder sonst irgendwas nicht gefallen haben. Das sollten wir Frau Merkel doch lieber nicht antun. Um beim Thema zu bleiben: Ich denke, ich würde fragen, die Haare aus der Stirn nach hinten zu tun.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind mittlerweile 71 Jahre alt. Denken Sie eigentlich nie ans Aufhören?

Lindbergh: Nein, überhaupt nicht. Es gibt noch so viele Sachen zu tun. Alleine im vergangenen Monat: Pirelli-Kalender, hundert Seiten für die gesamte Oktober-Ausgabe der italienischen "Vogue", davor die Hollywood-Ausgabe für "W", die Arbeit an der Ausstellung 'A Different Vision on Fashion Photography' in Rotterdam mit Thierry Loriot.

SPIEGEL ONLINE: Ist es nicht immer das Gleiche? Noch eine "Vogue", noch eine Modestrecke.

Lindbergh: Ich langweile mich kein bisschen. Ich bin jetzt an einem Punkt meines Handwerks angelangt, den ich bislang nicht erreicht habe. Es fühlt sich vollkommen anders an, zu spüren, dass man die Sache absolut meistert und vor nichts mehr Angst hat.

SPIEGEL ONLINE: Sie wurden im Laufe Ihrer Karriere mit vielen Labels versehen: "Entdecker der Supermodels", "Model-Dompteur", "Diven-Macher". Was soll denn mal auf Ihrem Grabstein stehen?

Lindbergh: "Hier liegt ein Mann, der sein Talent bei der Arbeit entdeckt hat." Damit meine ich, dass ich mein ganzes Leben sehr viel gearbeitet habe und das auch noch immer tue. Das ist das Schöne, denn dann kommen alle Dinge ganz von selbst zu einem.

SPIEGEL ONLINE: Woher nehmen Sie die Energie? Meditieren Sie immer noch zweimal am Tag?

Lindbergh: Das schaffe ich leider nur noch dreimal die Woche. Ich arbeite viel nachts, das ist die einzige Zeit, in der ich meine Gedanken sammeln kann. Doch das ist eigentlich nicht anstrengend. Motivation ist ein wunderbarer Motor.

SPIEGEL ONLINE: Kommt da die Familie nicht zu kurz?

Lindbergh: Doch, sicher. Wenn ich überhaupt bei uns zu Hause in Paris bin, arbeite ich bis etwa halb acht. Danach sitze ich mit der Familie zusammen und um zehn, halb elf gehe ich wieder in mein Büro. Dort arbeite ich dann weiter bis ungefähr halb fünf am Morgen.

SPIEGEL ONLINE: Wann stehen Sie dann auf?

Lindbergh: Um neun, manchmal auch schon um halb neun.

SPIEGEL ONLINE: Haben Sie nicht manchmal Angst, dass Sie irgendwann mal denken: "Ich habe zu viel Zeit mit Arbeit verbracht"?

Lindbergh: Ja, ich habe immer gedacht, dass ich in den vergangenen zehn Jahren meines Lebens mit allem aufhöre und nur darüber nachdenke, was in meinem Leben passiert ist. Inzwischen weiß ich, dass kann man auch sehr gut währenddessen tun.

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