Schrift:
Ansicht Home:
Stil

Christian Dior über Haute Couture

"Liebling, dein Kleid ist perfekt!"

Vor 70 Jahren gab Christian Dior sein Debüt als Couturier. Sein "New Look" war Revolution und Provokation zugleich. In seiner Autobiografie erklärte der Modeschöpfer seinen Stil.

Schirmer/Mosel Verlagsarchiv
Von
Sonntag, 12.02.2017   07:40 Uhr

Am 12. Februar 1947 präsentierte Christian Dior (1905-1957) der Welt erstmals seine Mode. Dieses "Interview" ist eine Kollage aus Zitaten von Christian Dior. Die Antworten des Modeschöpfers stammen alle aus seiner Autobiografie "Dior und ich", die er 1956 verfasste und die zum 70. Jubiläum des Hauses Dior neu aufgelegt wurde.

SPIEGEL ONLINE: Monsieur Dior, stimmt es, dass Sie ursprünglich gar kein Modeschöpfer werden wollten?

Dior: "Meine Liebe zur Architektur verleitete mich dazu, meinen Eltern ein Studium der Schönen Künste vorzuschlagen. Man schrie laut auf! Mein Platz wäre nicht unter den Bohemiens. Um Zeit zu gewinnen und mich einer möglichst vollständigen Freiheit zu erfreuen, belegte ich Staatswissenschaft in der Rue Saint-Guillaume, was mich zu nichts verpflichtete. Es war ein heuchlerisches Mittel, um so weiterzuleben, wie es mir gefiel."

SPIEGEL ONLINE: Ihnen gefiel es vor allem in der Pariser Kunstwelt.

Dior: "Meine Eltern waren verzweifelt über diesen Sohn, der unfähig schien, sich mit irgendetwas Ernsthaftem zu beschäftigen. Sie hatten Unrecht, denn dieses bunt gewürfelte Klima formte nicht nur meinen Geschmack, es brachte auch tiefgehende Freundschaften hervor, die bis in meine letzten Tage die wahre Basis meines Lebens bilden werden."

SPIEGEL ONLINE: Ein Freundespaar, bei dem Sie damals zeitweise wohnten, brachte ihnen schließlich das Modezeichnen bei. Wie ging es dann weiter?

Dior: "Ich war Zeichner bei Lucien Lelong, verdiente dort auf sehr angenehme Weise meinen Unterhalt, hatte einen charmanten Beruf, ohne die Verantwortung einer leitenden Stellung und die Knechtschaft einer repräsentativen Rolle zu kennen, kurz, ich lebte ruhig."

SPIEGEL ONLINE: Wieso kamen Sie auf den Gedanken, etwas ändern zu wollen?

Dior: "Monsieur Boussac, Besitzer des Hauses 'Gaston', wolle dieses völlig umgestalten und suchte einen Modellzeichner, der ihm neues Leben einhauchen könnte."

SPIEGEL ONLINE: Klingt wie ein tolles Angebot, oder nicht?

Dior: "Wie viele andere hatten vor mir versucht, einst glorreichen Namen wieder neuen Glanz zu verleihen! Das schnell pulsierende Leben der Modehäuser ist noch kürzer als das der Menschen. Allein der Gedanke an das Risiko, der Gedanke, all den vielen Staub aufzuwirbeln, den Intrigen und Ansprüchen eines seit langen Jahren angestellten Personals die Stirn zu bieten, 'Neues aus Altem' machen zu müssen in einem Beruf, der ewige Neuerung ist, erfüllte mich von vornherein mit Müdigkeit."

SPIEGEL ONLINE: Sie sagten einmal, Sie scheuten die Verpflichtungen einer solchen Unternehmung. Warum machten Sie sich dann selbstständig?

Dior: "Balmain, wie ich Modellzeichner bei Lelong, entschied sich, das Haus zu verlassen, um - übrigens mit Erfolg - unter seinem Namen ein eigenes zu gründen. Dies veranlasste mich, über mein Geschick nachzudenken."

Fotostrecke

Fotostrecke: Die Ära Christian Dior

SPIEGEL ONLINE: Wie haben Sie Ihren Finanzier Marcel Boussac von ihren Plänen überzeugt?

Dior: "Mit einiger Anmaßung umriss ich das Haus meiner Träume. Es sollte sehr klein, sehr exklusiv sein, nur wenige Ateliers haben; man würde dort nach den Regeln der großen Tradition der Couture nur für einen Kreis wahrhaft eleganter Frauen arbeiten, und ich würde auf den ersten Blick zwar einfache, in der Ausführung jedoch sehr raffinierte Modelle machen."

SPIEGEL ONLINE: Es gibt das Gerücht, die langen, plissierten, sehr stoffreichen Kleider mit den wehenden Röcken, für sie später so geliebt wurden, hätte Ihnen Marcel Boussac vorgeschrieben.

Dior: "Mögen alle, die da glauben, der Wechsel der Mode könne kaufmännischen Gesichtspunkten gehorchen, sich eines Besseren belehren lassen. Ich versichere ihnen, dass eine so beeinflusste Mode keine Lebenskraft, keine Chance zu gefallen, keinerlei Entwicklungsmöglichkeit haben würde. Monsieur Boussac hatte mir im Gegenteil volle Freiheit gelassen, sich nur vorbehalten, mich nach den Endergebnissen zu beurteilen."

SPIEGEL ONLINE: Bereits Ihre erste Modenschau am 12. Februar 1947 war eine Sensation. Die damalige "Harper's Bazaar"-Chefredakteurin Carmel Snow feierte Ihre Entwürfe als den "New Look".

Dior: "Wir hatten eine Zeit des Krieges, der Uniformen, der dienstverpflichteten Frauen mit breiten Boxerschultern hinter uns. Ich zeichnete blumenhafte Frauen, sanft gewölbte Schultern, gerundete Brustlinien, lianenschlanke Taillen und wie Blumenkelche sich ausbreitende weite Röcke."

SPIEGEL ONLINE: Die Schauspielerin Dominique Blanchard bestand für die Premiere des Theaterstücks "Appollo von Bellac" auf ein Dior-Kleid. Würden Sie sagen, dieses Kleid spiegelt den "New Look" am deutlichsten wider?

Dior: "Ich liebte dieses Modell so, dass ich es 'Chérie' getauft hatte. Es verlieh der Trägerin die Brust einer Nymphe, die Taille einer Sylphide und entfaltete, einem riesenhaften Fächer gleich, seinen Rock, in den achtzig Meter weißen Tafts eingearbeitet waren, in tausend Falten, deren wogende Weite fast bis an die Knöchel reichte."

Fotostrecke

Fotostrecke: Debüt der neuen Dior-Chefdesignerin Maria Grazia Chiuri

SPIEGEL ONLINE: Wieso bevorzugten Sie später eine schmale Silhouette?

Dior: "Die Frühjahrskollektion 1950 ließ die 'Vertikal-Linie' triumphieren, die das 'Weibliche' der Frau betonte. Knapp umspannte Büste, betonte Taille und Farben so hell wie der lichte Tag."

SPIEGEL ONLINE: Woher nahmen Sie die Inspiration für Ihre Modelle?

Dior: "Eine Ausstellung oder ein Museum kann Inspirationsquelle sein, vermittelt für gewöhnlich aber nur Einzelheiten. Die Mode hat jedoch ein Eigenleben und ihre Beweggründe, die sich der Vernunft entziehen. Was mich betrifft, so weiß ich, was ich meinen Kleidern verdanke: Sorgen, Verwirrungen, Verzückungen. Sie sind die Spiegelung meines täglichen Lebens, mit seinen Erregungen, seinem Maß an Zärtlichkeit und an Freude."

SPIEGEL ONLINE: Wie müssen wir uns die Vorführung im Atelier vorstellen?

Dior: "Die erste Vorführung findet unter Oh- und Ah-Rufen statt, die mal aus Freude, mal aus Ablehnung resultieren. Dazu kommen Ausrufe des Entzückens oder der Enttäuschung.

'Liebling, dein Kleid ist perfekt!'
'Kindchen, wirf das da in den Papierkorb!'

Hier muss gesagt werden, dass, wenn ein Kleid geglückt ist, sofort eine persönliche Beziehung zu ihm besteht; ist es jedoch verpfuscht, wird es zu einem 'das da', mit allem, was dieser Ausdruck an Unpersönlichem und Verächtlichem enthalten kann."

SPIEGEL ONLINE: In einem Satz, was glauben Sie, war Ihr Erfolgsrezept?

Dior: "Nach den vielen Bohemejahren, des Umgangs nur mit Malern und Dichtern müde, wollte die Couture zu ihrer Basis zurückkehren, besann sich ihrer Hauptaufgabe, die darin besteht, Frauen zu schmücken und sie zu verschönern."

Anzeige
Christian Dior:
Dior und ich

Die Autobiographie

Schirmer Mosel; 260 Seiten; 24,80 Euro

Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP