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Stil

Haus mit Geheimtreppe

Das Ufo von Utrecht

Die Designbewegung De Stijl wollte vor hundert Jahren die Welt verbessern. Ihr Aushängeschild: ein futuristisches Haus mit verschiebbaren Wänden und Geheimtreppe. Die Bilder.

Getty Images
Von Katharina Cichosch
Donnerstag, 23.03.2017   16:38 Uhr

Die Prins Hendriklaan wäre eine wie etliche andere Straßen in Utrecht. Stünde da nicht dieses Eckhaus, das kolossal heraussticht aus dem Einheitsbackstein der holländischen Reihenhäuschen: rechteckige, ineinander verschachtelte Platten und bunte Streben vor den großen Fenstern. Eine Art dreidimensionaler Mondrian, hineingeworfen ins Herz der niederländischen Großstadt.

Die Assoziation kommt nicht von ungefähr: Was Piet Mondrians Werk für die Bildende Kunst ist, sind Gerrit Rietvelds Entwürfe für Design und Architektur. Sein Rietveld-Schröder-Haus in Utrecht ist ein Aushängeschild der Künstlergruppe De Stijl, deren Gründung vor hundert Jahren gerade in den Niederlanden gefeiert wird.

1917 formulierte der niederländische Schriftsteller, Künstler und Architekt Theo van Doesburg mit der ersten Ausgabe seiner Zeitschrift "De Stijl" das, was später ein loser Verbund von Gleichgesinnten aufgreifen sollte: Eine Kunst, die keine Erzählungen und Interpretationen nötig hatte, weil sie allen begreifbar ist. Eine Art Gesamtkunstwerk inklusive Design und Architektur, das schließlich so vollendet wahr und richtig sei, dass es das Leben der Menschen nachhaltig zum Guten verändern sollte.

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Weltverbesserer: Die Architektur des De Stijl

Van Doesburgs Kunstideal entstand in einer Zeit der großen Enttäuschungen und Erschütterungen - der Erste Weltkrieg war noch nicht vorbei -, aber auch in einer Zeit der großen Ideen. Die Vorstellung, dass Kunst und Design die Welt retten könnten, schien der Avantgarde durchaus plausibel. Sie glaubte ganz an die Kraft der Geometrie. Ästhetik und Design waren für sie kein Selbstzweck, alles machte praktisch Sinn. Es war die gleiche Philosophie, die auch das Bauhaus in Deutschland leitete.

Im Rietveld-Schröder-Haus beschränkt sich das Experimentelle nicht nur auf die äußere Formensprache. Die Merkwürdigkeiten gehen innen weiter: So gibt es einen roten Knopf, der nach Betätigung eine geheime Treppe offenbart, die sonst platzsparend hinter einer Wand verstaut bleibt. Eine analoge Variante der mitdenkenden Wohnumgebung, in der alles ganz mechanisch funktioniert: Wände lassen sich verschieben, so dass der Wohnraum jederzeit dynamisch angepasst werden kann.

Das 1924 erbaute Haus zeigt sich als eine Art Anti-Kubus, der die geschlossenen Linien früherer Bauwerke durchbricht. Die Grenze zwischen Innenraum und Außenhaut wird durch große Fensterflächen und Bauelemente aufgelöst, die das Hausinnere nicht wie üblich in abgeschlossenen Zwiebelschichten umhüllen, sondern durchgehend von außen nach innen führen. Typisch für De Stijl sind auch die Primärfarben: Blau, Gelb und Rot, Schwarz und Weiß geben den sich potentiell veränderbaren Räumen Struktur.

Rietveld zelebriert Ecken und Kanten

Seinen radikalen Hausentwurf vollendete Rietveld mit der Bewohnerin. Truus Schröder-Schräder, Socialité und Freundin der Avantgarde-Künstler, war mit ihren sehr spezifischen Vorstellungen maßgeblich an der Entwicklung beteiligt. Natürlich ging es ihr nicht darum, einen architektonischen Spielplatz für Erwachsene, ein kinetisches Abenteuer-Designerhaus zu bewohnen: Alle Gimmicks erfüllen einen Zweck und Sinn - so wie es jede einzelne Linie, jedes Rechteck sollten. Wie Rietveld selbst erklärte: "Es war immer mein Hauptziel, einem noch ungeformten Raum eine eigene Bedeutung zu geben."

Das Haus ist voll mit Rietveld-Design, berühmten Möbelstücken wie dem Rot-Blauen Lehnstuhl oder dem Stapelschrank. So schlicht die Ausgangsmaterialien und -formen sind, so spektakulär zeigt sich deren Zusammenspiel: Nichts fügt sich still und bescheiden in den Raum ein, stattdessen zelebriert Rietveld Ecken und Kanten. Es gibt kein reines Dekor. Jede Strebe am Stuhl bleibt sichtbar. Nichts wird versteckt, alles selbstbewusst nach außen getragen und durch farbige Flächen noch betont.

Im Vergleich zu den Stuhlklassikern der Midcentury-Design-Ikonen erscheint beispielsweise der Rietveld-Stuhl immer noch sperrig, er ließe sich nicht so leicht in eine gängigere Massensprache übersetzen. Nicht wenige De-Stijl-Entwürfe sträuben sich mit Widerborstigkeit gegen die Transformation zum reinen Designobjekt. Es fällt einigermaßen schwer, sich eine massentauglich abgewandelte Kopie des Lehnstuhls oder des Stapelschranks im Möbelhauskatalog vorzustellen, wo heute hemmungslos von Design-Klassikern abgekupfert wird. So bleibt für Freunde von Rietvelds Design bis heute nur der Griff zur Re-Edition - für 2515 Euro das Stück.

Rietveld hat sich zwar nie vollständig mit De Stijl assoziiert. Sein Bau in Utrecht ist dennoch deren bekanntestes architektonisches Aushängeschild - und längst Unesco-Weltkulturerbe. Das eine, dezidierte De-Stijl-Haus gibt es ohnehin nicht. Welche Ideenschule ist schon jemals vollständig in der Realität aufgegangen? "Kunst ist nicht ein Sein, sondern ein Werden" lautet denn auch eines der bekanntesten Zitate van Doesburgs.

Für Interessierte:

insgesamt 5 Beiträge
zerr-spiegel 24.03.2017
1. Warum so wenige Fotos?
Ich hätte gerne mehr Bilder vom Inneren gesehen, insbesondere die Geheimtreppe. So bleibt leider nur lahmes Geschwafel.
Ich hätte gerne mehr Bilder vom Inneren gesehen, insbesondere die Geheimtreppe. So bleibt leider nur lahmes Geschwafel.
hakmak 24.03.2017
2. es muß schön sein
in diesem Haus leben zu dürfen. So ein Haus beeinflußt durch seinen Stil auch das Verhalten seiner Bewohner zur Umwelt. Es ist zwar fast hundert Jahre alt, wirkt aber immer noch modern.
in diesem Haus leben zu dürfen. So ein Haus beeinflußt durch seinen Stil auch das Verhalten seiner Bewohner zur Umwelt. Es ist zwar fast hundert Jahre alt, wirkt aber immer noch modern.
DonCarlos 24.03.2017
3. Es wäre schön
Es gibt natürlich da ein paar Haken was den Komfort angeht und auch die Heizkosten sehen mir bei diesem Betonbau nicht so niedrig aus. In Deutschland heute so etwas zu bauen wäre unmöglich. Nicht das die Architekten [...]
Zitat von hakmakin diesem Haus leben zu dürfen. So ein Haus beeinflußt durch seinen Stil auch das Verhalten seiner Bewohner zur Umwelt. Es ist zwar fast hundert Jahre alt, wirkt aber immer noch modern.
Es gibt natürlich da ein paar Haken was den Komfort angeht und auch die Heizkosten sehen mir bei diesem Betonbau nicht so niedrig aus. In Deutschland heute so etwas zu bauen wäre unmöglich. Nicht das die Architekten unfähig wären. Die Langweile und Tristes ist in Deutschland behördlich verordnet. Nein, die Bauämter wollen ihre netten Schrägdächer mit roten Ziegeln. Begründet wird es mit der bereits vorhandenen Ödnis, aus der nichts heraus ragen darf. - Nein, ich bin kein Architekt.
Bob Hund 24.03.2017
4.
Lesen Sie einfach mal die Forenbeiträge zu dem spanischen Haus gestern. Da kommt mir leider der Verdacht, daß nicht nur die Bauämter sondern auch die Bürger ihre "netten Schrägdächer mit roten Ziegeln" haben [...]
Zitat von DonCarlosEs gibt natürlich da ein paar Haken was den Komfort angeht und auch die Heizkosten sehen mir bei diesem Betonbau nicht so niedrig aus. In Deutschland heute so etwas zu bauen wäre unmöglich. Nicht das die Architekten unfähig wären. Die Langweile und Tristes ist in Deutschland behördlich verordnet. Nein, die Bauämter wollen ihre netten Schrägdächer mit roten Ziegeln. Begründet wird es mit der bereits vorhandenen Ödnis, aus der nichts heraus ragen darf. - Nein, ich bin kein Architekt.
Lesen Sie einfach mal die Forenbeiträge zu dem spanischen Haus gestern. Da kommt mir leider der Verdacht, daß nicht nur die Bauämter sondern auch die Bürger ihre "netten Schrägdächer mit roten Ziegeln" haben wollen. Naja, vielleicht auch besser so. Somit bleibt das Besondere etwas besonderes.
Papazaca 24.03.2017
5. Ein sehr schönes Haus, aber....
vollzieht auch ziemlich dogmatisch die Gestaltungsprinzipien von De Stijl. Die Fassadengestaltung läßt sich nicht überall rational ableiten, sie ist eben auch sehr ästhetisch (modernes Barock, hahaha). Mir gefällt es sehr, [...]
vollzieht auch ziemlich dogmatisch die Gestaltungsprinzipien von De Stijl. Die Fassadengestaltung läßt sich nicht überall rational ableiten, sie ist eben auch sehr ästhetisch (modernes Barock, hahaha). Mir gefällt es sehr, auch wenn z. B. der Zig Zag Stuhl oder der rot-blaue-Stuhl/Sessel wirklich nicht bequem sind. Dogma bedeutet eben oft auch eine gewisse Rigorosität. Auch Mondrian war ein sehr großer Künstler, aber eben auch dogmatisch. Und dieser Dogmatismus hat oft die Architektur ins Abseits geführt, siehe das Bauhaus.

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