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Stil

Vulgäre Mode

Einfach schick

Erst verachtet, später durch Designer geadelt - diesen Weg haben schon etliche Kleidungstücke genommen. In Wien zeigt eine Ausstellung Textilien, die von der untragbaren Provokation zur populären Variation wurden.

Moschino
Freitag, 03.03.2017   14:11 Uhr

Wann ist Mode vulgär? Für Karl Lagerfeld sind es Jogginghosen. Wolfgang Joop empörte sich 2000 im SPIEGEL über die "Black-Getto-Dream-Collection" des Kurzzeitdesigners Sean Combs alias Puff Daddy. Knapp vierzig Jahre zuvor war es der Minirock, der vielen zu wenig und eben deshalb zu viel war. Noch viel früher genügte schon ein über dem Damenknöchel endender Saum zur Empörung.

Heute sind Jogginghosen nicht mehr nur Proletenkleidung, sondern genauso Prêt-à-porter wie die goldverzierte Bling-Bling-Mode der Rap-Industrie. Über den Mini regt sich auch schon lange niemand mehr auf. Es sei denn, er wird am falschen Ort getragen. Womit wir in Wien wären, im Winterpalais des Belvedere, um genau zu sein. Dort spürt die Ausstellung "Vulgär? Fashion Redefined" derzeit den Grenzen des guten Geschmacks nach.

"Das zunächst Verachtete wird später aufgegriffen", sagte die Direktorin des Belvedere, Stella Rollig, beim Presserundgang. An Mode aus sechs Jahrhunderten zeigen die Ausstellungsmacher, dass die Frage der Vulgarität immer nur kontextabhängig beantwortet werden kann. Die unterschwellige These, gestützt durch Aussagen Coco Chanels oder Jonathan Swifts: (Guter) Geschmack ist letztendlich Einstellungssache.

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Fotostrecke: Früher vulgär, heute schick

Die gezeigten Kleider sind schrill, extravagant, prachtvoll und gewagt. 89 Beispiele modischer Finesse von der Renaissance bis in die Gegenwart. Die Bandbreite reicht dabei von Mantuakleidern mit ausladenden Röcken, die Mitte des 18. Jahrhunderts mit dramatischer Silhouette am englischen Hof getragen wurden, bis zu zeitgenössischen Entwürfe von Designern wie Christian Dior, Jean Paul Gaultier, Vivienne Westwood und Louis Vuitton.

Gestern vulgär, heute schick, morgen Mainstream

Historischer Bekleidung, Couture und Konfektionsmode stellt die Kuratorin Judith Clark Stoffmuster, Handschriften, Fotografien und Filme gegenüber. Der theoretische Überbau kommt von ihrem Ko-Kurator Adam Phillips. Ausgehend von literarischen Definitionen vermitteln die Texte des Psychoanalytikers neueste Forschungserkenntnisse zu verschiedenen Auslegungen und Ursprüngen des Vulgären.

Das Vulgäre ist eben nur vordergründig abstoßend, es fasziniert uns auch, zieht Blicke an. Diese Anziehungskraft macht sich die Mode zu eigen. Wie schön das sein kann, ist noch bis zum 25. Juni in Wien zu sehen.


Ausstellung: "Vulgär? Fashion Redefined" im Belvedere, 3.3.-25.6.2017

löw/dpa

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