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Stil

Aufräumen für die Nachwelt

Die neue Wegwerfgesellschaft

Die Schwedin Margareta Magnusson hat ein Buch übers Ausmisten vor dem Tod geschrieben. Dabei geht es ihr um die, die zurückbleiben. "Je weniger Zeug man hat, desto mehr Zeit bleibt fürs Leben", sagt sie.

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Das kann doch weg!

Von
Samstag, 14.04.2018   13:29 Uhr

Sie hat viele Plüschtiere, viele Bücher, viel Kleinkram. Nein, minimalistisch leer ist die Wohnung von Margareta Magnusson wirklich nicht. "Ich bin kein gutes Vorbild für das, was ich in meinem Buch rate", gibt sie am Telefon zu. "Aber es wird so langsam. Auch ich habe Schwierigkeiten, loszulassen."

"Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen" heißt dieses Buch auf Deutsch. Das schwedische Original wird da deutlicher: "döstädning" steht da, lose übersetzbar mit "Aufräumen vor dem Tod". Margareta Magnusson, Künstlerin, ist irgendwas zwischen 80 und 100 Jahre alt, genauer wird sie nicht.

Höchste Zeit also. Nur: Ums Sterben gehe es ihr nicht, sagt Magnusson irgendwann etwas genervt, sondern ums Leben. "Nehmt den Tod doch nicht so ernst", sagt sie. "Wir sind hier für eine Zeit, dann nicht mehr. So ist das eben." Und damit solle man sorgsam umgehen: "Je weniger Zeug man hat, desto mehr Zeit bleibt fürs Leben." Eben statt sie fürs Aufräumen zu verpulvern, fürs Entstauben, Putzen, Reparieren der Dinge, mit denen wir uns umgeben. "Wir alle haben zu viel angehäuft. Niemand braucht 12 Käseschneider!", sie klingt, als ermatte sie dieser Gedanke.

Magnussons Ansatz ist teils ernste Konsumkritik, netterweise auch an sich selbst gerichtet, teils eine Rüge gegen Gedankenlosigkeit, um mehr Verantwortung zu übernehmen - für Mitmenschen und die folgenden Generationen. "Warum sollen meine Kinder ihre kostbare Zeit dafür verschwenden, sich mit meinem Kram zu befassen?", so ihre rhetorische Frage. "Mit Dingen, von denen ich nicht mal mehr wusste, dass ich sie habe?" Sie spricht nicht einmal von "Besitztümern", sie sagt: "Krempel, Krempel und noch mehr Krempel".

Das Bedürfnis nach klaren Verhältnissen scheint drängend

Es ist derzeit, als ob sich der gesättigte Teil der Wegwerfgesellschaft neu erfindet: ausmisten, verzichten, überhaupt: Besitz beschwert. Eine Haltung, die man sich erst einmal leisten können muss. Was mit den internationalen Ratgeberbestsellern der Japanerin Marie Kondo anfing, deren Aufräummethode ("Nur behalten, was glücklich macht!") im Englischen unter "kondo-ing" längst zum Alltagsbegriff wurde, ging weiter mit Fumio Sasakis "Das kann doch weg!" über ein Leben mit drei Hemden und 147 weiteren Dingen auf 20 Quadratmetern, in Japan ein Bestseller, gerade auf Deutsch erschienen - und nun kommt der etwas geerdetere schwedische Ansatz mit Margareta Magnussons "döstädning" dazu.

Als müssten die Menschen dem weltpolitischen Chaos zwischen USA, Russland, Syrien, China und Nordkorea wie auch der - zumindest empfundenen - gesellschaftlichen Unübersichtlichkeit in Deutschland etwas entgegensetzen: indem sie im Privaten Ordnung schaffen.

Alexander Mahmoud

Margareta Magnusson

Wie drängend das Bedürfnis nach klaren Verhältnissen scheint, suggerieren auch die Neuerscheinungslisten dieser Wochen. Egal ob in der eigenen Wohnung mit Titeln wie "Besser aufräumen, freier leben", dem "Guide für einen minimalistischen Lebensstil", "Speed-Cleaning: Schneller putzen, mehr leben", Spirituelles wie "Minimalismus: Der neue Leicht-Sinn" oder "Wie wir mit ungesunden Gefühlen aufräumen" bis hin zu Ratgeberstapeln über "finanziellen Minimalismus".

Margereta Magnussons Buch hat etwas von der Plauderei einer älteren Dame bei Kaffee und Kuchen. Eine, die einem mal kurz die Perspektive zurechtrückt, ohne grantig zu werden. Ihre Ratschläge gleichen daher weniger einem knöchernen Selbsthilfebuch, in dem 25 Tipps - mit Ausrufezeichen! - verteilt werden, um in sieben Tagen - Ausrufezeichen! - ein besseres Leben zu führen!

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Margareta Magnusson:
Frau Magnussons Kunst, die letzten Dinge des Lebens zu ordnen

Übersetzung: Rita Seuß

S. Fischer, 160 Seiten, 18,- Euro (gebunden)

Sie erzählt, dass sie alle Kochbücher entsorgt hat und nur noch jenes mit den eigens gesammelten Rezepten aufbewahrt. Dass sie eine Schachtel beschriftet hat mit "Bitte wegwerfen!", in die sie von Notizen, Liebesbriefen und zuletzt einem Stein, den sie mit jemandem am Strand fand, alles legt, was ihr am Herzen liegt - und die ihre Kinder bitte sofort in den Müll kippen sollen. Dass sie beim Aussortieren, wenn sie denn vor lauter Bücherschreiben dazu kommt, über ihre Dinge und damit auch über ihr Leben nachdenkt und sich auf die schönen Dinge konzentriert. Dass sie Tische und Teller gerne verschenkt, indem sie die Geschichten rund um diesen Gegenstand mitverschenkt, damit diese Erinnerungen weiterleben. Und, wie das bei älteren Damen so ist, wiederholt Magnusson sich dabei manchmal auch. Sei's drum. Denn was sie von all den anderen unterscheidet, die das Ausmisten predigen: Es geht ihr nicht nur um sich selbst - sie denkt an die, die zurückbleiben. Und deren Lebenszeit.

"Viele haben Angst vor dem Tod. Das ist traurig. Wir alle sollten es eines Tages schaffen, uns damit auseinanderzusetzen", findet Magnusson. Man könne ja anfangen, über döstädning zu reden, schlägt sie vor, "das ist nicht so schwer". Es gehe ja schließlich meist nicht um Existentielles. Nur um elf überflüssige Käseschneider.

insgesamt 17 Beiträge
gandhiforever 14.04.2018
1. Aufraeumen
Ich stimme Frau Magnusson zu. Jeder Senior, der dazu physisch in der Lage ist, sollte das Aufraeumen nicht einfach vor sich her schieben. Was mir gefaellt, muss noch lange nicht meinen Kindern/Enkeln gefallen. Auch ich [...]
Ich stimme Frau Magnusson zu. Jeder Senior, der dazu physisch in der Lage ist, sollte das Aufraeumen nicht einfach vor sich her schieben. Was mir gefaellt, muss noch lange nicht meinen Kindern/Enkeln gefallen. Auch ich besitze Buecher, die ich seit Jahrzehnten nicht mehr aufgeschlagen habe, Kleidungsstuecke, die nur im Schrank haengen, etc. Es ist eine Zumutung fuer die Verwandten, nicht rechtzeitig auszumisten. Zeit dazu sollte jeder fitte Senoir nicht nur haben, sondern sich auch nehmen. Sich ist es interessanter, zu reisen oder ins Konzert zu gehen, neue Sachen zu kaufen,... Es zeugt aber auch von Achtung fuer die eigene Familie, den Hausrat bei Zeiten auf ein uebersichtliches Mass zu reduzieren. Es ist ja auch nicht verboten, in der Familie herumzufragen, woran wer eventuell interessiert ist.
rainerwäscher 14.04.2018
2. Hab das gerade erst hinter mir
Wenn man sich nicht für die Hinterlassenschaft der Eltern interessiert, ist es eigentlich ganz einfach. Man gibt den Wohnungsschlüssel einem professionellen Wohnungsauflöser und wenige Tage später ist die Wohnung leer. Kostet [...]
Wenn man sich nicht für die Hinterlassenschaft der Eltern interessiert, ist es eigentlich ganz einfach. Man gibt den Wohnungsschlüssel einem professionellen Wohnungsauflöser und wenige Tage später ist die Wohnung leer. Kostet halt ein paar hundert Euro.
Fackus 14.04.2018
3. bin grade dabei ...
zwar gebe ich mir schon noch einige Jährchen .. aber ohne Kinder/Erben sollte man drüber nachdenken, was man hat und braucht. Und wenn man streng ist, dann ist das nicht sehr viel. Umzugbedingt liegt das meiste meiner Sachen [...]
zwar gebe ich mir schon noch einige Jährchen .. aber ohne Kinder/Erben sollte man drüber nachdenken, was man hat und braucht. Und wenn man streng ist, dann ist das nicht sehr viel. Umzugbedingt liegt das meiste meiner Sachen seit über 2 Jahren eingelagert. Und ich habe davon praktisch nichts vermisst. Kann also weitgehend entsorgt werden. Arme Schweine sind die, die ständig dem Konsumterror erliegen und glauben, Amok-kaufen zu müssen. Die verdaddeln ihr Leben (schliesslich muss der Kram ja erarbeitet werden) und haben letzlich sowieso keine Zeit mehr, all das gekaufte Zeugs zu nutzen.
dasfred 14.04.2018
4. Meist ist ja ein Umzug die passende Gelegenheit
Ich habe aber selbst gerade eine große Entrümpelung hinter mir. Angefangen beim Kleiderschrank, doppelte und dreifache Haushaltsgeräte, Werkzeuge, die man nie braucht, Dekozeugs, dass nur noch die Schränke verstopft und, und, [...]
Ich habe aber selbst gerade eine große Entrümpelung hinter mir. Angefangen beim Kleiderschrank, doppelte und dreifache Haushaltsgeräte, Werkzeuge, die man nie braucht, Dekozeugs, dass nur noch die Schränke verstopft und, und, und. Meine Wohnung wurde von Tag zu Tag heller, größer und luftiger. Nur die elende Schlepperrei vier Etagen runter hat mich ewig davon abgehalten. Ich habe nur für mich, nicht die Nachkommen aufgeräumt, aber es hat sich gelohnt. Die wichtigen Dinge haben wieder einen eigenen Platz und der Rest ist aus meinem Leben verschwunden.
fundador 14.04.2018
5. Durch das sinkende Rentenniveau und die steigenden Mieten
löst sich das Problem früher oder später von selbst, weil die Wohnung mit steigendem Alter immer kleiner werden muss...
löst sich das Problem früher oder später von selbst, weil die Wohnung mit steigendem Alter immer kleiner werden muss...
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