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Stil

Bildband über persische Wohnkultur

Iran von innen

Nichts bricht Klischees besser als ein Blick hinter die Fassaden - wie ein Bildband über iranische Innenarchitektur beweist. Das Buch war der Münchnerin Lena Späth so wichtig, dass sie es selbst verlegte.

Hamed Farhangi/ allmyhippies
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Freitag, 28.07.2017   07:24 Uhr

Da ist dieser bonbonbunte Boden, mit Arabesken und Blüten und Medaillons und einer geschwungenen Bordüre am Rand. Und er glänzt. Der Iraner Amir Morteza Besharat hat ihn sich in sein Wohnzimmer in Isfahan gekachelt. Der Boden drumherum leuchtet türkis wie ein Swimmingpool, die Couchgarnitur aus Teak sieht nach westlichem Mid-Century aus.

Hamed Farhangi/ allmyhippies

Mid-Century trifft Orient

Es ist diese Mischung, die den Fotoband "Behind Closed Curtains" über Interior Design im Iran so umwerfend macht: Tradition trifft Teak. Das Buch zieht damit buchstäblich die Vorhänge zur Seite - und spiegelt uns unseren stereotypen Blick auf ein Land, das wegen Menschenrechtsverletzungen Schlagzeilen macht, sich zwar vor ein paar Wochen den gemäßigten Hassan Rohani als Präsident wiedergewählt hat, aber die brutalen Sittenpolizei-Einsätze vor einem Jahrzehnt noch sehr präsent scheinen. Und von dem wir dank eindrücklicher Kinodokus aus den letzten Jahren wissen, wie streng Konzerte und Raves kontrolliert sind, öffentliches Singen für Frauen schlicht unmöglich ist und Fußballspielen, gar vor Männern, ein Unding.

Und nun ist es ausgerechnet eine 31-jährige Münchnerin, die uns zeigt, wie im Iran gewohnt wird. Wie das Leben hinter den Mauern der teils jahrhundertealten Häuser aussieht, die rund um typische Innenhöfe gebaut sind, mit Fenstern ohne Durchblick, weil das Draußen draußen bleiben soll. Alltag eben. Es war vor gerade einmal einem Jahr, als sie entschied: Ich muss dieses Buch machen. Und zwar jetzt. Im Eigenverlag.

Die studierte Orientalistin, die vor gut zehn Jahren erstmals in Teheran lebte, stöberte damals regelmäßig über den freitäglichen Flohmarkt, voller Bewunderung für altes Kunsthandwerk, das kaum mehr gewürdigt wurde; das Neue, Glänzende, das Ikea-Ding schien vielen attraktiver. So stand sie da, wendete ein Objekt nach dem anderen in der Hand, während ihre Freunde sie belächelten - Motto: Was willst du denn mit dem staubigen Plunder? Die Haltung gegenüber jenen Schätzen beginne sich zu wandeln, schreibt sie, und somit ist ihr Buch auch so etwas wie eine Dokumentation; allerdings nicht repräsentativ für alle Schichten, wie sie betont, es sei ihr nur um tolles Innendesign gegangen. Ihr Antrieb: "Verschwindet diese persische Tradition und das Wissen, das über Jahrhunderte gewachsen ist, geht damit auch ein Teil der Identität des Landes verloren."

Fotostrecke

Innenarchitektur im Iran: Mid-Century trifft Orient

Auch wenn das Buch beim Durchblättern auf den ersten Blick wirken mag, als stünden da nun eben Bertoia Chairs vor Beton unter tuscheschwarzen Lampen, drumherum ein Mix aus den typischen Rundbögen an den Wänden, antiken Leuchten aus gestanztem Metall, die zarte Schatten wie aus Brüsseler Spitze an die Decken werfen, filigranen Holzarbeiten, bestickten Korantaschen als Wanddekor, und irgendwo dient ein altes Gewicht aus frühen Handelszeiten als Türstopper: Der Bildband ist weit mehr als eine Sammlung gut instagrammierbarer Innenräume.

Der Boden als Symbol fürs Paradies

Das liegt vor allem daran, dass Späth die Bewohner in den Mittelpunkt rückt, sie lässt sie erzählen, wie sie ihre Wohnzimmer, Schlafzimmer, Küchen eingerichtet haben - und illustriert damit Grundsätzlicheres über iranische Wohnkultur. Etwa indem sie aufdröselt, wie fundamental sich iranische Architektur und Dekoration vom westlichen Blick auf Raumnutzung unterscheidet: Statt die Lampe eben gemäß maximalem Individualismus dort aufzuhängen, wo sie gebraucht wird, sei es aus praktischen oder atmosphärischen Gründen, ist ihr Ort in iranischen Zimmern traditionell von der Architektur vorgegeben. Am zentralen Punkt im streng geometrischen Deckenmuster. Denn Wand, Decke und Ornamente bilden eine Einheit - das Dekor ist kein beliebiges Addendum wie im Westen. Das liege auch daran, dass der Raumbezug weit über die vier Wände hinausweise, erklärt Späth, die Decke Ersatz fürs Firmament sei, der Boden mit seinen dicken Teppichen ein stilles Symbol fürs ewige Paradies.

Man könnte Späth vorwerfen, nichts politisch einzuordnen, aber das hieße zu missachten, dass der Fotoband gerade wegen seiner Machart hochpolitisch ist: Seht her, sie sind wie wir. Seht her, sie schöpfen ihre Freiräume aus. Seht her, wie politisch das Private ist. Indem die Iranerinnen und Iraner die Grenzen des gegebenen Systems ausreizen, sich ihre Welt bauen.

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Lena Späth und Hamed Farhangi (Fotos):
Behind Closed Curtains

Interior Design in Iran

Website von Lena Späth, Gebundene Ausgabe; 304 Seiten, 49,90 Euro

Was die Porträtierten im Hier und Jetzt verortet, sind Informationen, die Späth wie nebenbei einstreut: dass der eine Designer das Fundament seines Labels bauen konnte, bevor Facebook von der Regierung gesperrt wurde; dass eine Frau, die jahrelang in Spanien lebte, wieder zurückkehrt und die sonst wüstenfarbenen Innenräume mit südeuropäischer Buntheit überzieht; wie andere kleine Boutiquehotels hochziehen, und wieder andere weit draußen in einer Kommune Arbeitsplätze schaffen, indem sie überliefertes Kunsthandwerk wieder aufleben lassen.

Dass Lena Späth sichtbar gemacht hat, wie hinter traditionellen Fassaden Neues gelebt wird, ist ein großes Geschenk. Mit diesem Blick auf verstaubten Vorurteilsplunder zu schauen hilft immens - jenseits schöner Dekostories. Oder wie Späth ein iranisches Grundprinzip formuliert: "Es geht darum, ein neues Lied auf einem alten Instrument zu spielen."

Hinweis: In einer früheren Version dieses Textes hieß es, die Autorin Lena Späth hätte das Buch durch eine Crowdfunding-Kampagne finanziert. Das stimmt nicht. Tatsächlich hat sie das benötigte Kapital selbst aufgebracht. Außerdem haben wir den Nachnamen von Amir Morteza Besharat fälschlicherweise als Besharats angegeben. Wir bitten die Fehler zu entschuldigen.

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