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Stil

"Murphy House" in Edinburgh

Das Transformer-Gebäude

Wände lassen sich öffnen, Decken verschieben und der Briefkasten wird durch ein Geheimfach geleert. Der Architekt Richard Murphy hat einen bewohnbaren Zauberwürfel gebaut. Ein Traum für Ingenieure, Fantasten und das Kind in uns.

Keith Hunter/ Richard Murphy Architects
Montag, 21.08.2017   15:40 Uhr

"Ich denke, ich habe meine Berufung als Wohnwagen-Designer verpasst", sagte Richard Murphy dem Journalisten vom britischen "Guardian", als dieser ihn in seinem Haus in Edinburgh besuchte. Kurz zuvor war Murphys Zuhause vom Royal Institute of British Architects zum "Haus des Jahres" 2016 gekürt worden: ein Ingenieurstraum mit verschiebbaren Türen und Wänden, Ausgucken und Durchreichen.

Zum Beispiel kann Richard Murphy im oberen seiner insgesamt drei Schlafzimmer per Knopfdruck den Fußboden öffnen. Er klappt dann hoch und lässt Licht in das darunter liegende Wohnzimmer. Wenn er auf die Straße schauen will, drückt Murphy die Zimmerecke einfach wie einen Fensterladen nach außen, dazu genügen wenige Handgriffe. Die schönste Aussicht hat der Hausherr aber wohl nach oben: kleine Dachfenster rahmen den schottischen Himmel.

Im gesamten Haus hat Murphy solche Schiebewände und Klappen verbaut, teilweise lassen sich auch die Sockelleisten zur Seite fahren. So kann er ein sehr offenes, lichtdurchflutetes Haus bewohnen, oder er macht die Schotten dicht und hat dann eine gemütliche Hütte mit kleinen Räumen - je nachdem, wie das Wetter ist.

Im Erdgeschoss hat der Architekt noch mehr architektonische Tricks untergebracht: Durch ein Geheimfach kann er von der Treppe aus den Briefkasten leeren. Der dadurch gesparte Weg ist zwar nicht weiter der Rede wert, aber der 60-Jährige mag derlei Spielereien. Bis er alle geplant hatte, vergingen zehn Jahre. So lange saß er an den Entwürfen für sein Haus.

Auch für die Fassade ließ sich der Architekt etwas Besonderes einfallen. Die Steine der Außenmauer sind versetzt platziert. Die Auslassungen schmücken die Außenseite und greifen die Wandgestaltung der Nachbarhäuser aus dem 19. Jahrhundert auf, außerdem lassen sie Tageslicht ins Innere. Nach Einbruch der Dunkelheit, wenn Murphy die Lampen anschaltet, scheint das Licht durch die Löcher in die entgegengesetzte Richtung und lässt sein Haus strahlen.

"Vielleicht ist es ein wenig überdesignt", sagt Murphy über sein Bauwerk. Das dachten zunächst auch die Entscheider in der örtlichen Verwaltung und verweigerten eine Baugenehmigung. Die Neinsager wurden letztlich aber überstimmt. Man wollte nicht denselben Fehler zweimal begehen. Die Stadt hatte Murphy schon einmal einen Bau äußerst schwer gemacht. Nachdem sein "Mews House" dann endlich gebaut war, wurde es prompt von der Architektenkammer ausgezeichnet.

Diese Ehre wurde dem Architekten 2016 auch für das von ihm selbst bewohnte Haus zu Teil. "Wenn man das fertiggestellte Haus sieht, ist es schwer vorstellbar, warum den Bauanträgen so viele Hürden in den Weg gestellt wurden", schrieben die Juroren in ihrer Begründung, warum das Projekt in der Hart Street für sie das "Haus des Jahres" ist. Den Bedenkenträgern in der Behörde gab die Architektenkammer damals mit auf den Weg, sie sollten sich das Haus als Inspiration nehmen für modernes Bauen in denkmalgeschützten Straßen.

In unserer Artikelserie "Die Heimsuchung" stellen wir Ihnen in loser Folge außergewöhnliche Immobilien vor, die zum Verkauf stehen, gerade gebaut oder geplant werden oder die einfach nicht von dieser Welt sind. Heute empfehlen wir Ihnen in unserem Steckbrief: Murphy House, Edinburgh, Schottland.

Fotostrecke

Tüftlertraum in Edinburgh: Ein Haus für Daniel Düsentrieb

Lage: Edinburgh, Schottland

Zimmerzahl: Drei Schlafzimmer, drei Bäder, Wohn- und Essbereich, Küche, Arbeitszimmer.

Garten: Der kleine Innenhof ist eine Hommage an den Garten der Stiftung Querini Stampalia in Venedig, erbaut von Murphys Architektenvorbild Carlo Scarpa.

Extras: Bewegliche Fassade und Sonnenblenden, zahlreiche Durchreichen, Geheimfächer und Gucklöcher. Derzeit tüftelt Murphy an einem Lift, der Feuerholz aus dem Keller ins Wohnzimmer heben soll.

Stilfaktor: Das Haus ist sicher kein Kandidat für klassische Architekturbildbände, hat aber durchaus Charme. Der Sandstein integriert die ausgefallene Silhouette in die Reihe der umliegenden Stadthäuser aus dem 19. Jahrhundert.

Wer fühlt sich hier wohl? Kinder, Daniel Düsentrieb und Fans von Inspektor Gadget

Unbedingt mitbringen: Schraubenschlüssel und Maschinenöl

Unterhalt: Wo sich viel bewegt, kann auch viel kaputt gehen. Zum Glück sind hier Baumeister und Bauherr identisch, das spart den Handwerker.

Weitere Infos: Gibt es bei Richard Murphy.

löw

insgesamt 13 Beiträge
2cv 21.08.2017
1. Architektur = Mut
Ich habe früher damit geliebaügelt, ein Architektur-Studium anzufangen, es aber dann doch (leider/besser) gelassen. Schade ist leider vieles, u.a. (A) daß die deutschen Kommunen leider nicht genügend Spielraum für innovatives [...]
Ich habe früher damit geliebaügelt, ein Architektur-Studium anzufangen, es aber dann doch (leider/besser) gelassen. Schade ist leider vieles, u.a. (A) daß die deutschen Kommunen leider nicht genügend Spielraum für innovatives Wohnen und Freiraum neuer Gestaltungen bieten (so wie es beispielsweise schon vor Jahren die niederländische Stadt Amersfoort ermöglicht hat), und (B) viele der Ideen leider für den Durchschnitts-Häuslebauer unbezahlbar bleiben, oder (C) realitätsfremd der Nutzung sind (ich höre schon den ersten stöhnen, der sich über das Fensterputzen im hier vorgestellten Entwurf beschweren wird)... Den Architektur-Wettbewerb "Preiswertes Wohnen für Junge Familien" gibt es leider nicht im Standardprogramm der Kommunen, erst recht nicht verpflichtend oder mit "Quote". Hier in unserer Region (Großstadt-Rand, noch im Stadtgebiet) liegen die QM-Preise bei nahezu 5.000 Euro. Warum eigentlich? Wir hätten so viel an Mehrwert zu gewinnen - mit Kreativität!
Mertrager 21.08.2017
2. Beeindruckend
Aber letztendlich finde ich es auch "überdesigned". Und das mit dem Ingenieurtraum ist mindestens mißverständlich. Also ich bin auch einer und träume nicht von solchen Häusern. Bei mir ist das eher bodenständig.
Aber letztendlich finde ich es auch "überdesigned". Und das mit dem Ingenieurtraum ist mindestens mißverständlich. Also ich bin auch einer und träume nicht von solchen Häusern. Bei mir ist das eher bodenständig.
Papazaca 22.08.2017
3. Bravo! Voller Ideen! Aber aber ....
Erstmal bin ich verblüfft und versuche das Haus zu entschlüsseln und ansatzweise zu verstehen. Die Eingangsfront gefällt mir sehr gut mit ihren unterschiedlichen Partien. Das Äußere gefällt mir insgesamt besser als die [...]
Erstmal bin ich verblüfft und versuche das Haus zu entschlüsseln und ansatzweise zu verstehen. Die Eingangsfront gefällt mir sehr gut mit ihren unterschiedlichen Partien. Das Äußere gefällt mir insgesamt besser als die Gestaltung der Innenräume. Für mich ist das Haus ein gutes Beispiel für den gelungenen Versuch, das man in seinem Leben versuchen sollte, seine Utopien umzusetzen. Selbst, wenn das Haus vielleicht überdesignt ist. Es ist aber ermutigend, kreative Kontrapunkte zu setzen. Da ist Widerspruch Teil des Spiels. Das Argument, das Normalität und Praktikabilität doch wichtiger sind, lasse ich für alle die gelten, die sich so wohlfühlen. Andere wollen einfach die Grenzen ausloten. Jeder hat das Recht auf seine ganz persönliche Vorstellung von seinem Glück. Nicht nur beim Bau eines Hauses. Das hört sich für viele (wie die Baubehörden!) natürlich höchst verdächtig an.
Analog 22.08.2017
4. Alles in Frage stellen
und anders machen wollen, ist für mich noch keine Architektur. Wenn man heute in einem Neubaugebiet sich neue Häuser anschaut, dann fragt man sich schon, was soll das? Küchenfenster sehen aus wie Schießscharten, die [...]
und anders machen wollen, ist für mich noch keine Architektur. Wenn man heute in einem Neubaugebiet sich neue Häuser anschaut, dann fragt man sich schon, was soll das? Küchenfenster sehen aus wie Schießscharten, die Proportionen der Türen und Fenster stimmen nicht, das Dach wird einseitig zum Carport, dadurch wirkt die ganze Hütte schief... Ganz selten findet man dort ein wirklich "schönes" Haus, aus einem Guss. Gibt es was hässlicheres als Sichtbeton? (Gartenansicht) Will man da wirklich sitzen, oder erst warten bis der Efeu ...
Papazaca 22.08.2017
5. Richtig, nur "anders sein" reicht nicht. Aber ...
gefällt nur, was erlaubt ist? Mit Erlaubnis, gegeben vom Geschmack der Mehrheit? Sie brauchen nicht in die Neubaugebiete zu gehen. Sehen Sie sich einfach die Mehrzahl der "normalen" Einfamilienhäuser an, die [...]
Zitat von Analogund anders machen wollen, ist für mich noch keine Architektur. Wenn man heute in einem Neubaugebiet sich neue Häuser anschaut, dann fragt man sich schon, was soll das? Küchenfenster sehen aus wie Schießscharten, die Proportionen der Türen und Fenster stimmen nicht, das Dach wird einseitig zum Carport, dadurch wirkt die ganze Hütte schief... Ganz selten findet man dort ein wirklich "schönes" Haus, aus einem Guss. Gibt es was hässlicheres als Sichtbeton? (Gartenansicht) Will man da wirklich sitzen, oder erst warten bis der Efeu ...
gefällt nur, was erlaubt ist? Mit Erlaubnis, gegeben vom Geschmack der Mehrheit? Sie brauchen nicht in die Neubaugebiete zu gehen. Sehen Sie sich einfach die Mehrzahl der "normalen" Einfamilienhäuser an, die Mehrzahl der normalen PKW's, die Mehrzahl der "normalen" Kleidung, die von vielen getragen wird. Ist es das, was Ihnen gefällt? Normal erinnert nicht zufällig an Norm. Wenn ich lese, wie Sie Dinge, die Ihnen nicht gefallen, negativ beschreiben, ist das Ihr gutes Recht. Aber was "SCHÖN" und was häßlich ist, ist Geschmacksache. Oder? Ich ahne zwar jetzt, was Ihnen nicht gefällt. Aber mich würde auch interessieren, was Ihnen eigentlich gefällt. Haben Sie Beispiele parat?

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