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Stil

Architekturbiennale in Venedig

Auf den Standpunkt kommt es an

Das Thema der 16. Architekturbiennale ist "Freiraum". In den Städten wird er knapp, auf dem Land liegt er brach. Deutschland thematisiert seine Teilung - und zeigt: alles eine Frage der Perspektive.

AP
Freitag, 01.06.2018   19:54 Uhr

Worum geht es?

Die Hauptausstellung wird von Yvonne Farrell und Shelley McNamara betreut. Ihre Einladung war für viele eine Überraschung. Die beiden Irinnen haben gemeinsam studiert und 1978 Grafton Architects gegründet (benannt nach ihrer ersten Firmenadresse). Ihr Büro baut groß, aber nicht protzig, vor allem Behörden- und Universitätsgebäude. Ihre Aufgabe als Kuratorinnen bestand darin, sich ein Thema für eine eigene Ausstellung und die 36 Länderpavillons zu überlegen: "Freespace" (deutsch: Freiraum).

Für Yvonne Farrell und Shelley McNamara ist Architektur etwas Emotionales und muss nicht unbedingt mit Bauen zu tun haben. Auch ein Platz unter einem Kirschbaum ist für sie ein schöner Raum. Im Zentrum steht der Mensch. Architektur versuche, ihm zu vermitteln, wo er ist, sagten sie nach ihrer Einladung dem "Guardian". Und über ihre Biennale-Agenda: "Wir müssen uns der politischen Probleme bewusst sein, um Gebäude zu erschaffen, welche die Menschheit so weit wie möglich beschützen."

Dazu gehören im Jahr 2018 unter anderem Mauern - geplante (Mexiko) und alte (Berlin) -, Migration, Rassismus und der Nahostkonflikt. "Wir sehen die Erde als Kunden", schreiben Farrell und McNamara in ihrem "Freespace"-Manifest.

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Architekturbiennale 16: Biennale-Rundgang in Bildern

Was ist der deutsche Beitrag?

Der deutsche Beitrag befasst sich mit der Geschichte der deutschen Teilung und dem Prozess ihrer Überwindung. Die Kuratoren sind die frühere Stasi-Beauftragte, Marianne Birthler, und das Berliner Büro Graft mit den Architekten Lars Krückeberg, Wolfram Putz und Thomas Willemeit. Sie zeigen, was Mauern mit Räumen machen - und mit Menschen, früher und heute, in Deutschland und der Welt.

Geht man langsam in den Pavillon, steht man einen Moment vor einer dunklen, scheinbar geschlossenen Wand. Es sind 28 Stelen (für 28 Jahre mit und ohne Mauer), die sich zu einer Mauer verbinden. Eine kleine Bewegung reicht aus, und die Mauer öffnet sich. Es ist eine Metapher, mit der die Kuratoren in ihrer Ausstellung "Unbuilding Walls" klar machen, was passiert, wenn man seine Position ändert.

Wie definieren die anderen "Freespace"?

Aus den USA kommt ein Kommentar zum Konstrukt der Staatsbürgerschaft ("Dimensions of Citizenship"). Sieben Arbeiten untersuchen Wechselwirkungen zwischen Nationalität und bebauter Umgebung. Sie sind unterteilt in die Kategorien: Bürger, Bürgerschaft, Region, Nation, Globus, Netzwerk und Kosmos.

Die Bürger finden Unterschlupf im Innenhof des Pavillons. Hinter einem Vorhang aus schwarzen Zöpfen haben Amanda Williams, Andres Hernandez und Shani Crowe einen Rückzugsraum geschaffen. Er steht auf Schienen als Symbol für die Underground Railroad. Über das Netzwerk aus Verstecken und Geheimpfaden konnten damals Sklaven aus den Südstaaten fliehen.

Im Inneren hat eine Gruppe namens "Studio Gang" 800 Steine eines Anlegers in Memphis aufgebaut (Bürgerschaft). Die Stadt war Mitte des 19. Jahrhunderts ein wichtiger Hafen für Sklavenhändler. Co-Kuratorin Ann Lui geht es dabei weniger darum zu bestimmen, wie diese Orte erinnert werden sollen, sondern dass ihrer überhaupt gedacht wird.

AFP

US-Pavillon: "Dimensions of Citizenship"

Das Team aus Israel beschäftigt sich mit umstrittenen Gebäuden. Es geht allerdings nicht um die von Tel Aviv nach Jerusalem versetzte US-Botschaft. Unter dem Titel "Structures of Negotiation" (deutsch: Gebäude der Verhandlung) wird der Streit um religiöse Kultstätten im Heiligen Land thematisiert. "Der Status dieser Gebäude beeinflusst die Politik und umgekehrt", beschreibt die Pavillon-Kuratorin Tania Coen Uzzielli ihr Konzept.

Worüber wird geredet?

Für Gesprächsstoff sorgt der britische Pavillon: Die Kuratoren ließen ihn leer, bauten aber dafür eine Dachterrasse über das Gebäude. Caruso St. John und Marcus Taylor zufolge gibt es verschiedene Möglichkeiten, das Projekt "Island" (deutsch: Insel) zu interpretieren: Es stehe für Abbruch, Wiederaufbau, Isolation - und somit auch für den Brexit.

Was ist neu?

Saudi-Arabien ist eines von sechs Ländern, die zum ersten Mal an der Architekturbiennale teilnehmen. Das Königreich beschäftigt sich mit der Zersiedelung seiner vier Zentren: der politischen Hauptstadt Riad, des religiösen Herzens Mekka, der Ölförderstätte Dammam und der Hafenstadt Dschidda am Roten Meer. "Die Zersiedelung ist das Ergebnis des Ölbooms, aber die Konsequenz der Zersiedelung ist soziale Isolation", so Kuratorin Sumayah Al-Solaiman.

DPA

Eine Besucherin von zehn Kapellen auf der Insel San Giorgio Maggiore.

Mit dabei ist auch erstmals der Vatikan, der außerhalb der eigentlichen Biennale-Gelände Giardini und Arsenale auf der Insel San Giorgio Maggiore ausstellt. Dort haben zehn Kapellen von zehn unterschiedlichen Architekten aus aller Welt im Schatten der Bäume Platz gefunden.

Wer hat gewonnen?

Der Goldene Löwe geht in diesem Jahr an Schweizer Architekten. Für ihre "Svizzera 240: House Tour" im Schweizer Pavillon gestalteten Alessandro Bosshard, Li Tavor, Matthew van der Ploeg und Ani Vihervaara eine leere Wohnung. Damit thematisieren sie Standards wie jene 240 Zentimeter, die als optimale Höhe für Wohnräume gelten. Umso weiter die Besucher in den Pavillon vordringen, desto stärker verschieben sich die Maßstäbe: Türen und Mobiliar werden immer größer und lassen den Besucher so schrumpfen.

Der Goldene Löwe für sein Lebenswerk wurde dem britischen Architekten und Architekturhistoriker Kenneth Frampton überreicht.

Lena Klimkeit, dpa/AP/löw

insgesamt 1 Beitrag
Papazaca 02.06.2018
1. Eher verkopfte Konzepte! Und das breite Publikum?
Auf den den ersten Blick werden viele Vorurteile bestätigt, die eine breite Öffentlichkeit von Architektur hat: Zu verkopft und unverständlich, eher für Architekten. Statt handfeste Konzepte für dringende Probleme zu [...]
Auf den den ersten Blick werden viele Vorurteile bestätigt, die eine breite Öffentlichkeit von Architektur hat: Zu verkopft und unverständlich, eher für Architekten. Statt handfeste Konzepte für dringende Probleme zu präsentieren wie zum Beispiel gutes und preiswertes Bauen in der dritten Welt, neue Konzepte für Müllaufbereitung und Kläranlagen oder wie das Straßensystem sich bei selbstfahrenden Autos verändern könnte, werden "Elfenbeinturmprobleme"thematisiert. Richard Serra war bei dem Mauerthema zur deutschen Teilung offensichtlich Ideengeber, geklaute Ideen sind aber nie überzeugend. Und wenn wir von Mauern sprechen, sind die geplante Mauer zu Mexiko oder die israelische Mauer sicher relevanter. Ausgerechnet der Vatikan hat mit seinen 10 Kirchen interessante und nachvollziehbare Architektur präsentiert. Fazit: Die momentane Architektur macht entweder viel Geld durch Stararchitektur und Dekorateure, für den Mittelstand werden eher mittelmäßige Konzepte realisiert ((siehe Deutschland), aber die großen Probleme werden entweder zu verkopft angegangen oder gleich ganz übersehen. Eine Ausstellung eher für Architekten mit zu viel Zeit.

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