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Stil

Dior-Ausstellung in Paris

Kleider geil

Mode ist Kunst: Bei Christian Dior war das keine hohle Phrase - wie eine Pariser Schau zum 70-jährigen Jubiläum des Labels vorführt.

William klein
Von , Paris
Montag, 07.08.2017   13:09 Uhr

Es ist dann ausgerechnet ein Kleid von John Galliano, das alles zusammenfasst, was man braucht, um die Essenz von Dior zu kapieren. Eine schmale Korsagenrobe aus der Herbst/Winter-Kollektion 2007, wie mit Aquarellfarben in Pink und ein wenig Gelb eingefärbt. Aber umhüllt von einer einzigen Lage Tüll, darauf schwarze Applikationen, wie großzügige Striche einer schnellen Skizze: ein gezeichneter Faltenwurf über dem eigentlichen Kleid.

Was da also in jener Ecke in der zwei Stockwerke füllenden Mega-Ausstellung zu Ehren von 70 Jahren Maison Dior im Pariser Musée des Arts Décoratifs steht, umgeben von so vielen Haute-Couture-Entwürfen, dass am Ende alles gleich aussieht, bringt es auf den Punkt: Christian Diors Blick auf Kleider für Frauenkörper wurzelte in der Kunst. Sein Spiel mit Volumen, die Dekonstruktion gewohnter Perspektiven, die Dynamik, die jeder erlebt, der um eine Skulptur herumgeht, der Trick, im Zweidimensionalen Tiefe zu simulieren - Galliano, der bis 2011 Chefdesigner bei Dior war (und dessen Rauswurf in der Schau übrigens nicht weiter thematisiert wird), zeigt all das in diesem einen Kleid.

Getty Images

Kleid von John Galliano für Christian Dior

Und somit ist die Ausstellung zum 70-jährigen Jubiläum auch explizit für alle inspirierend, die sich in Paris sonst im Centre Pompidou, im Palais de Tokyo oder den Galerien rumdrücken, aber mit Mode, Haute Couture gar, sonst wenig am Hut haben. Sie zeigt: Mode mit Kunst gleichzusetzen ist hier keine Phrase. Denn bevor Dior 1947 seine erste Kollektion zeigte, führte er von 1928 bis 1934 eine Kunstgalerie mit seinen Freunden Jacques Bonhean und Pierre Colle. Sie kuratierten ihre teils legendären Ausstellungen eklektisch mit jungen Unbekannten, aber auch Künstlern von Rang und Namen. Dass die Macher der Dior-Schau prompt eine Art Re-Enactment einer imaginären Galerieschau zusammengetragen haben, die zeigt, dass beim jungen Dior Alberto Giacometti, Giorgio de Chirico, Max Ernst, Marcel Duchamp, Alexander Calder, Jean Cocteau, Louis Marcoussis und Salvador Dalís berühmte Büste mit Baguette zu sehen waren, ist daher schlichtweg genial. Gerade weil diese Werke bezeugen, wie stark ihn schlichte Linienführung, kubistische Volumenfragmente und der grafische Fokus auf Diagonalen, Senkrechten, Horizontalen interessiert haben.

In der Schau selbst ist das allerdings immer noch das Horsd'oeuvre als zweiter großer Raum, direkt hinter einem samtschwarzen Saal gepflastert mit Fotos, Daten, Manuskriptseiten, noch mehr Daten. Und einem einzigen Kleid im Eingang, Modell "Diablesse" von 1947: teufelsrot mit türkisfarbenem Gürtel, in der berühmten Dreiviertellänge, mit Sanduhrtaille, weitschwingendem Faltenrock und Hemdkragen - die Details, die seinen "New Look" mit der ersten Kollektion prägten; mit Unmengen von Stoff von der Taille abwärts, der Krieg war ja vorbei. Und die Dietrich, die Bardot, die Bergman, alle liebten ihn.

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Dior-Ausstellung in Paris: Mode als Kunst

Spätestens wenn nach der Galeriesektion der Fokus auf die große Ära der Modefotografie, mit unbenommen sagenhaften Bildern von Richard Avedon, Horst P. Horst, Cecil Beaton - und endlich einer Handvoll Entwürfen hinter Glas - folgt, stutzt man dann doch: Diors Historie streng chronologisch zu erzählen ist fast unverschämt langweilig. Es geht ja schließlich nicht um eine Schraubenfabrik.

Danach explodiert die Ausstellung allerdings geradezu in einen Stoffrausch aus Tüll, Samt, Federn, Taft, Wolle, Seide. Jedem Designer, der nach dem frühen Tod Diors 1957 folgte, widmet sich ein eigenes Kapitel - und in diesen kommt man den Entwürfen der aktuellen Frühjahr/Sommer-Kollektion von Maria Grazia Chiuri so nahe, als hingen sie im Kaufhaus an der Stange. Das ist phantastisch. Ein panoptisches "Colorama" staffelt Roben, Röcke, Mäntel, Schuhe und Handtaschen dem Farbspektrum nach auf, am Schluss seine beiden liebsten Nuancen, elegantes Schwarz und teufelsrotes "Ultra Dior" - mit dem großartigen Effekt, dass erst auf den zweiten Blick auffällt: Was da im Schnitt-Gleichklang nebeneinander hängt, stammt aus den Jahren 1949, 2009, 1989, 2012 und 1950.

Wie modern Diors Kleider durch die Jahrzehnte wirklich blieben, zeigt sich jedoch am eindrücklichsten in einem Raum, der bis zur Decke gefüllt ist: mit den schlichten Musselin-Modellen der Schneiderinnen, den Vorstufen der Roben, auf denen noch Abnäher, Nähte, Linien vorgezeichnet sind.

Christian Dior über Haute Couture

Durch den immer schnelleren Trenddurchlauf und die Plagiatsschlachten der High-Street-Labels verwässert heute der Stilkern von Modemarken immer stärker. Umso rührender ist es, wie hier anhand von Diors Haltung - egal ob Schnittführung, Silhouetten, Kragen oder Leitmotiven - nachvollziehbar ist, wie treffsicher seine Ansätze weiterentwickelt wurden: Etwa wie die Blumenwelten der Familienvilla in Granville, direkt an der Küste der Normandie, in impressionistischen Mille-Fleurs auftauchen, dazu ein Entwurf Ferrés, der 1996 kurzerhand lauter Grashalme auf ein Bustierkleid packte und damit eins vom Meister selbst aus dem Jahr 1953 zitierte. Daneben die Inszenierung des legendären, auch bereits 1947 lancierten Maiglöckchendufts "Miss Dior", seiner Schwester gewidmet, und Gallianos Cocktailkleid in Form einer sich entfaltende Blüte.

Charmanterweise ist es aber vor allem eine Ausstellung, deren Wirkung gerade im Hochsommer unübersehbar ist. Wenn nach zweieinhalb Stunden in Schlussverkaufsgedrängeenge, sauerstoffarm, dampfbügeleisenheiß, die Besucher wieder auf der Rue de Rivoli landen. Zwischen Louvre und der edlen Couture-Straße St. Honoré. Alle mit feucht glänzenden Gesichtern, wirrem Haar, zerlaufenem Makeup, übersät mit Schweißflecken. Ein Königreich für ein Organzakleid.


"Christian Dior, Couturier du Rêve", Musée des Arts Decoratifs, Paris. Bis 7.1. 2018

insgesamt 1 Beitrag
Schattenpflanze 08.08.2017
1. John Galliano
Dior war einer der Grössten seiner Zeit, ohne Zweifel. Für mich kam es einem Drama gleich, dass man John Galliano, einer der genialsten Chef-Designer überhaupt, rauswarf. Er hätte nicht sagen dürfen, was er sagte. Er hatte [...]
Dior war einer der Grössten seiner Zeit, ohne Zweifel. Für mich kam es einem Drama gleich, dass man John Galliano, einer der genialsten Chef-Designer überhaupt, rauswarf. Er hätte nicht sagen dürfen, was er sagte. Er hatte zuviel getrunken. Er konnte zum Schluss die enormen Strapazen, die die andauernd neuen Kollektionen, die seine Arbeitgeber von ihm verlangten, ohne Alkohol kaum noch durchhalten. Das ist die Schattenseite der "haute couture". Er hat sich gefangen. Das macht mich froh. Und hat für Amal Clooney anlässlich einer Gala, das chinesische Kleidung als Thema hatte, ein rotes Kleid mit solch meisterhafter Hand kreiert, dass jeder, der was von Nähkunst versteht, mit grosser Achtung die millimetergenauen weissen Stiche, gut sichtbar auf dem roten Kleid, bewundern musste. Wie gesagt, einer der ganz, ganz Grossen. Ich wünsche ihm für die Zukunft die verdiente Anerkennung.

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