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Stil

Architektur in der Wüste

In den Sand gesetzt

Schon in der Bibel steht: Ein vernünftiger Mensch baut sein Haus nicht auf Sand. Wie schön es sein kann, wenn Architekten mal so richtig unvernünftig sind, sehen Sie hier.

Marc Angeles/ Phaidon
Dienstag, 27.11.2018   11:21 Uhr

"... wie ein unvernünftiger Mann, der sein Haus auf Sand baute." Schon Jesus wusste um die Nachteile architektonischer Unterfangen in der Wüste - zumindest, wenn man den Überlieferungen seines Jüngers Matthäus Glauben darf. Es spricht ja auch wirklich nicht viel dafür: es fehlt ein solides Fundament, die Temperaturen sind lebensfeindlich, Schatten und Wasser sind Mangelware oder müssen erst umständlich beschafft werden. Außerdem ist es meist ziemlich einsam.

Es gibt aber auch gute Gründe für das Bauen in der Wüste: Der Blick reicht weit und der Horizont scheint endlos, es ist ruhig und abgeschieden. Manchmal geht es ganz einfach nicht anders - immerhin ist ein Drittel unseres Planeten mit Sand bedeckt. 41 weitere überzeugende Argumente präsentieren die Architekturexperten von Phaidon in dem Bildband "Living in the Desert". Allesamt Belege dafür, dass widrige Umstände manchen Architekten zu Höchstleistungen anspornen.

Fotostrecke

"Living in the Desert": Spektakuläre Sandburgen

Zum Beispiel das Architektenpaar Oller & Pejic: Ihr "Black Desert House" liegt wie ein Schatten zwischen den Felsen der kalifornischen Mojavewüste, knapp zwei Autostunden von Los Angeles entfernt. Die Architekten und ihr Auftraggeber waren klug genug, gar nicht erst zu versuchen, die natürliche Architektur des Yucca-Tals zu kopieren. Statt auf Imitation setzen sie auf Kontrast. Den über Jahrtausende von Wind und Sand rund geschliffenen Felsen stellten sie einen scharfkantigen Baukörper mit nachtschwarzen Außenwänden entgegen. Sobald die Sonne untergegangen ist, entfaltet das Haus eine faszinierende Aura durch seine bodentiefen Fenster.

Architekturkunst ohne Bauplan

Das "Haus, um den Sonnenuntergang zu betrachten" wurde vollkommen ohne aufwendige Baupläne oder bodentiefe Fenster gebaut, ist aber in der Dämmerung ein nicht weniger fesselnder Ort als das "Black Desert House". Der 13 Meter hohe Turm in der Oase Aladab im Niger besticht ebenfalls durch klare geometrische Formen. Der Lehmbau gehört zum Plan des der Schweizer Künstler Not Vital, auf jedem Kontinent eine begehbare Skulptur zu bauen.

Die Bauwerke Vitals sind Kunst keine Spekulationsobjekte. Doch ähnlich wie bei klassischem Betongold gilt auch in diesem Fall der Dreiklang der Immobilienmakler rund um den Globus: Lage, Lage, Lage. Denn was 2005 im Niger noch ohne weiteres möglich war - etwa Außentreppen ohne Geländer - bereitete dem Schweizer Künstler Jahre später in seiner Heimat Schwierigkeiten in Form des Raumplanungsgesetzes.

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Alejandro Aravena:
Living in the Desert

Phaidon; 256 Seiten, 260 farbige Abbildungen, 35 Euro

"Living in the Desert" zeigt eine gelungene Auswahl spektakulärer Wüstenbauwerke in Europa, Asien und vor allem den USA, deren Westen und Südwesten zu den am dichtesten besiedelten Wüstengebieten weltweit gehören. Auf 256 Seiten entfaltet sich für den Betrachter eine sehenswerte Mischung aus Bauwerken namhafter und weniger bekannter Architekten, die alle eins beweisen: Nur weil einer sein Haus auf Sand plant, muss er das Projekt nicht gleich in den Sand gesetzt haben.

löw

insgesamt 12 Beiträge
Papazaca 27.11.2018
1. Wo kommt das ganze Wasser her?
Zum Teil wirklich schöne bis spektakuläre Architektur. Mich bewegen aber zwei andere Fragen. Wo kommt das Wasser her (Tiefbrunnen?) und sind diese Pools nicht etwas obszön in Gegenden, wo Wasser knapp ist und durch die Hitze [...]
Zum Teil wirklich schöne bis spektakuläre Architektur. Mich bewegen aber zwei andere Fragen. Wo kommt das Wasser her (Tiefbrunnen?) und sind diese Pools nicht etwas obszön in Gegenden, wo Wasser knapp ist und durch die Hitze viel Wasser verdunstet? Und ich frage ich mich bei den Glasflächen: Heizt das nicht unnötig auf und wie werden die Häuser "kühl gehalten?" Nur via Air conditioning?
ky3 27.11.2018
2. Wo ist die Ehrfurcht?
Mein Trauhaus hätte auch in einer Felswüste wie auf diesen Fotos gestanden. Nur hätte mein Haus aus Ehrfurcht vor der Schönheit dieser Landschaften kaum sichtbar sich den Gegebenheiten angepasst. Hier hingegen wird mal [...]
Mein Trauhaus hätte auch in einer Felswüste wie auf diesen Fotos gestanden. Nur hätte mein Haus aus Ehrfurcht vor der Schönheit dieser Landschaften kaum sichtbar sich den Gegebenheiten angepasst. Hier hingegen wird mal wieder rücksichtslos geklotzt. Wer es sich leisten kann, bricht seine quadratische Parkhausdenke in eine über Jahrtausende gewachsene Szenerie. Der Westwall ist dagegen organische Anmut, die Form folgt der Funktion. Ich wette, ein grossteil der Reichen die so etwas verbocken wissen nicht einmal was sie selbst als schön empfinden. So etwas erkaufen sie um lediglich zu protzen. Schon nach ein paar Jahren oder Jahrzehnten steht dann da eine Ruine. Aber vielleicht wird die wenigstens schön.
dasfred 27.11.2018
3. Als Kunstwerke gelungen
Sogar ein langes Wochenende kann ich mir in diesen Häusern vorstellen. Nur eben morgens zu Fuß Brötchen holen zieht mich wieder ins Großstadtleben zurück. Was mir sofort ins Auge stach, war allerdings die Treue zu Opas [...]
Sogar ein langes Wochenende kann ich mir in diesen Häusern vorstellen. Nur eben morgens zu Fuß Brötchen holen zieht mich wieder ins Großstadtleben zurück. Was mir sofort ins Auge stach, war allerdings die Treue zu Opas Designermöbeln. Die werden sogar in die Wüste mitgeschleppt.
hegoat 27.11.2018
4.
Naja, das sind jetzt gewöhnliche Designerhäuser, die zufälligerweise in der Wüste stehen. Warum der Wüstenstandort da jetzt als Aufmacher herausgehoben wird, weiß wohl nur der Autor.
Naja, das sind jetzt gewöhnliche Designerhäuser, die zufälligerweise in der Wüste stehen. Warum der Wüstenstandort da jetzt als Aufmacher herausgehoben wird, weiß wohl nur der Autor.
KlausP22 27.11.2018
5. Wohnen das wirklich Menschen? Trotz Schlangen usw. in der Wüste?
Ja, ein toller Ausblick über die Wüste aus wahrscheinlich sehr gut klimatisierten Gebäuden. Allerdings sind die Pools alle Draussen in der Hitze. Zudem gibt es in so einer Wüste üblicherweise nicht so angenehme reptilische [...]
Ja, ein toller Ausblick über die Wüste aus wahrscheinlich sehr gut klimatisierten Gebäuden. Allerdings sind die Pools alle Draussen in der Hitze. Zudem gibt es in so einer Wüste üblicherweise nicht so angenehme reptilische Nachbarn, die gerne die Hitze des Tages im Schatten oder unter Gebäuden verbringen. Stören die nicht, ober filzt täglich ein Kammerjäger das Gelände und schafft so ein sorgenfreies Architektenleben.

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