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Jungwein aus Frankreich

Primeur, aber nicht immer prima

Der Beaujolais Nouveau ist da. In Frankreich wird der Verkaufsstart des Jungweins noch immer gefeiert. In Deutschland ist der Hype vorbei. Dabei es gibt aus dem Beaujolais leckere Alternativen.

AP
Von Gerald Franz
Sonntag, 19.11.2017   08:08 Uhr

Seit Donnerstag wird der 2017er Beaujolais Nouveau verkauft. Der auch als Beaujolais Primeur bekannte Rotwein kommt seit 1985 traditionell am dritten Donnerstag im November in den Handel. Nicht nur in Frankreich, sondern weltweit. Die Idee stammt von den Winzern aus dem Beaujolais, das weinrechtlich zum Burgund gehört. In den Fünfzigerjahren erstritten sie sich eine Ausnahme vom französischen Weinrecht. Sie waren die ersten, die Wein schon im Jahr seiner Herstellung verkaufen durften. Bis vor einigen Jahren war der Verkaufsstart ein großes Ding. Doch das Image hat stark gelitten.

"Früher haben wir an dem Tag im Laden Musette-Musik gespielt, die Gäste haben bis fünf Uhr morgens gesungen und gefeiert", erinnert sich Karl-Heinz Lohrey, der in Frankfurt und Offenbach die Weinhandlung Lohrey führt. Und heute? "Wir führen keinen Beaujolais Nouveau mehr", sagt er. Seit zehn Jahren sei Schluss damit. Denn fast genauso alt wie die Marketingidee für den hellroten Jungwein ist die Kritik am Primeur. Es fehle an der nötigen Zeit und Sorgfalt in Weinberg und Keller, der Wein sei zu jung und unausgewogen, schmecke häufig zu vordergründig nach Banane oder Tabak, habe kaum Gerbstoffe und Körper.

In der AOC Weinhandlung im Kölner Kwartier Latäng, wie die Gegend um den Rathenauplatz in der kölschen Mundart und in Anlehnung an das Pariser Studentenviertel genannt wird, gibt es den jungen Wein noch zu kaufen. "Aber das läuft nur so nebenher", sagt Geschäftsführer Axel Gerhards. Statt 1200 Flaschen wie früher verkauft er nur noch knapp 100.

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Frankreich feiert den Primeur: À santé Beaujolais!

Was die Einzelfälle nahelegen, bestätigt auch das große Bild: Gerade einmal 6000 Hektoliter werden noch nach Deutschland ausgeführt, sagt Dominique Piron, Präsident des Verbandes Inter Beaujolais. In den Neunzigerjahren seien es 30-mal mehr gewesen.

Woher der Primeur seinen schlechten Ruf hat

Weinhändler Lohrey kann die Kritik an dem jungen Wein in einigen Punkten nachvollziehen. "Gerade weil der Erfolg so groß war, haben ein paar Beaujolais-Winzer unsauber gearbeitet, da wurde dann auch mal faules Lesegut verarbeitet." Auch sei der Histaminspiegel in extrem jungen Weinen höher und daher für Allergiker nur mit Vorsicht zu genießen. Aber die Ablehnung deutscher Winzer, die dem Primeur teils aus Verachtung, teils aus Neid seine Daseinsberechtigung als Wein hätten absprechen wollen, findet er nach wie vor überzogen. "Der Beaujolais Nouveau wurde sturmreif geschossen", lautet Lohreys drastische Erklärung dafür, dass der Hype hierzulande vorbei ist.

Auch Axel Gerhards kann dem Beaujolais Nouveau, bei dem zwischen Lese und Vermarktung noch nicht einmal drei Monate liegen, durchaus etwas abgewinnen: "Er ist jung, frisch, unkompliziert." Dazu trage die häufig angewandte Kohlensäuremischung bei. Bei dieser Methode werden die Trauben erst unter Luftabschluss zu einer intrazellulären Gärung gezwungen, die Weine werden fruchtiger und enthalten weniger Gerbstoff. "Das ist kein besonders tiefgründiger Wein, aber das hat eben auch seinen Platz", findet der alteingesessene Händler.

Alternativen zum Primeur

Dass im Beaujolais auf drei qualitativ aufsteigenden Herkunftsbezeichnungen - Beaujolais, Beaujolais Villages und den zehn Cru-Appellationen - auch durchaus ernsthafte Rotweine gekeltert werden, gerät angesichts von Aufstieg und Fall des Primeurs häufig in Vergessenheit. Auf 23.000 Hektar wird fast ausschließlich die Rebsorte Gamay angebaut, die sehr gute Ergebnisse liefern kann, wenn man die Erträge reduziert. Gerade die Gewächse aus den Cru-Appellationen im Nordwesten, die klangvolle Namen wie Fleurie, Moulin à Vent oder Morgon tragen, bestechen durch alte Reben, granithaltige Böden, Handlese und Selektion der Trauben.

Viele dieser Weine weisen Noten von roten Früchten, insbesondere Sauerkirschen, auf sowie Kräuterwürze. Sie kommen kräftig daher, ohne dabei an Frische einzubüßen, der Holzfassausbau dient mehr der Struktur als der Aromatik. Eigentlich ein Weinstil, der mehr und mehr im Kommen ist. Komischerweise wird aber kaum dafür geworben. Er habe lange keine Werbeaktion aus der Region mehr wahrgenommen, sagt Weinhändler Lohrey. "Wenn ich den Rotwein aus der Cru-Appellation Fleurie nicht aktiv anbiete, kauft ihn auch niemand."

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Dominique Piron, dessen Verband die Vermarktung der Weine des gesamten Gebiets zur Aufgabe hat, sagt: "Die Strategie, diese Weine in Deutschland bekannter zu machen, ist in der Diskussion." Soll also heißen, es gibt keine. Vielleicht ist das Leiden einfach noch nicht groß genug. Bei aller Einsicht in den Imageschaden, den der eventgetriebene Beaujolais Nouveau vielerorts angerichtet hat, will man auf ihn bei weltweit immer noch 25 Millionen verkaufter Flaschen eben auch nicht verzichten.

Es gab Zeiten, da lagen die Weine aus dem Beaujolais mit Konkurrenten aus Burgund und Bordeaux in Ansehen und Preis gleichauf. Heutzutage kenne jeder den Namen des Anbaugebietes, betont Weinvermarkter Piron. Dennoch scheint der Wert der Marke fraglich. Etliche Qualitätswinzer aus der Region sind bereits dazu übergegangen, das Wort Beaujolais auf ihrem Etikett zu vermeiden. Schade eigentlich.


Wein ist immer verflochten mit Menschen und ihren Geschichten. Einige davon zu erzählen, hat sich der Autor zur Aufgabe gemacht. Nachzulesen auf seinem Blog Weinsprech.

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