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Biowein-Trend

In Kuhhörner gefüllter Dung

Bioweine sind toll für die Umwelt, aber blöd für den Gaumen? Stimmt so nicht mehr, längst gibt es Öko-Spitzenweine. Die Produktion manch grünen Gesöffs überschreitet jedoch die Grenze zur Esoterik.

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Weinlese

Von Gerald Franz
Freitag, 25.08.2017   09:17 Uhr

Schlicht "Wein aus Trauben" lautet der Titel einer aktuellen Werbebroschüre der Arbeitsgruppe Ökologischer Landbau. Die Überschrift ist Verheißung und Kampfansage zugleich. Auch fast vierzig Jahre nach den Anfängen des ökologischen Weinbaus in Deutschland gilt es noch zu provozieren und sich von konventionell arbeitenden Winzern abzugrenzen: Biowein ist nicht nur gut für die Umwelt, Biowein ist der wahre, der bessere Wein, lautet das Versprechen der Biowinzer-Lobby.

Die Zeiten sind längst vorbei, da biologisch erzeugter Wein eine Sache von Aktivisten und der Genussfaktor zweitrangig war. "Man hat ihn fürs gute Gewissen getrunken", fasst Romana Echensperger, Master of Wine, die Anfänge des Öko-Weinbaus lakonisch zusammen. Falls es denn überhaupt etwas zu trinken gab, denn die Ernte fiel zu Beginn oft aus.

Als Claudia und Manfred Loch auf ihrem Weinhof Herrenberg an der Saar Anfang der Neunziger mit dem Bioweinbau begannen, ließen die Larven des Springwurms und Pilzinfektionen kaum etwas zum Ernten übrig. So gering der Ertrag, umso größer war der Spott der konventionell arbeitenden Nachbarwinzer. Heute lacht keiner mehr. Die Weine der Lochs sowie die vieler anderer Biowinzer werden in der Fachpresse hochgelobt. Was ist passiert?

Große Fortschritte im Öko-Weinbau

"Das Wissen im biologischen Weinbau hat unheimlich zugenommen", sagt die Weinexpertin Echensperger. Etwa wie die Laubwand bearbeitet werden muss, damit der Wind die Trauben nach einem Regenguss schnell trocknet, oder welche Gräser man zwischen den Rebzeilen säht, um den wichtigen Stickstoff auf natürliche Weise im Boden zu binden und Nützlinge anzulocken, die die für die Trauben gefährlichen Insekten vertilgen.

Ein für das Ergebnis wichtiger Unterschied zum herkömmlichen Anbau sei außerdem, dass die biologisch kultivierten Trauben früher reif werden. Dadurch lagern sie weniger Zucker ein, was den Alkoholgehalt begrenzt. Außerdem bleibt mehr Säure erhalten, die wie ein natürlicher Stabilisator wirkt. "Bio bedeutet aber nicht automatisch höhere Qualität", betont Echensperger.

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Dass Bioweine nicht automatisch besser schmecken, weiß auch Vincent Moissonnier vom Kölner Zweisterne-Restaurant "Le Moissonnier". In seiner Karte sind konventionell angebaute Reben trotzdem deutlich untergewichtet. Selbst mit "normalen" Bioweinen hadert er: Ihn ärgert etwa, dass bei Weinen mit dem verbreiteten EU-Biosiegel in der Kellerei immer noch um die 15 Zusatzstoffe wie Gelatine oder Gummi arabicum erlaubt sind. Im Weinberg werden "natürliche" Stoffe wie Schwefel- oder Kupferlösungen auf die Pflanzen gespritzt. Von wegen Wein aus Trauben. Die meisten Positionen auf Moissonniers Weinkarte sind daher aus biodynamischem Anbau.

Die Methode lehnt sich an die anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners an und ist durchaus geeignet zu polarisieren: Die Arbeiten im Weinberg richten sich nach den Mondphasen, in Kuhhörner gefüllter Dung und Quarz wird über den Winter im Boden vergraben und dann in homöopathischen Dosen mit handwarmem Regenwasser "dynamisiert", bevor das Ganze auf die Böden und Blätter getropft wird.

Von wegen Wein aus Trauben

"Ein gewisser Anteil Esoterik ist da natürlich mit im Spiel", sagt Sommelier Gerhard Retter über biodynamische Weine. Rund 30 Prozent der Weine, die der Sommelier und Inhaber der "Fischerklause" bei Hamburg und der "Cordobar" in Berlin ausschenkt, stammen aus ökologischem Anbau. Er findet: "Viele biologisch und biodynamisch hergestellte Weine sind ausdrucksstärker, sie bringen ihr Terroir, ihre Herkunft besser zum Ausdruck." Die größere Aromenvielfalt bringe allerdings manchmal auch schwierigere Gerüche wie den nach Kuhstall mit sich. Deshalb kommt für ihn erst die Qualität, dann die Öko-Bilanz. "Gut gewollt und schlecht gemacht tröstet die Gäste nicht", sagt Retter.

Das Ehepaar Loch ist übrigens jüngst aus dem Bundesverband Ökologischer Weinbau ausgetreten. Ein Grund war, dass sie der gängigen Verwendung des Schwermetalls Kupfer kritisch gegenüberstehen und die im Bioweinbau mittlerweile verbotene phosphorige Säure bevorzugen, um den in Deutschland häufig drohenden Falschen Mehltau zu bekämpfen. "Es ist nicht alles schlecht im konventionellen Weinbau, und es ist nicht alles Gold bei den Methoden der Bioverbände. Vielleicht sollte man einfach das Beste aus beiden Welten nehmen", lautet das Fazit von Manfred Loch. Einfach Wein aus Trauben reiche jedenfalls nicht.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

insgesamt 6 Beiträge
kratzdistel 25.08.2017
1. bei den demetern wie mit der homöopathie
pflanzen werden nunmal auch krank oder werden von heimischen und neuerdings von invasiven tierischen Schädlingen befallen. es gibt Weintrauben die eine gewisse Resistenz gegen pilzliche erkrankungen aufweisen.man muss auch nicht [...]
pflanzen werden nunmal auch krank oder werden von heimischen und neuerdings von invasiven tierischen Schädlingen befallen. es gibt Weintrauben die eine gewisse Resistenz gegen pilzliche erkrankungen aufweisen.man muss auch nicht mit kupfer spritzen, Backpulver oder andere Mittelchen können auch hilfreich sein. jedenfalls ist der pestizideinsatz im bio-Weinanbau nicht so hoch wie im konventionellen. beikräuter oder unkräuter werden z. b. nicht mit Herbiziden gespritzt, sondern meist unter gepflügt.kupfer ist ja ein sehr altes wirksames belagsfungizid gegen piizliche Erkrankungen im Pflanzenanbau oft auch als brühe bordeaux bekannt. die Anwendung ist heute durch eu-recht streng reglementiert es kann auch sein, dass kupfer von den firmen der agrochemie kritisiert wird, um mehr teuere systemisch wirkende fungizide zu verkaufen. die demeter haben die strengsten Richtlinien produzieren aber gute bioweine mit ihren Methoden. so lässt ein sehr bekannter italienischer biobetrieb in der Toskana durch eine Schafherde den boden der weinberge düngen und spritzt auch den homöopathischen Extrakt, der die pflanzen stärken und die bodenfruchtarkeit beleben soll. der erfolg gibt ihm recht.gute ökoweine müssen auch nicht teuer sein.wichtig ist, dass die weine schmecken und bekömmlich sind.viele winzer sind auch auf bio umgestiegen,da sie sich und die Umwelt nicht gefährden wollen.
Anthrophilus 25.08.2017
2. Eigentlich ist Alkohol für einen echten Anthroposophen ...
... völlig tabu - aber andererseits ist man dort tolerant - freilassend bis zur Schmerzgrenze. Was nun den Kuhmist-Duft des biodynamischen Weins angeht: Hört sich sehr ausgedacht an. Denn wenn das Präparat im Frühjahr aus den [...]
... völlig tabu - aber andererseits ist man dort tolerant - freilassend bis zur Schmerzgrenze. Was nun den Kuhmist-Duft des biodynamischen Weins angeht: Hört sich sehr ausgedacht an. Denn wenn das Präparat im Frühjahr aus den Kuhhörner geholt wird, riecht es nicht mehr. Es wird dann per Hand mit Reisigbesen in Wassereimern verrührt und mit dem Besen auf die Erde "gesprüht". Da der von den Anthroposophen dahinter gedachte Zusammenhang nur ernsthaften Interessenten mit ausreichender Aufmerksamkeitsspanne vermittelt werden kann, verzichte ich hier mal auf den Versuch. Die Ergebnisse sprechen für sich, allen Spöttern zum Trotz.
equigen 25.08.2017
3. Das Entscheidende am Wein aus Biotrauben ist
dass eine Spontanvergärung stattfinden kann, weil durch die fehlenden Pflanzenschutzmittel nicht alle Hefen abgetötet wurden. Das ist einfache Biochemie, dafür braucht es keinerlei Esoterik. Dass der Geschmack dadurch viel [...]
dass eine Spontanvergärung stattfinden kann, weil durch die fehlenden Pflanzenschutzmittel nicht alle Hefen abgetötet wurden. Das ist einfache Biochemie, dafür braucht es keinerlei Esoterik. Dass der Geschmack dadurch viel Vielschichtiger wird, als durch Reinhefen aus Neuseeland oder Weihenstephan oder sonswo her ist klar und das kann jedermann mit seinem Gaumen mit nur 1h Weinseminar sofort selbst erfahren. Warum erklärt man in einem solchen Bericht nicht einfach die wissenschaftlichen Zusammenhänge anstatt wieder Werbung für Homöpathie usw zu machen? D.h. wenn jemand mal einen guten Wein trinken will: Einfach Wein auf Basis von Spontanvergärung kaufen. Gibt es ab 8-10 Euro. Und das kann nur Bio Wein sein, weil der normale von sich aus kaum noch gären kann.
giespel 26.08.2017
4. Dung in Kuhhörnern
Ich dachte schon, das bezieht sich auf den Geschmack. Viel schlimmer ist aber, dass deutscher Wein gegen die EU Billigkonkurrenz nur noch mit intensiven Methoden ankämpfen kann. Oder der kleine Winzer eigentlich nur noch [...]
Ich dachte schon, das bezieht sich auf den Geschmack. Viel schlimmer ist aber, dass deutscher Wein gegen die EU Billigkonkurrenz nur noch mit intensiven Methoden ankämpfen kann. Oder der kleine Winzer eigentlich nur noch Landschaftspfleger ist. Es bleibt nur noch die Genossenschaft um die Großabnehmer zu befriedigen oder der Großwinzer der Pipi im Stahltank erzeugt.
taglöhner 26.08.2017
5. Leiden für den Glauben
Ich dachte immer, Esoteriker sind schon gestraft genug. In Jahren ohne großen Pilz- und Sauerwurmdruck unterscheidet sich Bio praktisch nicht von konventionellem Weinbau. Wer trinken muss, was in Jahren mit höherem Druck [...]
Ich dachte immer, Esoteriker sind schon gestraft genug. In Jahren ohne großen Pilz- und Sauerwurmdruck unterscheidet sich Bio praktisch nicht von konventionellem Weinbau. Wer trinken muss, was in Jahren mit höherem Druck noch übrig und vermarktbar ist, hat mein tiefes Mitgefühl. Wegen Peronospora war im vergangenen Jahr bei uns übrigens 100% Ausfall in den Bioanlagen. Sehr umweltschonend.

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