Schrift:
Ansicht Home:
Stil

Billigvillen aus der Vorstadt

Willkommen in der Protzbauhölle

Es gibt Häuser, und es gibt Häuser aus der Hölle. Das Blog "McMansion Hell" stellt architektonische Schandflecken aus Suburbia vor - und erklärt, was an ihnen so grauenvoll ist.

Kate Wagner/ McMansion Hell
Von
Mittwoch, 08.02.2017   12:53 Uhr

Im Englischen versteht man unter "Mansion" ein riesiges, freistehendes Haus, fast schon ein Anwesen. Für viele US-Amerikaner ist ein solches Eigenheim noch immer der Inbegriff des erfüllten amerikanischen Traums. Für alle, die aufgrund von Liquiditätsengpässen noch am american-dreaming sind, erdachten Geschäftemacher das "McMansion": Ein Haus im Stil großer Anwesen, aber errichtet in Billigstbauweise - aus Holz und Kunststein und häufig unter Missachtung grundlegender Designprinzipien.

In ihrem Blog "McMansion Hell" stellt Kate Wagner die absurdesten dieser Bauwerke vor: vollkommen überdimensionierte Protzbauten, mit Säulen geschmückte Garagen, ins Nichts gesetzte Zierbögen, schießschartenartige Fenster. Wagner versteht es, sich über das lustig zu machen, was andere für Architektur halten. Zusätzlich erklärt die 22-Jährige ihren Lesern aber auch, welche Details es sind, die dem Auge weh tun.

Fotostrecke

Best of "McMansion Hell": Der Teufel steckt im Detail

Wagner bereichert ihre Posts über Bausünden und schildbürgerhaft geplante Konstruktionen mit Architekturlehre. Ihr Fachwissen macht den Blog besonders. Dabei ist sie selbst keine Architektin, Wagner studiert an der Johns-Hopkins-Universität Akustik. Sie interessiere sich aber seit ihrer High-School-Zeit für Architektur und Inneneinrichtung, sagte sie in einem Interview mit dem "Papermag".

Das Blog habe sie ursprünglich für sich und ihre Freunde gestartet, um gemeinsam über gigantomanische Bauten in amerikanischen Vorstädten lästern zu können. Doch bereits nach kurzer Zeit wurde aus dem überschaubaren Leserkreis eine Fangemeinde von mehreren Tausend. Längst hat Wagner auch das komplette Social-Media-Programm im Angebot, außerdem verkauft sie kleine Fanartikel: T-Shirts, Anstecker und so Zeugs.

Wegbereiter der McMansions

Den Ursprung der McMansions verortet Wagner in Levittown. Die Retortensiedlung wurde 1947 vom Unternehmer Abraham Levitt in Nassau County, Long Island, aus dem Boden gestampft. Levitt war sicher nicht der erste, der das Geschäft mit dem Traum vom Haus in der Vorstadt witterte, aber er hat es perfektioniert. Levitt skalierte den Hausbau durch effiziente Arbeitsteilung zur Massenproduktion. Jedes seiner Gebäude wurde in 27 standardisierten Schritten errichtet.

Während der Reagan-Ära wurden die Billighäuser dann immer größer. Das Benzin war günstig und damit auch lange Distanzen zwischen Wohnort und Arbeitsstätte für viele Hauskäufer kein Ausschlusskriterium mehr. Draußen auf dem Land gab es Baugrund en masse, Kredite waren ebenfalls leicht zu haben.

In den Nullerjahren erreichte der architektonische und finanzielle Größenwahn seinen Höhepunkt. Die meisten Monstrositäten wurden in dieser Zeit gebaut. Nicht von Architekten, sondern von Entwicklern, die sich wenig Gedanken um Proportionen oder Nachhaltigkeit machten, dafür umso mehr über schnell realisierbare Gewinne. Auch die Hausbesitzer spekulierten in der Regel schon über den Wiederverkaufswert, bevor überhaupt der erste Stein gesetzt war.

Mangelhaft und teuer

Diese Ignoranz rächt sich nun. Wagner schreibt, niemand wolle diese Häuser kaufen: überdimensioniert, mangelhaft, teuer im Unterhalt und meistens als Antwort auf kurzlebige Trends konzipiert. Außerdem hat die Finanzbranche aus ihrem Beinahekollaps 2009 wenig gelernt. Kredite sind noch immer leicht zu haben. Wer ein McMansion möchte, baut einfach neu.

Um ihre Blogger-Karriere muss sich Kate Wagner also vorerst keine Sorgen machen. Sollte doch einmal das Material ausgehen, kann sie sich auch komplett auf das Verreißen geschmackloser Inneneinrichtungen verlegen. Das macht sie auch hervorragend. Einen ihrer jüngsten Einträge hat sie Donald Trumps Pompös-Penthouse in New York gewidmet. Auf dessen Bescheidenheit kann sie sicher auch in Zukunft bauen.

Mehr im Internet

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP