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Stil

Netflix-Serie über Design als Kunst

"Spaß gehört nicht zu meinem Beruf"

Auf Netflix läuft die Dokuserie "Abstrakt. Design als Kunst". Wir sind beim fulminanten Auftakt mit dem Illustrator Christoph Niemann hängen geblieben.

Christoph Niemann/ Knesebeck
Von
Dienstag, 21.03.2017   17:56 Uhr

Christoph Niemann möchte nicht Zähne putzen. Zumindest nicht vor der Kamera für die neue Netflix-Dokuserie "Abstrakt. Design als Kunst". Und darum soll es in der Folge mit ihm ausschließlich gehen, so möchte es Niemann, um seine Kunst die Illustration.

"Ganz ehrlich, kein Mensch will Authentizität", antwortet er etwas verzweifelt dem Regisseur Morgan Neville. Doch der erklärt Niemann, dass die Menschen, also wir Zuschauer, auch sehen wollen, wie der Künstler lebt. Nur Zeichentisch, das ginge nicht.

Niemann steht dann doch irgendwann mit der Zahnbürste in der Hand vor dem Spiegel. Nicht ohne zu sagen, dass das alles viel zu weit geht. "Mich interessiert nur, was auf dem Papier passiert", sagt er.

Seine Illustrationen erscheinen dort, wo vermutlich jeder Gestalter veröffentlicht werden möchte: auf dem Titel des "New Yorker", in der "New York Times" und im "Zeit Magazin". Es auf das Cover des "New Yorker" zu schaffen, sei der Traum eines jeden Gestalters, sagt er, der seit Juli 2001 auf mittlerweile 22 zurückblicken kann. Und auch in dieser Doku-Folge soll wieder ein Titel für das US-amerikanische Magazin entstehen.

Wer den deutschen Illustrator kennt, weiß, dass er seine Frau, seine Kinder und seine Arbeit liebt. Es ist kompliziert, das mit ihm und der Arbeit. Wer ihn bisher nicht kannte, weiß nach der Folge mit Niemann, dass er seine Frau, seine Kinder und seine Arbeit liebt und dass es bisweilen kompliziert, sehr kompliziert ist - mit den Ideen, dem weißen Blatt und dem horror vacui.

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Fotostrecke: Best of Christoph Niemann

Während Niemann fürchtet, dass er Illusionen zerstören würde, wenn er sich vor der Kamera im eigenen Badezimmer ein wenig die Zähne putzt, raubt er einem einfach 47 Minuten lang charmant die Illusion, dass die Tätigkeit des Künstlers spaßiger als ein 9-to-5-Job zwischen Kaffeemaschine, Schreibtisch und Mittagspause ist. Um neun Uhr geht bei ihm im Büro das Licht an, bis 18 Uhr sitzt er an seinem Zeichentisch, um 18 Uhr geht das Licht wieder aus. "Spaß gehört nicht zu meinem Beruf, und jeder Künstler, der etwas auf sich hält, tut nichts lieber, als über die Mühsal des kreativen Prozesses zu klagen", schreibt er in seinem letzten Buch "Sunday Sketching".

Davon leben seine Kunst und seine Social-Media-Kanäle, vom Schaffensprozess, von Alltag und Routine, von Fleiß, Handwerk und von Zufällen. Aus zwei Bananen macht er ein springendes Pferd, aus einem Meterstab einen Flamingo, aus einem Post-it ein Kehrblech und aus einer Münze eine Kugel Schokoladeneis, die zu Boden gefallen ist. Er arbeitet mit allem, was er zwischen die Finger bekommt, wie Lego und Gummibärchen. Was passiert, wenn er seine Schreibtischlampe bewegt und Batterien zur Hand hat:

Er arbeitet hauptsächlich allein. Arbeiten im Lieblingscafé, wie man sich das ganz Künstlerbohémien vorstellt, funktioniert für ihn nicht, auch wenn er dieses Bild von sich hat. Am Fenster sitzen, am heißen Kaffee nippen, sich emotional mit den Passanten austauschen. Und zwischendurch, während alles um einen herum fließt, der Verkehr, der Strom der Passanten, fließen auch die Ideen. Leider. Nicht. "Ein Großteil meiner Arbeit besteht darin, auf Papier zu starren. Ich muss einfach darauf vertrauen, dass irgendwann etwas Verrücktes passiert", sagt er, während er an seinem Schreibtisch vor einem weißen Blatt sitzt.

Eigentlich liefert die Dokumentation die Bewegtbilder und den Ton zu seinem Buch "Sunday Sketching" und wirkt dabei wie ein weiteres Werk von Niemann selbst. Er hat sich ein Image erzeichnet, das er am liebsten auch zeichnen würde, wenn er über sich reden soll. Er erzählt, was er zuvor schon zu Papier gebracht hat. Woher er kommt: aus dem Südwesten Deutschlands. Wohin er ging: 1997 nach New York, weil man irgendwann einfach weg muss, und da bot sich New York an, weil es die erste Stadt war, in die er je alleine gereist war. Außerdem sei seine Kunst dort zu 99 Prozent von den Leuten verstanden worden. Wenn es am schönsten ist, soll man bekanntlich gehen. Das sieht auch Niemann so. Mitte der Nullerjahre zog es ihn mit seiner Familie nach Berlin, wo seine kreativste Schaffensphase begonnen habe.

Jetzt könnte man natürlich einwenden, eine Dokumentation sollte kritisch sein und nicht Helden verehren, sollte mehr zeigen als einen Künstler, der immer weiter an seinem Image strickt. Dass der Regisseur bemüht war, hinter die Fassade zu blicken, soll die Diskussion um das Zähneputzen deutlich machen. Als Zuschauer ist man dem leicht neurotischen Niemann dankbar, dass er sich so sympathisch sträubt und vielleicht ein wenig zu eitel und kontrolliert ist - er selbst bezeichnet sich als Kontrollfreak, der am liebsten ein Patentrezept für seine Kunst hätte. Zahnputzgeräusche, nein danke!

Dann wird es doch einen Moment authentisch. Weil er das Fenster aufmacht, um seiner Frau zu sagen, drinnen würden alle nur darauf warten, dass sie sich und ihr Fahrrad aus dem Bild bewegt. Niemann gewährt keine überraschenden Einblicke in sein Privatleben oder gibt Anekdoten à la Schiller zum Besten, der angeblich ohne den Geruch alter, verfaulender Äpfel nicht schreiben konnte. Die Geschichte vom Künstlergenie ist längst auserzählt. Niemann zitiert lieber den New Yorker Maler Chuck Close, der sagte, er sitze nicht herum und warte auf Geistesblitze: "Inspiration ist etwas für Amateure. Der Rest von uns macht sich jeden Tag aufs Neue an die Arbeit."

So hält es auch Niemann und fühlt sich entlastet, denn so müsse er wenigstens nicht stundenlang auf Inspiration warten. Er fängt einfach an - und entweder etwas Wunderbares passiert oder eben nicht. Und wie entlastend das erst alles für den Zuschauer ist: Fleiß ist okay und Feierabend um 18 Uhr auch.

Lust auf Binge-watching kommt nach der Niemann-Folge nicht auf (die weiteren sieben Folgen widmen sich unter anderem dem Schuhdesigner Tinker Hatfield, dem Architeken Bjarke Ingels, der Grafikdesignerin Paula Scher oder der Innenarchitektin Ilse Crawford). Man klappt den Laptop zu, nimmt das Smartphone in die Hand und schaut drüben bei @abstractsunday auf Twitter und Instagram weiter. Dort zeigte Christoph Nieman gerade, wie das Intro zur Folge über ihn entstanden ist:

Intro sequence to "Abstract". I drew this on the car window while driving with the film crew from the New Yorker offices to the Flatiron Building and then just hit "record".

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