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Stil

Einfarbige Architektur

Wenn Bauherren rot sehen

Über Jahrtausende wurde in Rot gebaut. Heute wird die Farbe in der Architektur eher selten genutzt. Das ist schade, wie ein neuer Bildband zeigt. Er enthält leuchtende Beispiele einfarbiger Architektur.

Jose Javier Gallardo
Montag, 19.11.2018   13:28 Uhr

Früher wurde viel in Rot gebaut. Bevor Ziegelsteine nur noch ein Baustoff von vielen waren, hatten die meisten Gebäude einen rötlichen Schein. Je mehr Eisenoxid in der Erde war, desto kräftiger die Farbe des Tons. Eines der ältesten Ziegelbauwerke ist der Stufentempel zu Ehren des Mondgottes Nanna im heutigen Irak. Die Kultstätte ist ein Überbleibsel der Herrschaft des sumerischen Königs Ur-Nammu, erbaut vor mehr als 4000 Jahren.

Von Mesopotamien gelangte die Backsteintechnik dann zu den Römern. Sie verbesserten die altorientalische Bauweise durch die Verwendung von Kalkmörtel, was stabilere Gebäude ermöglichte. Im alten Pompeji strichen wohlhabende Bürger ihre Villen zusätzlich rot an. Je seltener und exklusiver die Farbbestandteile und damit der Farbton, desto besser. Rot entwickelte sich zur Farbe der Elite.

Nördlich der Alpen legte die Backsteintechnik den Grundstein für die Backsteinromantik. Vor allem im Ostseeraum, in Norddeutschland und in Dänemark kamen die roten Mauerziegel zum Vorschein. Die älteste Backsteinkirche Nordeuropas, die 1160 fertiggestellte St.-Johannis-Kirche in Oldenburg in Holstein, stammt aus dieser Zeit. Während der Gotik erstreckte sich die Backsteinarchitektur sogar bis nach England. Im 16. Jahrhundert wurde Backsteingotik dann abgelöst von der Backsteinrenaissance.

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Rote Architektur: Vielfältig einfarbig

Zwei Jahrhunderte später und Tausende Kilometer weiter östlich war Rot immer noch die Farbe der Herrschenden. Der Maharadscha Jai Singh II. ließ die Hauptstadt seines Fürstenstaates Jaipur größtenteils aus rotem Sandstein errichten. Der von seinem Nachfolger, Sawaj Pratap Singh, in Auftrag gegebene Palast der Winde ist bis heute das Wahrzeichen der indischen Stadt. Seit 1876 der Prinz von Wales zu Besuch war erstrahlt zudem das Altstadtviertel rosarot. Zu Ehren des einstigen Kolonialherren wurde es in der traditionellen Farbe der Gastlichkeit angestrichen.

Wenig später war Rot nicht mehr länger Zeichen der Aristokraten. Ab dem 19. Jahrhundert schrieben sich die Sozialisten die Farbe auf die Fahnen. "Rot ist das Tuch, das wir entrollen, klebt doch des Volkes Blut daran", lautet der Text eines polnischen Arbeiterlieds von 1881. Der Rote Platz in Moskau heißt zwar so, weil das russische Adjektiv für "schön" ursprünglich auch "rot" bedeuten konnte. (Bevor es nur noch "rot" meinte, war also vom Schönen Platz die Rede.) Die Bezeichnung passt trotzdem gut in die politische Farbenlehre.

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Stella Paul:
Red: Architecture in Monochrome

Phaidon; 224 Seiten, 35 Euro

Heute ist sichtbares Rot in der Architektur eher selten gefragt. Hierzulande findet sich die Farbe meistens bei Dachziegeln oder in Form des Rotlichtbezirks. In Schweden stehen vergleichsweise viele rote Häuser. Doch was auf Urlaubsfotos Skandinavien-Sehnsucht hervorruft, hat wenig mit Ästhetik und viel mit Konservierung zu tun: Der Fassadenanstrich - angerührt aus Nebenprodukten der Montanindustrie Öl, Mehl und Wasser - schützt das Holz vor Witterung und Schädlingen.

Bei den 150 Gebäuden in dem Bildband "Red: Architecture in Monochrome" setzten die Architekten dagegen bewusst auf die gestalterische Kraft der Farbe. Angefangen bei einem Inari-Schrein in Kyto aus dem Jahr 711 bis hin zu einem 2017 fertiggestellten Privathaus in Peru - jede Bauform ist vertreten. Bestandteil der 1306 Jahre umfassenden Bilderreise ist auch der neue Zollhof in Düsseldorf von Frank Gehry. Eingeleitet wird das Buch von einem Essay der Kunsthistorikerin Stella Paul. 156 Farbaufnahmen zeigen anschließend, wie schön es werden kann, wenn Architekten rot sehen.

löw

insgesamt 9 Beiträge
cobaea 19.11.2018
1. ganz sicher nicht "Romantik"
Zitat aus obigem Text: "Nördlich der Alpen legte die Backsteintechnik den Grundstein für die Backsteinromantik. Vor allem im Ostseeraum, in Norddeutschland und in Dänemark kamen die roten Mauerziegel zum Vorschein. Die [...]
Zitat aus obigem Text: "Nördlich der Alpen legte die Backsteintechnik den Grundstein für die Backsteinromantik. Vor allem im Ostseeraum, in Norddeutschland und in Dänemark kamen die roten Mauerziegel zum Vorschein. Die älteste Backsteinkirche Nordeuropas, die 1160 fertiggestellte St.-Johannis-Kirche in Oldenburg in Holstein, stammt aus dieser Zeit." B a c k s t e i n G O T I K - nicht -romantik. Als Romantik bezeichnet man eine Zeit von Ende des 18, bis etwa Mitte des 19. Jh., "Gotik" 12. Jh. bis 1500. Oder ist die Romanik gemeint (ohne "t" in der Wortmitte), die vor der Gotik der vorherrschende Baustil war?.
dermovi 19.11.2018
2. Besserwisser
"Backsteinromantik" im Mittelalter? Wenn schon, dann "Backsteinromanik" ohne "t". Davon abgesehen ist dieser Begriff, anders als "Backsteingotik", eher unüblich. Noch weniger gebräuchlich [...]
"Backsteinromantik" im Mittelalter? Wenn schon, dann "Backsteinromanik" ohne "t". Davon abgesehen ist dieser Begriff, anders als "Backsteingotik", eher unüblich. Noch weniger gebräuchlich ist der Begriff "Backsteinrenaissance". Eher würde man von der "niederländischen Renaissance" sprechen. Deren Einfluss reichte über Norddeutschland hinaus bis nach Dänemark, Schweden und Preußen . Und dann: "Während der Gotik erstreckte sich die Backsteinarchitektur sogar bis nach England." Was ist denn mit Bayern und Flandern? Oder Norditalien?
dwg 19.11.2018
3.
Eine gelegentliche rote Fassade ist sicherlich schön anzusehen. Allerdings bei heutiger dichter Bebauung als Nachbar einer sonnenbeschienenen roten Fassade kann man sich sämtlich farbliche Gestaltung eines Innenraumes schenken, [...]
Eine gelegentliche rote Fassade ist sicherlich schön anzusehen. Allerdings bei heutiger dichter Bebauung als Nachbar einer sonnenbeschienenen roten Fassade kann man sich sämtlich farbliche Gestaltung eines Innenraumes schenken, wenn man Wert auf Fenster und Tageslicht legt. Da ist dann einfach alles rosa bis rot.
P-Schrauber 19.11.2018
4. Bunte oder Monochrome Architektur ist nicht selten
und man muss gar nicht weit reisen, informiere man sich doch mal bei unseren Skandinavischen Nachbarn. Weil rote Häuser sind in Skandinavien insbesondere in Schweden gang und gäbe das Falunrot (siehe auch Wikipedia) war seit [...]
und man muss gar nicht weit reisen, informiere man sich doch mal bei unseren Skandinavischen Nachbarn. Weil rote Häuser sind in Skandinavien insbesondere in Schweden gang und gäbe das Falunrot (siehe auch Wikipedia) war seit 1600 und ist noch Heute sehr beleibt, es wurde bei der Gewinnung von Kupfer im schwedischen Falun gewonnen. Der Kupferabbau und damit der Abbau des Falunröd als Pigment wurde Anfang der 90'er Jahre beendet, dass hat aber nicht dazu geführt das damit weniger Häuser rot gestrichen wurden. Die Farbe wurde und wird auch in Dänemark als Schlammfarbe zum verschlämmen von Mauerwerk und Putzbauten benutzt. Insbesonderer in Schweden und Finnland werden Häuser gerne Quitschbunt gestrichen von rot über blau, gelb, grün, braun und schwarz alles außer weiß ist dabei. Die Kanten der Hausecken, Dachränder und Fenster- bzw. Türrahmen werden nur dann weiß gestrichen bzw, abgesetzt wenn es sich um bedeutende Häuser also z.B. Wohnhäuser handelt, bei Lager Häusern oder Scheunen z.B. nicht. In Dänemark und Norwegen gibt es zudem sehr viele monochromatisch schwarz gestrichene Häuser in der modernen Architektur sind insbsondere die Häuser von Tegnestue VandKunsten aus DK, zu nennen aber auch der amerikanische Architekt Steven Holl und der schweizer Architekt Zumthor haben Ihre Neubauten in Norwegen gänzlich in wie dort üblich in schwarz gebaut. Das Monochromatische lebt also frölich und ist wenn man den Horizont nur weit genug öffnet auch gar nicht so besonderes. Das letzte besondere rote Haus an das ich mich in Deutschland sehr gut erinneren kann ist die Info-Box am Potsdamer Platz in Berlin. Es musste später leider den Neubauten weichen.
si-ar 19.11.2018
5.
Mir hat am besten die verschlungene Brücke gefallen, auch, wenn sie scheinbar mit viel Treppensteigen verbunden ist.
Mir hat am besten die verschlungene Brücke gefallen, auch, wenn sie scheinbar mit viel Treppensteigen verbunden ist.

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