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Futuristische Ernährungskonzepte

"Larven sind das neue Superfood"

Eine Ausstellung in Berlin sucht nach Antworten auf Nahrungsmittelknappheit und gibt einen Ausblick auf unseren zukünftigen Speiseplan. 3D-Drucker und Insekten spielen darin eine große Rolle.

Maurizio Montalti
Von Isabel Metzger
Mittwoch, 23.05.2018   20:20 Uhr

Fliegen, Maden und andere Krabbeltiere galten im deutschen Restaurantbetrieb noch bis vor Kurzem als kulinarisches No-Go. Insekten essen - unvorstellbar und streng verboten. Doch mit Inkrafttreten der neuen Novel-Food-Verordnung Anfang des Jahres wurde der Lebensmittelhandel mit Insekten in EU-Ländern legalisiert. Die Tiere dürfen nun - ganz oder gestückelt - in den Supermarktregalen liegen.

Seit April gibt es bei Rewe Insekten-Burger zu kaufen: aus nachhaltig gezüchteten Buffalowürmern, "zu 100 Prozent frei von künstlichen Zusatzstoffen". Der Metro-Konzern testet den Verkauf von Nudeln aus Mehlwurm-Mehl. Beigemengt sind zehn Prozent gefriergetrocknete und gemahlene Käferlarven.

Laut der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen essen bereits zwei Milliarden Menschen weltweit Insekten, vor allem in Asien, Lateinamerika und Afrika. Auf deutschen Speisekarten sind Gliederfüßer bislang aber eine seltene Spezies. Die Fliege im Suppenteller ist hier immer noch nur der totgekochte Beweis hygienischer Nachlässigkeit. Doch Food Designer beschäftigen sich längst mit Serviervorschlägen und überlegen, wie uns Insekten schmackhaft gemacht werden könnten.

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Eine Vorstellung davon, gibt die "Food Revolution 5.0" im Berliner Kunstgewerbemuseum. In der Ausstellung präsentieren 40 Nahrungstüftler ihre Ideen zum Essen der Zukunft.

"Klimawandel, Ressourcenknappheit und Hunger machen neue Ideen für die Nahrungsmittelproduktion dringend notwendig", sagt die Kuratorin Claudia Banz.

Viele der Ausstellungsstücke sind daher mehr Gedankenspiele - so etwa die symbiotische "Algenmaske" der beiden britischen Designer Michael Burton und Michiko Nitta: Durch den menschlichen Atem werden Algen mit Kohlenmonoxid versorgt, die Algen wachsen dem Konsumenten als Nahrung praktisch in den Mund.

"Larven sind das neue Superfood"

Andere Projekte sind längst in der Umsetzung. Besonders zu massenhaftem Fleischkonsum müssen Alternativen her. Insekten, so die Prognose, stehen auf dem Speiseplan der Zukunft ganz oben. Sie sind eine gesunde und klimafreundliche Nahrung, fettarm und proteinreich. Sie können ein gleichwertiger Ersatz zu Rind, Schwein oder Hähnchen sein, durch Omega-3-Fettsäuren sogar für Fisch.

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"Larven sind das neue Superfood", sagt Designerin Carolin Schulze. Anspruchslose Eiweißlieferanten, die sich platzsparend per Einmachglas in der dunklen Speisekammer mästen lassen. "Ich habe mich deshalb gefragt, wie man sie in appetitlichere Form bringen kann." Ihre Antwort kommt aus einem 3D-Drucker: modellierte Larvenpaste, die sie klugerweise "Falscher Hase - Bug's Bunny" (nach dem englischen Wort für Käfer: bug) nennt.

20 Euro für 100 Gramm Würmer

Die Zutaten kauft Schulze über das Internet. Für 80 Gramm Larven zahlt sie rund fünf Euro. So viel wie für ein vernünftiges Steak. Für ein 100-Gramm-Päckchen gefriergetrockneter Buffalowürmer werden es auch mal 20 Euro.

Ein falscher Hase braucht 25 Minuten. "Würde man weniger Zeit investieren, könnte man mit dem 3D-Drucker nicht so detaillierte Oberflächen drucken", sagt Schulze. Damit ist sie natürlich noch weit entfernt von der Massenversorgung. Dass sie effizient und umweltschonend gelingt, gehört zu den drängendsten Problemen der Nahrungsmittelproduktion.

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Das Zubereitungsverfahren mag noch nicht ideal sein, doch die Zutaten sind es: Insekten lassen sich leicht züchten und brauchen wenig Platz. Für die Herstellung von einem Kilo proteinreicher Grillen brauchen Züchter nur ein Fünftel des Futters, das bei der Produktion von einem Kilo Rindfleisch benötigt wird. Der Wasserverbrauch sinkt sogar um den Faktor 1000. Giftiges Methangas wird auch kaum in die Luft abgelassen.

Wenn Hanan Alkouh sein Fleisch macht, entsteht auch wenig Treibhausgas. Er hat es auf einer Schlachtbank im Berliner Kunstgewerbemuseum drapiert. Doch was aussieht wie eine Schinkenkeule und Salamiwurst ist aus Dulsen-Algen gepresst. Die Speisealge hat ein mildes und würziges Aroma und ist einfach zu verarbeiten. Ihre rote Farbe lässt die Stücke aussehen wie Fleisch. Gebraten erinnert ihr Geschmack an Speck. Um die Imitate perfekt zu machen, gibt Alkouh seinen Produkten auch Sehnen und Knochen.

VR-Brillen für Hühner

Austin Stewart sucht nicht nach neuer Nahrung. Der amerikanische Künstler überlegt, wie in Massen gehaltene Nahrungslieferanten weniger leiden müssten. Seine Idee: ein Virtual-Reality-Headset für Hühner. Die Brille soll den Tiere grüne Landschaft vorgaukeln, wo Mastställe und Legebatterien sind.

Mit Projekten wie dem von Stewart ist die Ausstellung wieder beim Konsumenten. Auf den kommt es schließlich an. "Die Revolution fängt zu Hause an", sagt die Kuratorin Claudia Banz. "Und damit beim Einkaufen und dem eigenen Herd."


Das Kunstgewerbemuseum Berlin zeigt "Food Revolution 5.0 - Gestaltung für die Gesellschaft von morgen" noch bis zum 30. September 2018.

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