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Stil

Berlin Fashion Week

Candyland in Mitte

Die erste Juliwoche ist Fashion Week in der Hauptstadt. Bei rund 200 Modenschauen zeigten Designer und Labels ihre Ideen für 2019. Ein Überblick, was Berlins Modewoche für den nächsten Sommer verspricht.

DPA

Show von Marc Cain

Samstag, 07.07.2018   17:30 Uhr

In Paris wird Eleganz zelebriert. In Berlin geht es auf der Modewoche eher bunt zu. Bei rund 200 Schauen und Events zeigten renommierte Marken und aufstrebende Designer ihre neuesten Kollektionen.

Gemeinsam hecheln und fächeln war bei Marina Hoermanseder angesagt. Die Österreicherin präsentierte bei hochsommerlichen Temperaturen eine farbenfrohe Kollektion. Die Regenbogenkur tut den Entwürfen gut. In Pastelltönen oder schillernder Optik sehen die Outfits weniger nach Domina im Stützkorsett aus. "Mal nicht nur Orthopädie, sondern einfach bloß Spaß haben", sagte dann auch die Erfinderin nach der Show über ihre Inspiration für die 29 Looks. Spaß hatten auch Hoermanseders Gäste, für die eigens ein Riesenrad und ein Popcornstand aufgefahren wurden. Candyland in Mitte.

Nach einem abgespeckten Programm im Januar nutzten diesmal 16 Labels den kostenpflichtigen Auftritt im E-Werk, dem neuen Veranstaltungsort. Mit dabei waren außer Marina Hoermanseder bekannte Namen wie Guido Maria Kretschmer ("Shopping Queen"), Lena Hoschek oder Irene Luft und Marken wie Riani, Sportalm Kitzbühel (standesgemäß vorgeführt mit Schuhplattler-Einlage auf dem Laufsteg) und Maison Common.

Für die Herrenmode ist in diesem Forum Ivan Mandzukic zuständig. Der Ivanman-Designer ließ sich diesmal vom Treiben an der New Yorker Börse inspirieren. Sportswearelemente brechen den Businesslook seiner Kollektion auf. Die Sakkos haben Mesh-Einsätze am Rücken. Farblich geht es gewohnt auffallend zu. Für 2019 kontrastiert Mandzukic mit Gelb, Rot und Blau, Mint unterstreicht er mit Schwarz. Gemustert wird mit Hahnentritt.

Sämtlichen Teilen hat Mandzukic Aufnäher mit einer Produktbezeichnung verpasst. Die Schilder mit "Sakko" oder "Rucksack" erinnern an Virgil Ablohs ironischen Designansatz für Off-White. Das lässt den Schluss zu, dass wohl nicht nur die Wallstreet Vorbild war. Die Bauchtaschen dagegen hat man in der Form noch nicht gesehen. Bunt und rechteckig sitzen sie nun an der Hüfte des Ivanman.

Kein Novum, aber ein Comeback war der Auftritt von Hugo Boss. Das schwäbische Schwergewicht wollte im Motorwerk Berlin einen hedonistischen Rave wie in den Neunzigern wiederaufleben lassen, um die Herren- und Damenmode seiner jüngeren Linie "Hugo" zu präsentieren.

"Wo ist das Koks?"

Anders als das hochkarätige Line-up vermuten ließ - neben Rapper Wiz Kalifa sorgten die Djs Marcel Dettmann, Ellen Allien und DJ Hell für die Beschallung - wurde es aber dann doch nicht so heftig wie zu Nach-Mauerfall-Zeiten. Vielleicht rief deshalb eine Dame auf der Aftershow-Party mehrmals lauthals in die Runde: "Where is the cocaine?"

Koks gab es zwar keins, aber dafür Riesen-Currywürste, Pommes - und eine trendige Kollektion: ein teilweise neonfarbener Materialmix, "inspiriert von jungen Kreativen, die mit ihrem Style experimentieren und Einflüsse aus unterschiedlichen Dekaden mischen", so die Pressemappe. In Stoff übersetzt sind das weite Hosen und kastige Sakkos, Jacken im Outdoorstil und mit flatternden Bändchen, dazu klobige Sneaker oder Stöckelschuhe mit extravaganten Absätzen. Alles nicht ganz neu, aber durchaus brauchbar für ein Label, das schon mal gefragter war.

Neben kommerziellen Veranstaltungen gab es in diesem Jahr auch wieder eine Plattform für Themen wie Gleichberechtigung und Nachhaltigkeit. Im Greenshowroom wurde umweltbewusste Mode ausgestellt. Bei einer Podiumsdiskussion ging es um "Female Empowerment in Fashion". Weibliche Spitzenkräfte sind in dieser Branche schließlich nur auf dem Laufsteg ausreichend vertreten.

Eine, die es ganz nach oben geschafft hat, ist Christiane Arp. Die Chefin der deutschen "Vogue" zeigte mit dem Branchenverband Fashion Council Germany erneut Mode made in Deutschland und vielversprechende Nachwuchstalente. Beim Berliner Salon im Kronprinzenpalais an der Prachtstraße Unter den Linden stellten dieses Mal Designer wie Talbot Runhof, Odeeh, Steinrohner, Horror Vacui und William Fan ihre Entwürfe vor.

Der Fashion Council war es auch, der zum Ende der Modewoche noch französisches Flair besorgte. Unter Kronleuchterglanz zeigte der aus Deutschland stammende Pariser Modeliebling Lutz Huelle in der Halle am Berghain ein Best-of seiner beiden vergangenen Kollektionen: Tulpenärmel und Puffröcke inspiriert von der Couture der Fünfzigerjahre; Denim gepaart mit Spitze, Gold und Silber; oder das Dressed-to-kill-Programm mit schwarzem, goldbesticktem Rock, T-Shirt und Lederhandschuhen.

Normalerweise schickt Huelle seine Models in Paris über den Laufsteg, aber die Einladung in die Hauptstadt wollte er sich nicht entgehen lassen, denn: "Bei dieser Kollektion ging es immer darum, keine Grenzen zu haben und offen für die Welt zu sein, ganz wie Berlin." Vielleicht kurbelt die Show im Berghain ja auch sein Deutschlandgeschäft an. Zu wünschen wäre es ihm.

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