Schrift:
Ansicht Home:
Stil

Genusskultur

"Kaffee-Nazis kann ich nicht leiden"

Zwei Jahre lang trank und fotografierte sich Horst A. Friedrichs durch angesagte Cafés und Dripster-Läden. Im Interview zieht er Bilanz über den neuen Lifestyle zwischen Espressi und Filterkaffee aus edelsten Bohnen.

Horst A. Friedrichs
Ein Interview von
Dienstag, 18.07.2017   10:31 Uhr

SPIEGEL ONLINE: Herr Friedrichs, wie war Ihr Kaffee heute morgen? Sah ich da etwa gerade einen Pappbecher?

Friedrichs: Nein, die hasse ich. Die Tasse sieht so aus, ist aber aus Porzellan. Ich habe mir einen in einer Espressokanne auf dem Herd gemacht, aus äthiopischen Bohnen.

SPIEGEL ONLINE: Wonach schmeckt er?

Zur Person

Friedrichs: Wie die meisten afrikanischen Kaffeesorten eher fruchtig. Super als Kaltgetränk, etwa mit Grapefruitsaft, Holunder, darauf einen Eiswürfel. Sonst bevorzuge ich brasilianische Bohnen mit ihrer Schokoladennote. Am liebsten als Latte oder Flat White. Ich bin ein Milch-Nerd. Hier in England wird die Milch immer schlechter, sie ist nicht fettig genug. Meine bekomme ich jetzt von einem Typen, der hier in London ein paar Kühe hält.

SPIEGEL ONLINE: Ihr Buch porträtiert 50 Cafés, die Sie für die Recherche besucht haben. Sind Sie nun ein Kaffee-Snob?

Friedrichs: Das hat nichts mit Snobismus zu tun, es kommt auf die Atmosphäre an. Wenn ich bei McDonald's einen trinke, wird nichts passieren, außer dass ich kotze. Aber den Kaffee, den ich bei jener Familie in der Pampa von Venezuela bekam, nachdem ich neun Stunden in der Wüste fotografiert hatte, schmeckt genauso gut, wie der, den mir ein Barista in London macht, wenn ich einen Scheißtag im Büro hatte. Mir war wichtig, nicht nur ein Modebuch über die Third Wave zu machen, sondern die Geschichte von Kaffee mitabzubilden.

SPIEGEL ONLINE: Muss es gleich eine Third Wave sein? Kann man nicht einfach nur Kaffee trinken?

Friedrichs: Naja, das ist letztlich eine Worthülse, die ist mir relativ egal. Zur Einordnung: Als erste Welle gilt der Instantkaffee, die zweite Welle wurde von Starbucks gestartet, sie waren die ersten, die hochwertige Arabica-Sorten verwendeten und Single Origins verkauften, also keine Kaffeemischungen, sondern Kaffee einer Bohnensorte. Als meine Co-Autorin und ich im Winter in San Francisco waren, merkten wir: Die sind schon wieder zwei Jahre voraus, viel kommerzieller. Da entstehen die neuen Starbucks: Der Macher von "Blue Bottle" hatte mit einem Handkarren angefangen, jetzt hat er mehrere Filialen und Investitionen von 120 Millionen Dollar eingesammelt.

SPIEGEL ONLINE: Craft Beer, Whiskey, Gin, Vodka, Korn, Tee, jetzt auch noch Kaffee: Getränke-Frickeleien sind gerade ein Ding. Wieso eigentlich?

Anzeige
Horst A. Friedrichs:
Coffee Style

Kaffee Kult Genuss

Prestel Verlag, 208 Seiten, 32,- Euro (gebunden)

Friedrichs: Es ist Teil eines Lifestyles, eine Subkultur mit Hang zu Nostalgie, wie bei Polaroid oder Vinyl. In Florenz bauen sie sogar Maschinen aus den Fünfzigern nach. Auch wenn ich das Wort Manufaktur nicht mehr hören kann: Diese Art der De-Industrialisierung ist für junge Leute interessant als Investment, sie ziehen ihren eigenen Betrieb auf und produzieren bessere Produkte in kleineren Margen. Neulich hörte ich, dass einige jetzt sogar Cola selbst produzieren - aus Kolanüssen, die sie auf dem Markt kaufen. Das Bewusstsein für Qualität und Nachhaltigkeit wächst: Statt dieser Kapseln, die die ganze Welt verpesten, trinkt man Kaffee, bei dem man vom Strauch bis zur Tasse weiß, wo er herkommt.

SPIEGEL ONLINE: Kaffee hat in jedem Land ein anderes Image: In den USA gibt's wässrige Plörre, hier Filterkaffee, in Großbritannien trinkt man eh nur Tee, der italienische Caffè bleibt unübertroffen - gleichen sich Kaffeekulturen nun an?

Friedrichs: Absolut. Auf Kreta gibt es ein Spezialitätencafé in Chania, das Kaffee aus London bezieht, auf einer Messe in Dublin lernte ich eine Kaffeebloggerin aus der Mongolei kennen, in Kuwait gibt es einen Laden namens "% Arabica Coffee", der genauso in New York oder Japan stehen könnte. Dazu kommt eine andere internationale Entwicklung: Das Essen zum Kaffee wird wichtiger, etwa ein schönes getoastetes Avocado-Brot.

SPIEGEL ONLINE: Passt zum globalisierten Instagram-Look: gut aussehender Kaffee neben Avocado-Toast. So sehen die Typen auf ihren Fotos auch aus: im schmal geschnittenen Anzug, mit Wollmütze oder Tattoos. Ist das die Zielgruppe der neuen Kaffeekocher?

Friedrichs: Ich stehe nicht auf Tattoos und Beaniemützen, aber die Realität in den Cafés ist nun einmal so. Der Gründer von "Four Barrels" in San Francisco hat dazu etwas sehr Interessantes gesagt: Während die dritte Welle noch sehr nerdig war, ist der Traum der vierten Welle, eine breitere Öffentlichkeit zu erreichen. Man will raus aus der Nische. Es soll eine Kennerschaft wie beim Wein entstehen, sodass der Joe von nebenan sagt: Ich kaufe jetzt nicht mehr bei Tchibo, sondern bestelle bei der und der lokalen Rösterei.

SPIEGEL ONLINE: In Berlin kann es passieren, dass man an der Theke zu hören bekommt: Löffel gibt es nicht, denn wir haben weder Milch noch Zucker. Das soll breitenwirksam sein?

Friedrichs: Kaffee-Nazis kann ich nicht leiden. Diese Arroganz habe ich in der Form noch nie erlebt. Es gibt auch einige Cafés, in denen explizit keine Laptops erlaubt sind. Das wäre nichts für mich, da ich meinen immer brauche. Aber andererseits erinnere ich mich gerne an Zeiten, als man in Cafés händchenhaltend mit seiner Freundin saß, träumte, schrieb.

SPIEGEL ONLINE: Das ist doch klassische Kaffeehausromantik. Wieso braucht es dafür nun Dripster-Läden, in denen es statt Espresso langsam tropfenden Filterkaffee gibt?

Friedrichs: Man nennt sie Slow Bars. Immer noch besser als Läden, in denen Kaffee stundenlang in Kannen rumsteht. Meinen ersten guten Filterkaffee trank ich in London, zubereitet mit sogenannten G-Drips aus Glas und Kupfer, die Ästhetik ist wichtig. An Weihnachten hatte ich Freunde aus Barcelona zu Besuch. Und weil ich Requisiten für ein Shooting dahatte, habe ich eine Filter-Bar aufgebaut, extra eine Waage mit Stoppuhr gekauft und eine tolle Schürze umgebunden. Der Kaffee, den ich aufbrühte, war Scheiße, weil ich schnell-schnell machte, mir keine zehn Minuten Zeit nahm. Das Interessante: Die Gäste schwärmten, wie toll er schmecke. Dabei war meine Kaffeezubereitung eher eine Performance. Und mir wurde klar: Man muss das Handwerk können.

Lesen Sie auch

SPIEGEL ONLINE: Offenbar machte doch die Show den Geschmack. Haben Sie Lust, selbst ein Café zu eröffnen?

Friedrichs: Nach dieser Erfahrung erst mal nicht. Meine Frau hat einen Supper Club, vielleicht werde ich da mal zur Probe verschiedene Kaffeesorten anbieten. Das mit dem Café bleibt ein Traum. Wenn ich mit Fotos kein Geld mehr verdienen kann.

insgesamt 119 Beiträge
ge1234 18.07.2017
1. Da doziert er... ...
... über hochwertige Arabica-Sorten, Kennerschaft und "Kaffee, bei dem man vom Strauch bis zur Tasse weiß, wo er herkommt" und dann schüttet er Milch in seinen Kaffee! Himmel hilf....
... über hochwertige Arabica-Sorten, Kennerschaft und "Kaffee, bei dem man vom Strauch bis zur Tasse weiß, wo er herkommt" und dann schüttet er Milch in seinen Kaffee! Himmel hilf....
derhofer 18.07.2017
2. Alles irre!
Ich für meinen Teil kann mit diesem ganzen Getuhe um den Kaffee herum nichts anfangen. Ich mag weder das meist schäumige "Gesöff" aus Kapselmaschienen, noch irgendwelche übertriebenen Aufgüsse bei denen man jede [...]
Ich für meinen Teil kann mit diesem ganzen Getuhe um den Kaffee herum nichts anfangen. Ich mag weder das meist schäumige "Gesöff" aus Kapselmaschienen, noch irgendwelche übertriebenen Aufgüsse bei denen man jede Bohne, persönlich, beim Namen kannte. Ein alt hergebrachten deutschen Filterkaffee ist mir da das Liebste. Kein Schaum, einfach Kaffee mit oder ohne Milch.
dasbeau 18.07.2017
3. Italien
"der italienische Caffè bleibt unübertroffen" - Ein gängiges Klischee. Und tatsächlich schmeckt das ja vielen Leuten. Hat nur mit Kaffee im ursprünglichen Sinne nicht ganz so viel zu tun. Man muss nur mal in die [...]
"der italienische Caffè bleibt unübertroffen" - Ein gängiges Klischee. Und tatsächlich schmeckt das ja vielen Leuten. Hat nur mit Kaffee im ursprünglichen Sinne nicht ganz so viel zu tun. Man muss nur mal in die Gegenden reisen, aus denen der Kaffee stammt: Da tröpfelt das Wasser langsam durch den Kaffee und (meistens) ein Baumwolltuch in die Tasse/Kanne. Und schmeckt entsprechend. Da ist unser verpönter, spießiger Filterkaffee deutlich näher dran, als die heiß durchgepressten italienischen Spezialitäten. Aber jeder so wie er mag. Wenn's einem schmeckt, ist es doch wurscht, wie es heißt.
Worldwatch 18.07.2017
4. Wer einmal echten Viet-Schichtkaffee genossen hat ...
... findet europäischen Kaffeegenuss sowieso eher nur noch fade, langweilig.
... findet europäischen Kaffeegenuss sowieso eher nur noch fade, langweilig.
indal 18.07.2017
5.
Ich frage mich jedes Mal aufs Neue, was an einem herkömmlichen Filterkaffee falsch ist? Wenigstens teilt meine kolumbianische Freundin ihren leckeren Kaffee mit mir.
Ich frage mich jedes Mal aufs Neue, was an einem herkömmlichen Filterkaffee falsch ist? Wenigstens teilt meine kolumbianische Freundin ihren leckeren Kaffee mit mir.
Diskussion geschlossen - lesen Sie die Beiträge!

Verwandte Artikel

© SPIEGEL ONLINE 2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH
TOP