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Saarwein

Aber bitte mit Säure

Trocken, mit wenig Säure - so mögen viele Kenner Wein am liebsten. Saarweine sind anders. Und stehen womöglich für den nächsten Trend.

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Weißwein

Von Gerald Franz
Samstag, 16.09.2017   19:47 Uhr

"Viele haben seit den Achtzigerjahren keinen Saarwein mehr probiert", lautet die simple These von Stephan Weber. Nur so könne diesen Vinophilen entgangen sein, dass der Qualitätsweinbau Einzug gehalten und die Gewächse von den Ufern des Moselzuflusses längst das Image "sweet and cheap" abgelegt hätten.

"Das wurde eben damals sehr nachgefragt, gerade auch von einigen Exportmärkten wie den USA oder Japan", erklärt der Jungwinzer, der mit seinem Bruder Michael drei Hektar Reben bewirtschaftet.

Auch Alexander Jelen, zuständig für den Vertrieb bei den Bischöflichen Weingütern Trier, macht das übertriebene Chaptalisieren, also das Aufzuckern des Mostes, das in den Achtzigern praktiziert worden sei, für den nach wie vor angeschlagenen Ruf der Region verantwortlich. Natürlich führt die Kellerei der Kirche etliche trockene Weißweine sowie etwas Spätburgunder in ihrem Sortiment. Allerdings finden sich auf der Weinkarte, wie auch bei den anderen Kellereien aus der Gegend, ebenfalls zahlreiche halbtrockene und fruchtsüße Weine.

Das bedeutet aber nicht zwangsläufig, dass diese Weine chaptalisiert wurden, was bei den Prädikatsweinen wie Kabinett oder Spätlese ohnehin verboten ist. Dass ein gewisses Quantum an natürlicher Süße nicht zu Alkohol vergoren wird und als sogenannte Restsüße im Wein verbleibt, ist häufig eine bewusste Entscheidung des Kellermeisters, der die Gärung unterbricht.

Fordernde Weine trotz Restsüße

Aber warum tut man so etwas? Schließlich hält der Trend zu trockenen Weinen in der Breite noch immer an, und mancher Weintrinker probiert erst gar nicht die halbtrockenen Gewächse, die sich mittlerweile oft etwas schamhaft feinherb nennen - ein Begriff, der im Weinrecht gar nicht existiert.

"Saarweine sind nicht prädestiniert für zu wenig Restsüße, weil die Frucht sonst nicht rüberkommt", sagt Alexander Jelen. Außerdem wollten viele im Grunde ihres Herzens gar keine staubtrockenen Weine, auch wenn sie alles andere erst einmal rundheraus ablehnten. "Viele Winzer gehen daher bei den trockenen Weinen an die neun Gramm Restzucker heran", lautet seine Erfahrung.

Dabei spielt er auf die Regel an, dass trocken genannte Weine bis zu neun Gramm Restzucker pro Liter enthalten dürfen, vorausgesetzt der Gehalt an Säure schließt mit auf und liegt maximal zwei Gramm darunter. Bei den Saarweinen, in der Mehrzahl Rieslinge, ist die Säure außerdem strukturgebend: Kabinettweine etwa, die einen deutlicheren Zuckergehalt im Most aufweisen müssen und oft für etwas fülligere Weiße stehen, fallen in diesem Anbaugebiet durchaus fordernd aus. Die Säure sorgt aber auch für Frische und ermöglicht eine hervorragende Lagerfähigkeit.

"Moselweine sind runder", wagt Mona Loch, Geschäftsführerin bei der Kellerei Reichsgraf von Kesselstatt, einen Vergleich. Die Saar warte dagegen mit Feinmineralik und Frucht auf und liefere geradlinige und spritzigere Weine. "Saarweine kaufen eher die, die sich auskennen", glaubt sie angesichts der häufig etwas fordernderen Erzeugnisse. Loch hat einige Restsüße-Spezialitäten im Angebot, darunter eine Spätlese mit gerade einmal 7,5 Prozent Alkohol, aber einem würzig-rauchigen Aroma und Noten von süßlichem Gewürz am Gaumen sowie einem langen Nachhall. "So viel Aromatik bei so wenig Alkohol, das gibt es eigentlich nur an der Saar", sagt Loch.

Der teuerste Weißwein der Welt

Dass die Saar in den letzten Jahren nicht mehr allzu präsent in den Köpfen war, liegt vermutlich auch daran, dass seit nunmehr zehn Jahren die frühere Gebietsbezeichnung Mosel-Saar-Ruwer auf den Etiketten der Gebietsbezeichnung Mosel gewichen ist, auch wenn die Trauben von einem der kleineren Zuflüsse stammen. Das hat sicherlich die Werbung erleichtert und ist angesichts der Größenverhältnisse - an der Mosel wird eine zehnfach größere Rebfläche als an der Saar bewirtschaftet - auch nachvollziehbar. Gerecht wird es den Weinen aber nicht.

Die Saar ist kein anderer Stern, aber sie hat ihr eigenes Profil. Das beweist zum Beispiel Egon Müller, der mit seiner Familie eines der bekanntesten Weingüter an der Saar betreibt und dort die teuersten Weißweine der Welt anbaut. Seine Weine erzielen bei Auktionen bis zu fünfstellige Preise pro Flasche. Vermutlich deshalb hat sich Günther Jauch ausgerechnet in Kanzem eine Kellerei gekauft.

Die Welle möglichst säurearmer Weine flacht immer weiter ab, mehr Charakter ist angesagt. Noch gleicht die Frage "Ist der trocken?" zwar häufig einem Ausschlusskriterium. Doch das Bestehen auf ausschließlich trockenen Weinen weicht so langsam der Erkenntnis, dass ein paar zusätzliche Gramm Restzucker kein Verbrechen sind. Zumal viele Saarweine, die formal zu den halbtrockenen zählen, wegen der prägenden Säure alles andere als süß schmecken.

Probieren Sie es aus!


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

insgesamt 16 Beiträge
Weinkaiser 16.09.2017
1. Ein Artikel voller Fehler
Günther Jauch übernahm das Weingut von Othegraven in Kanzem an der Saar Anfang 2010 von einer Verwandten die es aus Altersgründen nicht weiterführen wollte. Sein Engagement an der Saar hebt sich auch deutlich ab von den [...]
Günther Jauch übernahm das Weingut von Othegraven in Kanzem an der Saar Anfang 2010 von einer Verwandten die es aus Altersgründen nicht weiterführen wollte. Sein Engagement an der Saar hebt sich auch deutlich ab von den Weingutsprojekten diverser anderer Prominenter, die von außen betrachtet oft eher wie Statussymbole oder Selbstverwirklichungsprojekte wirken. Das Weingut von Othegraven ist seit Generationen im Besitz von Jauchs Vorfahren gewesen. Als es während seiner Kindheit noch dem Bruder seiner Großmutter Elsa von Othegraven gehörte, verbrachte er dort so manche Ferienzeit. Das sehr große und denkmalgeschützte Hauptgebäude des Weinguts war zur Zeit des Kaufs stark renovierungsbedürftig und Jauch war der einzige in der Familie, der diese Investition problemlos stemmen konnte. Jauch hat den kompletten Mitarbeiterstab übernommen, den Keller modernisiert und die Weine des Weinguts zählen heute, wie vor 60-70 Jahren schon einmal zu den allerbesten Rieslingen Deutschlands. Im der aktuellen Ausgabe des GaultMillau Weinguide Deutschland ist beispielsweise sowohl ein Kabinett als auch eine Spätlese des Weinguts in der jeweiligen Top-10-Liste der bundesweit besten Weine vertreten. Ralf Kaiser Weinjournalist
lotharbongartz 16.09.2017
2. Marlborough Sauvignon Blanc
Marlborough Sauvignon Blanc aus Neuseeland ist für mich Top bei den bezahlbaren Weißweinen. Hier wurde die Weinindustrie maßgeblich von deutschen Winzern aufgebaut und Sauvignon Blanc hat nicht umsonst den größten [...]
Marlborough Sauvignon Blanc aus Neuseeland ist für mich Top bei den bezahlbaren Weißweinen. Hier wurde die Weinindustrie maßgeblich von deutschen Winzern aufgebaut und Sauvignon Blanc hat nicht umsonst den größten Marktanteil. Bei einem Urlaub in Neuseekand gibt es viele Möglichkeiten zur Erlebnis-Verkostung, zum Beispiel im Rahme einer Fahrradtour entlang der Weingüter. Beliebt sind auch Hochzeiten auf Weingütern, zum Beispiel auf Waiheke Island nahe Auckland.
BrunoGlas 17.09.2017
3. Es wäre sicherlich schön...
... wenn der Autor Gerald Franz in seinem Essay über die Saarweine seine Sätze zunächst nicht so verschachteln würde. Ein mehr geordneter Satzbau, auch kürzere Sätze, erleichtern nämlich dem Leser das Nachvollziehen der [...]
... wenn der Autor Gerald Franz in seinem Essay über die Saarweine seine Sätze zunächst nicht so verschachteln würde. Ein mehr geordneter Satzbau, auch kürzere Sätze, erleichtern nämlich dem Leser das Nachvollziehen der jeweilig ineinander greifenden Themenebenen. Obwohl ich selbst kein passionierter Weintrinker bin, ich stamme aber von der Saar, auch hatten alle meine Familienmitglieder bis hinauf zum Vater entweder mit Landwirtschaft zu tun, oder mit Geologie, mit Forst, mit Biochemie, dann Schauspielerei und Geldadel, oder ich selbst mit Farbforschung und Kunst. Alle diese sechs begrifflichen Zuordnungen stellen gleichzeitig zumindest für mich treffende Charakteristika eines Weines dar. Was fehlt: Ich vermisse zunächst eine konkretere Beschreibung über Anbaumethoden früher und heute. Dann fehlt die Beschreibung der für die Saar-Weinregion typischen Mineralien, also Schieferböden mit Buntsandstein, samt Eisenoxidantien im Boden, genannt Rotliegendes. Dann könnte eine nähere Beschreibung der Täler im Flussdreieck Mosel-Saar-Ruwer Beachtung finden, nebst Anstiegswinkel der Rebflächen und Art der Sonneneinstrahlung. Dann wandten sich viele der Winzer im Laufe der Jahre neuen Anbaumethoden zu - dieser Wandel wird auch benannt. Aber wie wirkt sich dies genauer auf Zusammensetzung des Bodens und auf den Geschmack aus, wie gedeiht der Wein nunmehr mit welchen Methoden einer heutigen biologischen Ungezieferabwehr. Der geschmackliche Zusammenhang von reduziertem Alkoholgehalt im Verhältnis zur Säure und Restsüße des Weines ist wiederum sehr gut beschrieben. Was mir aber noch fehlt, wie inszeniert sich gleichzeitig die Mimikri und oft eher blasse Farbe und die Blume des Weines, wenn man ihn unmittelbar genießt - auch in der Umgebung eines einstrahlenden Lichtes im Sinne von Farbbrillianz. Mein Gruß nach Kölle zu Gerald Franz via Kunsthaus Rhenania Köln - Berlin - Moskau - St. Ingbert / Saar.
kopp 17.09.2017
4. Diese elitäre Weinkultur
Damit man als Connaisseur in Sachen Wein gilt, darf man nicht seinen individuellen Vorlieben frönen sondern muss unbedingt dem Trend großer Vorbilder folgen. Das gilt insbesondere beim Champagner wo demi-sec praktisch nur noch [...]
Damit man als Connaisseur in Sachen Wein gilt, darf man nicht seinen individuellen Vorlieben frönen sondern muss unbedingt dem Trend großer Vorbilder folgen. Das gilt insbesondere beim Champagner wo demi-sec praktisch nur noch in Frankreich zu haben ist. Hier hat man - so in den sechziger Jahren - den deutschen halb-trocken-Enthusiasten nahegelegt, dass der Kenner trockenen Wein und Champagne brut genießt, mit der Folge, dass jeder der auf sich hält nun begierig Essig schlürft.
dirk.resuehr 17.09.2017
5. Der Kenner spricht
nur leider blanken Unsinn. Entre nous, der Spätburgunder oder Pinot Noir ist kein trockener Weißwein, ein Rotwein, trocken, von mir aus, aber als Banc de Noir heißt er so , weil das röten durch Färbung von schneller Pressung [...]
nur leider blanken Unsinn. Entre nous, der Spätburgunder oder Pinot Noir ist kein trockener Weißwein, ein Rotwein, trocken, von mir aus, aber als Banc de Noir heißt er so , weil das röten durch Färbung von schneller Pressung verhindert wird! Die Schalen können so den Wein nicht mehr rot färben. Üblich beim Champagner! Sollte ein "Weinwisser" kennen!

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