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Stil

Bowl Food

Schüssel zum Glück?

Instagram und Pinterest sind voll davon: Gut ausgeleuchtete Fotos von gesunder Kost kunstvoll in Schalen arrangiert. Wie funktioniert Bowl Food? Und vor allem: Warum?

Getty Images
Von
Sonntag, 12.11.2017   09:30 Uhr

Das Prinzip einer Bowl ist denkbar einfach: Gegessen wird aus Schüsseln, befüllt nach dem Baukastenprinzip: Zuunterst eine kohlenhydratreiche Basis wie Nudeln, Couscous, Reis oder Kartoffeln, gefolgt von Gemüse und einer Eiweißkomponente, in der Regel Fleisch, Fisch, Tofu oder Hülsenfrüchte. Wichtig dabei: Die Zutaten werden nicht vermischt. Ein Dressing, Dip oder eine Soße verbinden die Schichten. Zuoberst kommt ein Topping aus Kräutern, Nüssen oder Samen.

"Die Idee ist, dass sich in der Schüssel ganz viele unterschiedliche Texturen, Geschmäcker und Aromen miteinander vereinen", erklärt Dagmar Reichel, Kochbuchautorin und Ökotrophologin. Auch die Anordnung und das ästhetische Anrichten sind entscheidend. Gemüse und Obst werden nicht einfach irgendwie zerkleinert, sondern fein gehackt, grob gewürfelt oder akkurat in Streifen geschnitten. Es gibt Bowls für jede Tages- und Jahreszeit. Eine Frühstücksbowl besteht meist aus Getreide(flocken), Obst und Milch oder Joghurt, verfeinert mit weiteren Zutaten. Je abwechslungsreicher, desto besser.

Wie lange die Zubereitung und das Anrichten dauern, hängt von der Liebe zum Detail ab. "Wenn man das Gemüse schön in Schlangenlinien oder in Reihen legt, dauert das natürlich viel länger", sagt Silke Bauer. Sie ist Ökotrophologin und hat eine Praxis für Ernährungsberatung in Gengenbach. Grundsätzlich kommt es aber auch auf die Rezepte an. "Da kann man sich natürlich verkünsteln, zeitmäßig sind nach oben hin keine Grenzen gesetzt", bestätigt Reichel. Es muss aber nicht immer kompliziert sein. Dieses Gefühl wird aus ihrer Sicht eher von den Food-Fotos aus dem Internet ausgelöst. "Eigentlich ist der Grundgedanke, etwas Schnelles, Gesundes und Unkompliziertes zu zaubern."

So wird's gesund

Ob das Essen in der Schüssel tatsächlich gesund ist, hängt natürlich von den Zutaten und der Zubereitung ab. Silke Bauer rät zu frischen vollwertigen Lebensmitteln, die möglichst naturbelassen sind: "Viel Obst und Gemüse, Vollkornprodukte und hochwertige Öle, das ist für mich ernährungsphysiologisch sinnvoll." Anders sieht es aus, wenn beispielsweise Fertigprodukte, frittierte Nahrungsmittel, viele Weißmehlprodukte oder fettige Fertigsoßen in der Schüssel landen.

Zudem kommt es auf die Mengenverhältnisse an. Ist die Schüssel randvoll mit Nudeln, getränkt mit Sahnesoße, und einer halben Tomate garniert, ist das keine gute Zusammensetzung für den Ernährungsplan. Dann fehlen die nötigen Vitamine, Mineralstoffe und Ballaststoffe. Wer auf ein Drittel Nudeln, ein Drittel Gemüse und ein Drittel Fisch, Fleisch oder pflanzliche Eiweißquellen setzt, ist damit laut Bauer in der Regel gut beraten.

Was auffällt: Oftmals spielen Superfoods eine große Rolle. "Nichts gegen Superfood, aber es ist nicht besser als viele regionale und saisonale Produkte", so Bauer. Statt Chiasamen können beispielsweise Leinsamen verwendet werden. "Die haben sogar einen höheren Gehalt an Ballaststoffen und Omega-3-Fettsäuren."

Warum wir Trends folgen

Es gibt mehrere mögliche Gründe, warum Menschen sich für einen Trend wie dem des Bowl Food begeistern. "Einige wollen über ihr Ernährungsverhalten eine gewisse Zugehörigkeit zu einem Lebensstil demonstrieren", erklärt Joachim Westenhöfer, Ernährungs- und Gesundheitspsychologe an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg. Darüber werde versucht, sich von anderen abzugrenzen.

Jocelyne Reich-Soufflet, die eine Praxis für Ernährungspsychologie und Ernährungstherapie in Frankfurt am Main hat, führt einen weiteren Aspekt an: "Wer einem Trend folgt, sucht weniger nach Individualisierung, sondern besonders nach Sicherheit." In vielen Familien werde nicht mehr zusammen gegessen, da wirken kulinarische Modeerscheinungen verführerisch. Wird ein Food-Trend von anderen als besonders und gesund tituliert, kann er einfach übernommen werden.

Mehr Kochen

Die mit dem Bowl Food verworbenen Gefühle wie Glück und Achtsamkeit werden nach Meinung von Kochbuchautorin Reichel über blumige Bowl-Namen und das Internet transportiert. Keine Frage, Essen trägt zum Wohlbefinden bei. "Dafür braucht man aber keine Bowl", so Reich-Soufflet. Es gehe mehr um den Inhalt und die Zutaten, wo diese besorgt wurden und wie liebevoll man das Essen zubereitet. Natürlich nützt alles schöne Herrichten nichts, wenn man dann auf dem Sofa sitzt und sein Essen vor dem Fernseher herunterschlingt. "Die Achtsamkeit beim Essen ist ganz wichtig", findet Ernährungsberaterin Bauer. Also gemeinsam an einen Tisch setzen und Zeit zum Essen nehmen.

insgesamt 5 Beiträge
remcap 12.11.2017
1. Alles nur etwas anders Verpackt...
..mehr ist das nicht. Nehme man einen Döner komplett und statt Fleisch nimmt man Wildkornreis, dann hat man das gleiche..nur das dies eben nicht hipp oder nur annähernd exotisch ist. Der Effekt wäre der Gleiche und das ganze [...]
..mehr ist das nicht. Nehme man einen Döner komplett und statt Fleisch nimmt man Wildkornreis, dann hat man das gleiche..nur das dies eben nicht hipp oder nur annähernd exotisch ist. Der Effekt wäre der Gleiche und das ganze Geschirr an den Händen kann man gleich mitessen.
licorne 12.11.2017
2.
Ich hab's lieber nebeneinander als übereinander, da hat man mehr Überblick und kann gezielt mischen.
Ich hab's lieber nebeneinander als übereinander, da hat man mehr Überblick und kann gezielt mischen.
zzzzxy 13.11.2017
3. Nebeneinander?
Oh, dann ists ein neuer trend: plate food. Jippie.
Oh, dann ists ein neuer trend: plate food. Jippie.
alphabit 14.11.2017
4.
In Korea ist das ein traditionelles Gericht und heist Bibimbap. Daran gibt es eigentlich nichts zu verbessern.
In Korea ist das ein traditionelles Gericht und heist Bibimbap. Daran gibt es eigentlich nichts zu verbessern.
lea_bergmann 15.11.2017
5. Immer was neues
Es muss doch immer was neues geben. So spannend finde ich Gemüse in ner Schüssel jetzt zwar nicht, aber es sieht ganz appetitlich aus und vielleicht bringt es einige dazu mehr Gemüse und Vitamine zu essen. Gesünder als andere [...]
Es muss doch immer was neues geben. So spannend finde ich Gemüse in ner Schüssel jetzt zwar nicht, aber es sieht ganz appetitlich aus und vielleicht bringt es einige dazu mehr Gemüse und Vitamine zu essen. Gesünder als andere Gerichte scheint es ja zu sein. Gerade im Winter sollte man darauf auch genug Lebensmittel mit viel Vitamin D zu sich zu nehmen. Was ein Vitamin D Mangel anrichten kann, kann man hier nachlesen: https://www.cerascreen.de/pages/vitamin-d Nächstes Jahr gibts wieder einen anderen Trend...
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