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Stil

Berlin Fashion Week

Weniger Chichi, mehr Couture

Eine Lobbygruppe um "Vogue"-Chefin Christiane Arp versucht, der Fashion Week mehr Relevanz zu verleihen und den Modestandort Deutschland zu stärken. Der Clou: Es könnte klappen.

Getty Images/ Andreas Rentz/ Der Berliner Salon
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Samstag, 20.01.2018   20:54 Uhr

Damir Doma ist ein Glücksfall für die Berliner Fashion Week. Ein erfolgreicher Designer mit internationaler Strahlkraft. Normalerweise zeigt er in Paris oder Mailand. Nach seiner Ausbildung in Deutschland ging er direkt ins Ausland, zuerst nach Antwerpen, wo er in den Ateliers von Dirk Schönberger und Raf Simons sein Handwerk verfeinerte. Danach zog er weiter nach Paris. Bereits seine erste eigene Kollektion bringt den Durchbruch. Die Fachwelt feiert seine androgynen Entwürfe, die Chambres Syndicales nimmt ihn in den Schauenplan der Pariser Fashion Week auf, sein Ritterschlag.

"In Deutschland gab es keine Designer, zu denen ich hätte aufschauen können", sagt Doma, "und kein System, das mich hätte stützen können". In Frankreich findet er die Netzwerke, die er für seine Arbeit braucht: Showrooms, internationale Fachpresse und Top-Einkäufer. Das "Fashionsystem" nennt es der 36-Jährige.

Damir Domian ist ein Talent, das Deutschland hat ziehen lassen. Inzwischen hat seine Firma ihren Sitz in Mailand, weil er enger mit den Produzenten seiner Stoffe zusammenarbeiten wollte, aber auch weil Mode hier - ebenso wie in Frankreich - einen höheren Stellenwert genießt. Das hat historische Gründe. Die Textilindustrie war in diesen Ländern schon immer ein bedeutender Wirtschaftszweig, was sich bis heute im Standortmarketing niederschlägt. Seit drei Jahren wird die Mailänder Modewoche vom Ministerpräsidenten eröffnet. Angela Merkel auf der Fashion Week? Für Doma ist das "unvorstellbar".

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William Fan und Marina Hoermanseder: Asia-Extravaganza und Fashion-Amazonen

Es wäre falsch zu behaupten, die Politik kümmere sich nicht. Der Berliner Senat unterstützt die Modebranche seit 2007 mit einem jährlichen Budget von bis zu einer Million Euro, wovon 2016 allein rund 300.000 in die Nachwuchsförderung flossen. Von dem Geld werden unter anderem Modenschauen im Rahmen der Gruppenausstellung des Berliner Salons finanziert. Die Ergebnisse ließ sich Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries am vergangenen Dienstag vorführen. Außerdem gibt es ein Mentoring-Programm in Kooperation mit dem Fashion Council Germany (FCG), ein 2015 nach dem Vorbild des British Fashion Council gegründeter Lobbyverein für Mode made in Germany.

In Deutschland fehle noch die Infrastruktur, damit junge Designer Karriere machen könnten, findet Christiane Arp. Als Chefredakteurin der deutschen "Vogue" und Präsidentin des FCG ist sie wohl eine der wichtigsten und einflussreichsten Personen in der deutschen Modebranche. Ihr Ziel ist es, Talente zu binden. Sie sieht zwar auch kritisch, dass es hierzulande so viele Modeschulen gibt - allein zehn sind es in Berlin. Von den entsprechend vielen Absolventen habe sicher nicht jeder das Zeug dazu, als eigenständiger Designer Fuß zu fassen. "Doch viele von den wirklich Kreativen gehen direkt ins Ausland an eine der renommierten Hochschulen und bleiben da, einfach weil sie dann in dem System drin sind."

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Berlin Fashion Week: Mode-Marathon in der Hauptstadt

Arp glaubt, ein Land wie Deutschland könne sich das auf Dauer nicht leisten - aus kultureller wie aus wirtschaftlicher Perspektive. Deshalb hat sie 2015 das FCG mitgegründet - zusammen mit Branchenkennern, PR-Profis, Agenturleuten und Eventmanagern. Der Verein berät junge Modemacher und bietet ausgewählten Designern mit dem "Berliner Salon" eine Plattform, um ihre Entwürfe zu zeigen. Das meiste davon ist besser und innovativer als vieles, was man in den Jahren zuvor in der Hauptstadt gesehen hatte. Für Arp und ihre Mitstreiter aus dem Fashion Council ist wichtig, "dass jemand eine eigene Sprache hat, sich die Mode weiterentwickelt".

"Das Ausland hat Berlin nicht auf dem Schirm"

William Fan ist so jemand. Der Berliner Designer ist - neben Marina Hoermanseder und Nobi Talai - seit einem Jahr im Mentorenprogramm des FCG und mit seinem eigenwilligen Mix aus Workwear und feiner Abendgarderobe durchaus erfolgreich. Im Gegensatz zu vielen anderen Modemarken verkauft er seine Kollektionen "zu 100 Prozent in Deutschland". Neben wichtigen Kontakten und betriebswirtschaftlichem Knowhow biete ihm das Coaching vor allem "eine mentale Stütze". Anders als Damir Doma hat er nicht das Gefühl, an diesem wichtigen Punkt seiner Laufbahn allein zu sein. Er findet: "Es ist gar nicht schwer, als Designer in Deutschland Karriere zu machen."

Sollte ihm Deutschland allerdings irgendwann zu klein sein, dann wird er es von Berlin aus schwer haben. "Es gibt keine Wahrnehmung, das ist überhaupt nicht auf dem Schirm", sagt Damir Doma über den Stellenwert der Berliner Fashion Week im Ausland. Deshalb kämen die meisten Designer auch nicht über den lokalen Markt hinaus. "Das sind dann so Stars in Berlin." Wer mehr wolle, müsse ins Ausland. "GmbH geht jetzt nach Paris", sagt Doma mit Blick auf das Berliner Label mit dem derzeit wohl größten Potenzial. In nur acht Monaten haben es dessen Macher in die "New York Times", die "Vogue" und das Styler-Magazin "Dazed" geschafft. Die Fashion Week in ihrer Heimatstadt wäre für sie vermutlich nur Zeitverschwendung.

Das bedeutet aber nicht, dass die gesamte Veranstaltung Zeitverschwendung ist. Es gibt sehr wohl tolle Mode zu sehen in Berlin. Aufstrebende Talente wie der FCG-Nachwuchs, unabhängige Modemacher wie Nuong Dhong, Working Title oder schon etablierte Label wie Hien Le, lala Berlin, Isabel Vollrath, Anna Heinrichs, Perret Schaad und Odeeh gehören sicher mit zum Besten, was die deutsche Modelandschaft zu bieten hat - die Verkaufszahlen von Guido Maria Kretschmer oder Harald Glööckler einmal außer Acht gelassen. Außerdem waren mit Marc Cain, Strenesse und Bogner drei Global Player dabei, so etwas freut die Veranstalter.

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Berlin Fashion Week: Die schönsten Looks von Tag zwei und drei 

Doch noch vor einigen Jahren wäre ein wie William Fan vermutlich untergegangen in dem Durcheinander aus zu vielen Schauen und C-Promi-Events, für die das Kürzel MBFW zuletzt hauptsächlich stand. Dass es so nicht weitergehen konnte, hat auch Mercedes Benz (daher das MB in MBFW) erkannt. Im Juni 2017 gab der Großsponsor bekannt, seinen Vertrag mit dem bisherigen Veranstalter, der amerikanischen Vermarktungsagentur IMG, nicht zu verlängern. Modenschauen in Zelten am Brandenburger Tor oder, noch schlimmer, am Erika-Hess-Eisstadion gehören damit der Vergangenheit an.

Stattdessen gab es in diesem Jahr Shows in U-Bahnstationen (Marc Cain), in Asia-Restaurants (William Fan), in Museen (Strenesse), im Adlon (Anja Gockel) oder eben im Berghain (Damir Doma). Das sind vielleicht ein paar Nebenschauplätze zu viel, immerhin gibt es mit dem Kronprinzen Palais (Berliner Salon) und dem E-Werk bereits zwei zentrale Anlaufstellen. Doch alles ist besser als das planlose Event-Gehopse der vergangenen Jahre. Für den FCG ist die Neuausrichtung der Fashion Week eine Chance. Der Verein war schon in den vergangenen Jahren stilprägend und gewinnt nun deutlich an Einfluss.

Berlin soll Berlin sein

Ansonsten wäre jemand vom Kaliber eines Damir Doma niemals nach Berlin gekommen, um seine Mode zu zeigen. Doma glaubt zwar vor allem an sein Produkt und ist der Meinung, "wenn der Content stimmt, ist die Plattform egal". Doch nach Berlin zu kommen, wäre für ihn vor ein paar Jahren noch völlig undenkbar gewesen. Dabei mag er die Stadt eigentlich, er hat hier eine Zeitlang studiert, hat nach wie vor Freunde dort. Er erinnert sich gerne zurück an die wilde Zeit kurz nach den Nullerjahren, viele illegale Clubs, die heute da waren und morgen schon wieder weg. Berlin brauche sich nicht zu verstecken, findet er. Im Gegenteil: "Berlin muss sich breiter machen."

Der Anfang ist gemacht, wie es scheint. Wer sich in der Berliner Modeszene umhört, findet logischerweise auch kritische Stimmen. Es verwässere das Profil, wenn in der Gruppenausstellung des Berliner Salons nun gleichzeitig andere Designobjekte wie Möbel und Schmuck oder sogar edle Brände gezeigt würden, hört man dann beispielsweise. Doch irgendwo muss das Geld ja herkommen, und alles in allem sind die meisten zufrieden. Einige sind sogar der Meinung, die elfte Ausgabe sei die beste Fashion Week seit Langem gewesen.

Klar, Berlin wird nie so sein wie Paris oder Mailand. Das muss es auch gar nicht. Berlin soll Berlin sein.

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