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Stil

Modest Fashion

Schön verhüllt

Modest Fashion ist ein Milliardenbusiness: Mode für Frauen, die aus religiösen Gründen weniger Haut zeigen wollen. So sieht's aus.

Maskit
Von Franziska Knupper
Donnerstag, 01.06.2017   14:31 Uhr

Orthodoxe Juden nennen es einen Bubu. Religiöse Muslime nennen es einen Puff. Im Namen des Bubu oder Puffs wird gestopft und gepolstert bis eine Erhebung unter dem Kopftuch am Hinterkopf entsteht, die eine schier endlose Fülle an Haaren vorgaukeln soll. Doch dabei hören die Gemeinsamkeiten religiöser Mode in den drei großen monotheistischen Religionen nicht auf: die Schnitte sind weiter, Haut soll möglichst nicht preisgegeben werden, Knie und Ellenbogen bleiben immer bedeckt, in der Regel reichen die Röcke bis auf die Knöchel.

Modest Fashion ist ein großes Geschäft. Laut Thomson Reuters haben allein Musliminnen im Jahr 2015 mehr als 40 Milliarden Euro dafür ausgegeben, Tendenz steigend. Auf dieses Geld haben es nicht nur spezialisierte Labels wie Amirah Couture aus New York oder Inayah Fashion aus Großbritannien abgesehen. Auch internationale Marken wie Mango, Tommy Hilfiger oder DKNY stellen in den vergangenen Jahren immer wieder sogenannte Ramadan-Kollektionen vor. Die Luxusmarke Oscar de la Renta sprang 2016 anlässlich des Fastenmonats auf den Trend auf; Dolce & Gabbana tasteten sich mit einer Kollektion sogenannter Luxus-Kopftücher an den Markt heran.

Eigene Modewochen

Präsentiert wird diese Mode bei besonderen Modewochen. Im Mai letzten Jahres wurde in Istanbul die erste International Modest Fashion Week abgehalten. London folgte ein Jahr später. Und in New York, Heimat der Fashion Week, wurde 2016 das erste sogenannte Modesty Event am Institut für Mode und Kostümdesign der New York University abgehalten. Designer aller drei Religionen Abrahams trafen dort aufeinander - mit flachen Schuhen, hochgeschlossenen Blusen und mit Kopftuch oder Scheitel, wie die Perücken für religiöse Jüdinnen auf Jiddisch genannt werden.

"Wir kreieren eine globale Plattform für Frauen, die den sogenannten Modest-Lifestyle pflegen, egal welcher Religion oder Nation sie angehören", erklärt Nava Brief Fried. Die orthodoxe Jüdin betreibt von Jerusalem aus ModLi, die nach eigenen Angaben größte E-Commerce-Webseite für zurückhaltende Mode. Neunzig Prozent ihrer Kundinnen kommen aus den USA, der Großteil von ihnen ist christlichen Glaubens. "Es kommt auch häufig vor, dass Frauen aus Dubai Mode von und für Jüdinnen kaufen", so die Unternehmerin. Es sei ein wahrhaftes Phänomen, zumal Israel mit vielen der arabischen Länder nicht einmal Handelsverträge besitzt.

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Modest Fashion: Kleider für Religiöse

Vor zwei Jahren hat Nava Brief Fried die Webseite mit ihrem Ehemann ins Leben gerufen. Sie selber habe immer darunter gelitten, dass die Auswahl an Kleidung für gläubige Frauen recht knapp war, erzählt die gebürtige US-Amerikanerin: "Es war alles sehr altmodisch, meist sogar hässlich." Die Industrie habe sich aufgrund der steigenden Nachfrage drastisch verändert, so Fried. Mittlerweile finden sich mutige Designs unter den anständigen Produkten - wilde Muster, farbenfrohe Textilien, geometrische Formen und Paisleymuster schmücken seit neustem Körper und Köpfe religiöser Damen.

Designer wie Diana Kotb aus Australien oder Dian Pelangi aus Indonesien erschaffen einen neuen Look für modebewusste Musliminnen, fern von den gedeckten Farben, formlosen Schnitten und schweren Stoffen ihrer traditionellen Mode. Die Entwürfe sind ein wahrer Farbrausch und Potpourri aus filigranen Stickereien, fließenden Stoffen und zeitloser Eleganz. "Die meisten Anhänger der Modest Fashion suchen trotz aller Anständigkeit nach einer ansprechenden und modischen Ästhetik", so Fried. "Sie wollen einen geschmackvollen, klassischen und professionellen Look - und dieser muss nicht zwangsweise jüdischen, muslimischen oder christlichen Ursprungs sein".

Die Konfession ist oft Nebensache

Mit dieser Aussage kann sich auch Chana Marelus identifizieren. Seit Beginn ihres Labels wehrt sie sich dagegen, als ausschließlich jüdische Modedesignerin zu gelten. Die orthodoxe Kreative aus einem kleinen Vorort bei Tel Aviv entwirft hochgeschlossene Roben, Abendmode und sittsame Brautkleider. Von dieser bescheidenen Ästhetik fühlt sie sich jedoch nicht eingeengt. "Wenn ich ein Kleid entwerfe, denke ich nicht darüber nach, wie ich es nun 'anständig' designen könnte. Es ist Teil von mir und Teil meines Stils geworden".

Marelus besondere Aufmerksamkeit galt dabei von Anfang an der Brautmode. Gegründet hat sie ihr Label 2013, kurz nach ihrer eigenen Hochzeit. "Ich war schon immer von den Brautkleidern fasziniert - wie sie sich beim Tanzen drehen und wie die Schleppe den Korridor entlanggleitet". Bald habe sie jedoch gemerkt, dass sich die Kleidungsstücke sehr ähneln - Schnitt, Stoff und Schmuck seien sehr standardisiert. "Keins von ihnen hatte einen Wow-Faktor", so Marelus. Dies wollte sie ändern. In rasender Schnelle hat sie es zu einer weltweit angesehenen Designerin gebracht. "Die Schönheit meiner Kleider richtet sich an alle Menschen und nicht nur an eine spezifische Gruppe", sagt sie.

insgesamt 12 Beiträge
willi.eimler 01.06.2017
1. Mode die als erstes Gefühl Bedrückung auslößt.
Ich bin kein Freund von Mode, die alles zeigt, manchmal ist weniger nicht besser, aber bei dieser Mode überkommt mich nicht das Gefühl etwas Schönes und Bewundernswertes zu erblicken. Wirklich bedrückend. Mode die ganz klar [...]
Ich bin kein Freund von Mode, die alles zeigt, manchmal ist weniger nicht besser, aber bei dieser Mode überkommt mich nicht das Gefühl etwas Schönes und Bewundernswertes zu erblicken. Wirklich bedrückend. Mode die ganz klar macht, dass der Träger nicht frei ist. Sieht eher aus wie eine Show für Schutzanzüge.
lachina 01.06.2017
2.
Ich frage mich, ob diese Mode dem Sinn der muslimischen Kleidervorschriften nicht widerspricht: zu uniformieren, unkenntlich zu machen und keinesfalls zu verführen . Die gezeigte Mode ist bloß nicht offenherzig, aber sie [...]
Ich frage mich, ob diese Mode dem Sinn der muslimischen Kleidervorschriften nicht widerspricht: zu uniformieren, unkenntlich zu machen und keinesfalls zu verführen . Die gezeigte Mode ist bloß nicht offenherzig, aber sie individualisiert und ist subtil verführerisch. Wenn ich aber ohnehin schon zu den liberaleren Muslimas gehöre, werde ich auch bei normalen labels fündig. Ich schreibe jetzt Muslimas; bei den strenggläubigen Jüdinnen weiß ich es nicht, aber ich glaube, es wird nicht verlangt, dass sie schwarz tragen oder ihr Gesicht verhüllen.
Heitgitsche 01.06.2017
3. Freiwillig und ästhetisch?
Gilt dieser modische "Chic" auch für kleine Schulmädchen? Die Kopftuchträgerinnen werden immer jünger. Warum schweigen ehemalige Feministinnen dazu? Baseball caps sind zurecht im Unterricht verboten. Warum sind diese [...]
Gilt dieser modische "Chic" auch für kleine Schulmädchen? Die Kopftuchträgerinnen werden immer jünger. Warum schweigen ehemalige Feministinnen dazu? Baseball caps sind zurecht im Unterricht verboten. Warum sind diese eingezwängten Mädchenköpfe erlaubt?
rantzau 01.06.2017
4. Hijab
also religiös argumentierte islamische Kliedung und Mode schliessen sich aus. islamische Kleidung (wenn es denn Hijab sein muss) soll nämlich Bescheidenheit und Unauffälligkeit siganlisieren. Also Damen, die sch in hautenge [...]
also religiös argumentierte islamische Kliedung und Mode schliessen sich aus. islamische Kleidung (wenn es denn Hijab sein muss) soll nämlich Bescheidenheit und Unauffälligkeit siganlisieren. Also Damen, die sch in hautenge Jeans quetschen, ein Wallekopftuch darüber drapieren, tätowierte Augenbrauen haben unter Glutaugene sind nicht besonders muslimisch drauf. Eher wollen sie Abgrenzung signalisieren.
schillerphone 01.06.2017
5. Das ist keine Mode für Muslimas
Das ist keine Mode für Muslimas. Viel zu eng und körperbetont.
Das ist keine Mode für Muslimas. Viel zu eng und körperbetont.

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