Schrift:
Ansicht Home:
Stil

Skandinavisches Design

Der heilige Stuhl

Børge Mogensen schaffte es vom Schreinerlehrling zu einem der bedeutendsten skandinavischen Möbeldesigner. Seine Möbel sind raffinierte Kunstwerke, die hohe Handwerkskunst und klassisches Design vereinen.

Børge Mogensens Tegnestue
Von
Donnerstag, 13.04.2017   10:24 Uhr

Etwa 3500 Euro muss ausgeben, wer das schönste Möbelstück aus dem vielfältigen Werk Børge Mogensens sein Eigen nennen möchte. Der 1958 entworfene Spanish Chair ist ein raffiniertes Kunstwerk, das vielerlei vereint: hohe Handwerkskunst in der Fertigung mit einem klassischen, völlig schnörkellosen Design, das historische Formen behutsam in die Gegenwart überträgt. Außerdem ist er saubequem Ein wuchtiger Stuhl, der dennoch dezent wirkt und dessen Armlehne breit genug ist, um darauf ein Bier abzustellen.

Der Spanish Chair ist wohl das berühmteste Möbel Mogensens, aber nicht repräsentativ für die umfangreichen Arbeiten des Dänen. Denn sein ursprünglicher Gedanke war ein anderer: Er wollte Möbel schaffen, die im weitesten Sinne demokratisch sein und die von der deutschen Besatzung gebeutelte Bevölkerung beim Aufbruch in eine neue Zeit unterstützen sollten.

Fotostrecke

Børge Mogensen: Hohe Handwerkskunst, klassisches Design

Er war ein Idealist, der aus seiner Arbeit sowohl eine soziale als auch eine ästhetische Verantwortung ableitete und dabei stets auf Präzision achtete: Sowohl seine Sitzmöbel als auch seine Regalserien orientieren sich strikt an Maßen - des Menschen, aber auch jener Sachen, mit denen dieser sich umgibt, also Teller, Gläser, Hemden, Wäsche.

Das bei Hatje Cantz erschienene Buch "Børge Mogensen - Möbel mit Format" gibt einen guten Überblick über das Schaffen des Dänen, der gemeinsam mit seinen Kollegen - und Mitschülern - Hans J. Wegner und Finn Juhl dem skandinavischen Wohnen der Gegenwart wichtige Impulse gab. Es zeichnet seinen Weg nach von der Kunsthandwerkschule Kopenhagen über die Kunstakademie, wo er in Kontakt mit Kaare Klint kam, dem Pionier des dänischen Funktionalismus.

Seine Gruppenausstellungen mit der dänischen Tischlerinnung brachten ihm Ende der Dreißigerjahre den Durchbruch. 1942 wird er mit nur 28 Jahren Leiter des Büros für Möbeldesign des dänischen Verbrauchergenossenschaftsverbands. In den Folgejahren entwickelt er ein komplettes Möbelprogramm, das dem wuchtig-dunklen Mief der dänischen Wohnstuben den Garaus machen sollte.

Möbel mit Format

1950 gründet er schließlich sein eigenes Entwurfsbüro, das er beinahe 20 Jahre lang betreibt, bevor er sich 1969 in seine neu gebaute Sommerresidenz in Lynderup am Limfjord zurückzieht. Zwei Jahre später stirbt er.

"Möbel mit Format" erklärt Børge Mogensen nicht nur in ausführlichen Textbeiträgen, sondern vor allem mit über 200 teilweise unveröffentlichten Abbildungen. Wir sehen ausführliche Bildstrecken von den Häusern, in denen Mogensen selbst wohnte und die er als Versuchslabor für seine neuesten Entwicklungen verwendete. Wir sehen ein Porträt von ihm, gezeichnet von Hans J. Wegner, Entwürfe und Aquarelle aus der Studentenzeit und viele Aufnahmen von den Innungsausstellungen, auf denen Mogensen seine ersten Möbel der Öffentlichkeit präsentierte.

Damals sorgte der eher schmucklose Ansatz durchaus für Diskussionen: Nicht jeder Däne wollte von dem Nippes, der ihn umgab, befreit werden. Von diesem Widerwillen zeugt etwa ein 1943 erschienener Cartoon aus der Satirezeitschrift "Blaeksprutten", der ein älteres Ehepaar zunächst in einer seinerzeit üblichen Wohnung (schwere Sessel, Klavier, Ölgemälde) zeigt - und nach dem Besuch eines Architekten, der sogar die Pfeife des Mannes durch ein moderneres Modell ersetzt hat. Alle Gemütlichkeit ist plötzlich verschwunden.

Gebrauchskunst auf Abwegen

Interessant ist, dass Mogensen selbst auch seine lieben Probleme mit dem Zeitgeist hatte: 1962 brachte er einen großen Teil der dänischen Designerszene gegen sich auf, als er in einem Fachartikel mit dem Titel "Gebrauchskunst auf Abwegen" gegen seine Kollegen schoss: So bezeichnete er die vor allem in den USA sehr erfolgreiche Besteckreihe Tjorn des Designers Jens Quistgaard als "geistigen Humbug", den Grand-Prix-Stuhl von Arne Jacobsen als "konstruktionstechnische Niete" und die Arbeiten Verner Pantons als "reine Gags".

Das Buch thematisiert diese mangelnde Aufgeschlossenheit der Moderne gegenüber in einem eigenen Kapitel - kontextualisiert sie aber so, dass sie Mogensens Lebensleistung ebenso wenig überstrahlen wie der eingangs erwähnte Wechsel in eine Preisregion, die für Mogensens ursprüngliche Zielgruppe unerschwinglich war. Denn dem sozialen Gedanken blieb er bis zu seinem Tod treu: Noch Ende der Sechzigerjahre entwirft er eine Möbelserie für Pflegeeinrichtungen und Krankenhäuser.

Anzeige
Børge Mogensen:
Möbel mit Format

Hatje Cantz Verlag, 240 Seiten; 49,80 Euro

insgesamt 1 Beitrag
hegri 15.04.2017
1.
Es waren die frühen Gestalter oder meinethalben Designer (oft waren oder sind es auch Architekten), die wohlmeinend gute Form zu einem erschwinglichen Preis ermöglichen wollten. Leider wurden daraus später sogen. [...]
Es waren die frühen Gestalter oder meinethalben Designer (oft waren oder sind es auch Architekten), die wohlmeinend gute Form zu einem erschwinglichen Preis ermöglichen wollten. Leider wurden daraus später sogen. Designer-Möbel, die zu Mondpreisen von designaffinen Ästeten oder solchen, die sich dafür halten erworben werden. - Und überhaupt: Nicht alle Möbel mit dem Etikett Design sind deshalb zwingend praktisch. Beispiel: Wassily von Marcel Breuer. Oder der Corbusier-Sessel. Aus ersterem drängts nach wenigen Minuten des Sitzens wieder auf einen straffen Küchenstuhl und aus dem anderen kommt man nach dem Platznehmen kaum noch heraus. Die gut gestaltete und im besten Sinne preiswerte Mittelklasse bleibt ein Traum, der auch von dem großen skandinavischen Möbelhaus bis heute nicht erfüllt wird
© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP