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Stil

Maritime Frühjahrsmode

Seemannsgarn

Das Ringelhemd begeisterte schon Brigitte Bardot und wurde zum Markenzeichen von Jean Paul Gaultier. In den Frühjahrskollektionen ist der Matrosenlook wieder angesagt.

Getty Images
Von Katharina Pfannkuch
Freitag, 17.03.2017   14:38 Uhr

In Hamburg sieht man sie schon, beim Spaziergang an der Alster oder beim Shoppen am Gänsemarkt: Dunkelblaue Schiffermützen, auch als Elbsegler bekannt. Wer jetzt an Helmut Schmidt denkt, liegt gar nicht so falsch. Nur ein bisschen. Denn was der frühere Bundeskanzler so gerne trug, nennt sich Elblotse und hat einen höheren Mützensteg und kleineren Deckel als der Segler. Aber das sind hanseatische Details.

Das Comeback der maritimen Kopfbedeckung in diesem Frühjahr hat auch weniger mit Schmidt zu tun als vielmehr mit US-Designer Tommy Hilfiger. Der ließ seine aktuelle Frühjahrskollektion nicht nur von Gigi Hadid vorführen, sondern bezog das Top-Model mit 22 Millionen Instagram-Abonnenten auch medienwirksam in den Designprozess ein. Gerade einmal sieben Stunden weilte Hadid im Atelier von Hilfiger. Genug, um die Kollektion aus marineblauen Mänteln mit Goldknöpfen, Sweatshirts mit Anker- und Rettungsringmotiven, blau-weißen Streifenshirts und besagter Schiffermütze für ihre Fans heißbegehrt zu machen.

Nicht nur Hilfiger und Hadid wecken dieses Jahr die Sehnsucht nach Meer und Matrosen. Die Wiener Designerin Lena Hoschek verwandelte für ihre "Ahoy!"-Frühjahrskollektion den Laufsteg auf der Berliner Fashion Week in eine Strandpromenade, auf der Models in geringelten Tops, Kleidern mit Matrosenkragen und Röcken mit Hummermotiven flanierten. "Ich habe eine Reise ins 19. Jahrhundert gemacht und mich von der damals entstehenden Bade- und Strandkultur inspirieren lassen", erzählt Hoschek.

Von Picasso bis Kate Moss

Der maritime Look war nie ganz weg. "Anker, Matrosenmützen, die Farben Blau und Weiß, das alles steht für Seefahrt, Freiheit und Weltoffenheit. Jeder kann damit etwas anfangen", sagt Florian Braun, der die Hamburger Traditionsboutique Unger führt. Maritime Elemente seien fester Bestandteil des globalen Moderepertoires: "Es gibt immer wieder mal Saisons, in denen der Look weniger präsent ist, aber ganz verschwinden wird er nie."

Der Stil hat einen entscheidenden Vorteil: Er steht jedem - und jeder. "Unisex spielt beim maritimen Look definitiv eine große Rolle", sagt Braun. Das beste Beispiel ist das quer gestreifte Matrosenhemd. Kaum ein Kleidungsstück hat eine so illustre Fangemeinde: Rebellisch wirkte es an der Schriftstellerin Colette, später mädchenhaft an Audrey Hepburn, sexy an Brigitte Bardot und lässig an Klaus Kinski. Zahllose Fotos von Pablo Picasso zeigen den Künstler in jenem Ringelshirt, das Kate Moss heute cool mit Lederjacke und Minirock kombiniert. Catherine, die Herzogin von Cambridge, wiederum trägt es am liebsten zu Jeans oder - ganz klassisch - unterm marineblauen Blazer mit Goldknöpfen.

Queen Victoria als Trendsetterin

"Die klaren, aus der Natur stammenden Farben und die grafischen, fast architektonischen Formen machen das Streifenshirt zu einem beliebten Klassiker", sagt Lena Hoschek. Für jeden Anlass sei man damit richtig angezogen. Auch Braun beobachtet, wie universell einsetzbar das schlichte Stück ist: "Das Catering-Personal bei der Eröffnung der Elbphilharmonie trug Streifenshirts, in den Dover-Street-Market-Shops von Comme des Garçons in London, Tokio oder New York kommt Ihnen das Personal im gleichen Look entgegen."

Den Weg für diesen Klassiker ebnete Coco Chanel. Als sie Anfang des 20. Jahrhunderts in dem gestreiften, kragenlosen Hemd durchs vornehme Deauville spazierte, war das eine kleine Revolution. Denn die "marinière" war seit 1858 Teil der Uniform französischer Marinesoldaten - als deren Unterwäsche. Das Original war aus dünner Wolle gefertigt und mit genau 20 Streifen versehen. Es war also geradezu tollkühn von Chanel, die bis dato Männern vorbehaltenen Unterhemden in aller Öffentlichkeit und auch noch zu weiten Hosen zu tragen. Ihr Mut kam an: Die Ringelshirts wurden zum Verkaufsschlager in ihrer ersten, 1913 eröffneten Boutique.

Die kratzige Wolle ist mittlerweile leichteren Stoffen gewichen. Die eignen sich auch besser für Kinderkleidung, die schon früh von der maritimen Welle erfasst wurde. Queen Victoria steckte ihren Sohn Edward 1846 in einen Matrosenanzug - und erwies sich damit als echte Trendpionierin. Schließlich machte sie damit Berufskleidung salonfähig. In Deutschland wurde der Matrosenlook für Kinder dank der Begeisterung für die Marine unter Kaiser Wilhelm II. populär, ein Jahrhundert später hauchte ihm die ZDF-Serie "Nesthäkchen" neues Leben ein. Auch der schöne Tadzio in "Der Tod in Venedig" verzückte im Matrosenanzug.

"Ein Matrosenkragen kann wahnsinnig sexy sein"

Die Marine als militärische Elite, der Segelsport als Hobby gut situierter Menschen - maritime Mode umweht aller Massenproduktion zum Trotz stets ein elitärer Hauch. Und die Verwegenheit der Seefahrer: Jean Paul Gaultier ließ sich vom blau-weißen Ringelshirt nicht nur zum Flakon für sein Parfum Le Male inspirieren, sondern auch zu Werbekampagnen voller muskulöser, kraftstrotzender Matrosen.

Lena Hoschek stieß auf der Suche nach Inspiration auf Pin-up-Fotografien aus den Vierzigerjahren. "Da wurden der Matrosenkragen und der gesamte Matrosenlook an Männern und Frauen regelrecht ikonisiert. Er verlieh den Outfits eine naiv-kindliche Note und versprühte gleichzeitig viel Sex-Appeal." Das gelte auch heute, findet die Designerin: "Gerade weil er in der Erwachsenenmode mittlerweile so selten zu sehen ist, halte ich den Matrosenkragen für ein mutiges Statement, das wahnsinnig sexy sein kann."

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