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Bildband über Prunksucht

Irre reich

Reiche, die gern schön wären, und Schöne, die gern reich wären: Lauren Greenfield dokumentiert Materialismus und Schönheitswahn. Ihr neuer Bildband zeigt Menschen, die dazugehören wollen - um jeden Preis.

Lauren Greenfield/ INSTITUTE
Donnerstag, 11.05.2017   17:11 Uhr

Ihr erster Auftrag als Fotojournalistin führte Lauren Greenfield zu den Zinacenteco. Für "National Geographic" sollte sie das Leben der Maya im Südosten Mexikos dokumentieren. Keine leichte Aufgabe, schließlich glauben die Ureinwohner, dass Fotografen ihnen die Seele rauben. Wäre es nicht schöner, in einer Welt zu arbeiten, in der die Menschen fotografiert werden möchten?, fragte sich die in Harvard ausgebildete Anthropologin damals. Zum Beispiel in ihrer Heimatstadt Los Angeles. Deren Bewohner und ihr American Way of Life, ihr Streben nach Geld und ewiger Jugend, geben ein ebenso interessantes Forschungsfeld ab, beschloss Greenfield.

"Ich erkannte, dass die Welt, in der ich aufgewachsen bin, Los Angeles, dieselbe soziologische und anthropologische Betrachtung verdient, die wir als Fotografen, Anthropologen und Dokumentarfilmer immer nur auf andere statt auf uns selbst richten", schreibt Greenfield in einem Essay über das wichtigste Foto ihrer Karriere, "Mijanou and friends". Das Bild zeigt eine Highschool-Schönheit mit Wohlstandssprösslingen in einem Cabrio am Strand in Santa Monica. Es verbindet alle Elemente, die fortan Greenfields professionellen Blick lenken werden: Reichtum und Schönheit sowie die Anziehungskraft, die von beidem ausgeht.

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Generation Wohlstand: Wo es Geldscheine regnet

Seit ihrem Erstlingswerk "FAST FORWARD: Growing up in the Shadow of Hollywood" sind Materialismus und Schönheitswahn die Themen von Greenfields Bildern und Filmen. In "THIN" porträtierte sie Frauen mit Essstörungen, "Girl Culture" untersuchte Eigen- und Fremdwahrnehmung von Mädchen in einer übersexualisierten Gesellschaft. "kids + money" begleitete Amerikas Jugend beim Shoppingtrip auf der Suche nach dem Glück. Für ihre Dokumentation über eine Milliardärsfamilie, die beim Bau des größten Hauses der USA von der Wirtschaftskrise überrascht und zur Mäßigung gezwungen wird, gab es den Regiepreis beim Sundance Film Festival. Auch ihr Superbowl-Werbespot "Like a Girl" wurde mehrfach ausgezeichnet.

In ihrem jüngsten Buch "Generation Wealth" zeigt sie Menschen, die nach Geld, Status, Schönheit und Berühmtheit streben. Ihre Aufnahmen sind intim, teilweise komisch, oft tragisch, aber niemals respektlos. Den 650 Farbaufnahmen stellt sie 150 Interviews mit ihren Protagonisten zur Seite.

Sie will mehr liefern als einen oberflächlichen Blick auf eine oberflächliche Welt. Sie interessiert sich für die Menschen und deren Verlangen nach Dingen, bei dem es im Grunde nie um Dinge geht. Im Vorwort liefert die Volkswirtschaftlerin und Soziologin Juliet Schor eine kulturhistorische Einordnung, der im Buch dokumentierten Phänomene.

Greenfield zeigt Studenten, Alleinerziehende und Familien, die sich für den Erwerb von Luxusgegenständen hoch verschulden. Sie taucht ein in die Welt von Schönheitswettbewerben kleiner Mädchen, in der Faszination für Aussehen und Kleidung bereits in sehr jungen Jahren zur Obsession wird. Sie nimmt uns mit in die Häuser russischer Oligarchen und der neureichen Klasse Chinas, die sich mit der Anhäufung von Luxusgegenständen den Status einer neuen aristokratischen Elite erwerben möchten. Sie zeigt uns die Operationssäle von Schönheitschirurgen in Brasilien, wo Frauen dünnere, jüngere und bessere Versionen von sich erschaffen möchten. Und sie zeigt, wie es aussieht, wenn aus Überfluss Überdruss wird.

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Lauren Greenfield:
Generation Wealth

Englische Ausgabe

Phaidon, 504 Seiten, 69,95 Euro

löw

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