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Vin Jaune

Vorsicht, Kraftprotz

Mehr als sechs Jahre reift der gelbe Wein aus dem Jura unter Bedingungen, die sonst kein Wein aushalten muss. Wer ihn probieren möchte, sollte sich allerdings langsam herantasten. Eine kurze Anleitung.

AFP

Vin Jaune

Von Gerald Franz
Sonntag, 29.10.2017   18:39 Uhr

"Mit dem Vin Jaune dürfen Sie die Verkostung nicht anfangen!", warnt Michèle Petit ein Touristenpaar aus dem Ausland, das sich in die Kellerei Désiré Petit im Winzerdorf Pupillin verirrt hat. Die Frau spricht etwas Französisch, der Mann versteht nicht, warum man ihm die Weinspezialität des französischen Jura nicht einschenken will. Anfänger! Letztendlich probiert sie einen Crémant, er bekommt doch noch seinen Vin Jaune, dann verlassen beide etwas irritiert das Weingut.

In der Tat ist es sinnvoll, den Vin Jaune nicht als erstes zu trinken. Wer den Spitzenwein der kleinen Kellereien im schwach besiedelten Mittelgebirge an der Grenze zur Schweiz kennenlernen möchte, sollte Zeit mitbringen. Zu diesem aromatisch-kräftigen gelben Wein, der mehr als sechs Jahre unter extremen Bedingungen lagert, sollte man sich erst vorarbeiten.

Eine Weinprobe im Jura beginnt deshalb auch nicht mit den Weißen, sondern den Roten. Ein idealer Einstieg ist der Poulsard, der auch Ploussard genannt wird. Wegen seiner schwachen Färbung wird er gelegentlich für einen Rosé gehalten. Mit diesem hat er aber nur das Leichte, Unkomplizierte gemein, weswegen er sich als Apéritifwein anbietet.

Im Jura gibt es aber eine ganze Anzahl von Gütern, die auf Konventionen pfeifen. So kann man den etwas blassen Poulsard bei Bénédicte und Stéphane Tissot in Arbois in einer Version bekommen, die schon wieder spannend ist: in der Amphore ausgebaut, mit einer interessanten würzigen Note. Die Rebsorte Trousseau ist schon etwas dichter und erinnert häufig an den Pinot Noir, der in diesem gerade einmal 1800 Hektar großen Anbaugebiet ebenfalls angebaut wird.

Zwei Weißweinstile im Jura

Bei den Weißen setzen die Winzer aus dem Jura auf die Rebsorten Chardonnay und den raren Savagnin, der nur noch hier wächst. Das Hauptunterscheidungsmerkmal in der Stilistik lautet jedoch immer "ouillé" oder "typé", je nachdem, ob die im Holzfass verdunstete Menge wieder aufgefüllt ("ouillé") wird oder eben nicht, was dann zur Ausbildung eines Hefeschleiers auf dem Weinspiegel und der geschmacklichen Nähe zum Vin Jaune führt.

Die konventionell ausgebauten Weißen warten oft mit Aromen heller Früchte und leichter Würze auf sowie einer ausgeprägten Mineralität. Die "vins typés" dagegen gehen geschmacklich in eine nussig-hefig-salzige Richtung und sind solo etwas für passionierte Weintrinker, ansonsten bieten sie sich als Essensbegleiter etwa zu Geflügelgerichten oder würzigem Käse an.

Als wäre diese scheinbar anachronistische Weinbereitung nicht schon ausgefallen genug, experimentieren Evelyne und Pascal Clairet von der Domaine de la Tournelle mit einem Savagnin, den sie sechs Monate lang mit den Schalen vergären - bei einem Weißwein, wohlgemerkt. Kein Wunder, dass das Ergebnis fast orangefarben ausfällt und der Gaumen überrascht Tannine meldet. Ein krasser, aber faszinierender Wein, der aufgrund seiner Kraft sicher auch ein Fleischgericht locker begleiten kann.

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Erst jetzt, nach Rot und Weiß, sollte man sich den extravaganten Vin Jaune einschenken lassen. Der gelbe Wein reift mindestens sechs Jahre und drei Monate aus der heimischen Rebsorte Savagnin heran. Teilweise liegt er auch zehn Jahre in Holzfässern auf dem Dachboden, wo der Wein drastischen Temperaturschwankungen ausgesetzt ist. Über ein Drittel seines Volumens verliert der Wein dabei. Der Vin Jaune ist sozusagen ein "vin typé" in extremer Form mit äußerst pikant nussig-rauchigem Aroma, das prima mit dem ebenfalls aus der Region stammenden Hartkäse Comté harmoniert. Walnüsse passen aber auch hervorragend dazu.

Verkauft wird der Vin Jaune übrigens ausschließlich in 0,62-Liter-Flaschen. Dieses verringerte Volumen soll daran erinnern, wieviel von einem Liter des Weines über die Reifezeit hinweg durch die Poren des Holzfasses verdunstet. Die kurzhalsigen Clavelin-Flaschen gibt es nur hier, aber in Sachen Wein scheint im Jura ja ohnehin alles anders zu funktionieren.

Süßwein aus rosinierten Trauben

Deswegen ist nach dem Vin Jaune doch noch nicht ganz Schluss. Der Vin de Paille, der aus rosinierten Trauben gewonnene Süßwein, kann wegen seiner konzentrierten Aromatik jetzt noch mithalten. Der von der Domaine Overnoy aus Orbagna etwa wartet mit Aromen von Honig, Rosinen und getrockneten Apfelringen auf und bietet bei allem Überschwang eines Strohweins auch eine gewisse Frische. Wer immer noch nicht genug hat, kann nun noch zum Macvin greifen, ebenfalls - wer hätte es gedacht - eine echte Jura-Spezialität.

Frischer Most wird hierbei mit hochprozentigem Alkohol vermengt. Das gibt es auch woanders. Aber hier wird dafür Marc, also Tresterbrand, verwendet. Überflüssig zu sagen, dass es diese Spezialität je nach Winzer in verschiedenen Cuvées und in Rot und Weiß gibt. Das Jura ist halt anders. Wenn man nicht gleich wieder geht, weil der Winzer nicht sofort den Vin Jaune rausrückt, merkt man das ziemlich bald.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

insgesamt 2 Beiträge
Stupor Mundi orient 30.10.2017
1. Reise in die Weinregion Jura
Wer sich in diese geheimnisvolle Region auf deutsch von einem absoluten Kenner geführt hinein wagen will und gleichzeitig noch das größte Weinfest Frankreichs erleben will, sollte sich dieses Angebot ansehen: [...]
Wer sich in diese geheimnisvolle Region auf deutsch von einem absoluten Kenner geführt hinein wagen will und gleichzeitig noch das größte Weinfest Frankreichs erleben will, sollte sich dieses Angebot ansehen: http://www.orientbahn-reisen.de/de/unsere-reisen-in-den-orient/okzident-bahnreisen0002/
medwediza 01.11.2017
2. Savagnin auch im Wallis
Savagnin wird nicht nur noch im französischen Jura angebaut, sondern auch im Wallis in der Schweiz. Der aus den Savagnin-Trauben gekelterte Wein nennt sich dort Heida.
Savagnin wird nicht nur noch im französischen Jura angebaut, sondern auch im Wallis in der Schweiz. Der aus den Savagnin-Trauben gekelterte Wein nennt sich dort Heida.

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