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Stil

Brutalismus-Architektur

Sadistischer Beton

Mit einem Mal sind sie wieder hip, die Betonklötze der Brutalismus-Architektur. Überall werden die Nachkriegsbauten gefeiert, auf Instagram, in Ausstellungen, im Feuilleton. Ein Irrsinn.

DPA
Ein Debattenbeitrag von
Dienstag, 27.02.2018   18:18 Uhr

Der Baustil, der Städte in Zukunftslabore verwandeln sollte, ist in Wirklichkeit eine Dystopie. Man muss sich nur die umjubelten Monumente dieser architektonischen Strömung anschauen: der Trellick Tower in etwa, errichtet zwischen 1968 und 1972, ein 98-Meter-Wohnhaus aus Beton, das aussieht wie der in den Himmel gestapelte Rohbau eines sadistischen Konstrukteurs.

Getty Images

Trellick Tower

Oder der Mäusebunker in Berlin, wo die Universität ein Tierversuchslabor betreibt - eine monolithische Pyramide, die auch für die Kulisse in "Blade Runner 2049" hätte herhalten können. Oder das Yamanashi Press and Broadcasting Centre im japanischen Kofu, ein Medienhaus mit der Anatomie einer Raumstation, in dessen grauer Hülle man sich einen deus ex machina an den Schalthebeln vorstellt.

Brutalismus ist entfremdete Architektur - obwohl die Bauwerke einmal für Menschen errichtet worden sind. Heute gelten die Betonklötze aus den Sechziger- und Siebzigerjahren wieder als schick. Das Fundament für den Perspektivwechsel haben Großstadthipster gelegt, die den No-Future-Spirit in den vergangenen Jahren wiederentdeckt haben - und ihn seither auf schroffen Fotos in Blogs und Instagram-Accounts in Szene setzen.

picture alliance/ akg-images

Mäusebunker, Berlin

Die Symptome des Hypes: Auf der Website "SOS Brutalismus" etwa sind erhaltene Gebäude wie auf einer Unesco-Liste verzeichnet. Eine gleichnamige Schau im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt feiert die Bauten als bedeutende Artefakte "in einer Zeit des gesellschaftlichen Aufbruchs, des Experiments". Auch in großen Medien werden die Brachial-Gebäude rehabilitiert. "Brutal schön", titelte das SZ-Magazin 2017 in einem frenetischen Artikel; der Deutschlandfunk schwärmt von "Schönheiten aus Beton".

Playmobil-Set des öffentlichen Sektors

Ursprünglich hatten Architekten wie Le Corbusier mit diesen Gebäuden einen neuen urbanen Raum entwickeln wollen: befreit von jedem Sentiment, vom bourgeoisen Zierrat der Gründerzeit ebenso wie vom cäsarischen Größenwahn der faschistischen Jahrzehnte. Nicht umsonst leitet Brutalismus sich von "brut" ab, der französischen Vokabel für "roh". Die Idee: Architektur, deren zentraler Baustoff der Beton ist. Die neue Architektur sollte geschichts- und schnörkellos sein, eine Metapher für den ideologiefreien Wohlfahrtsstaat.

Fotostrecke

Fotostrecke: Playmobil-Set des öffentlichen Sektors

Vor allem in der Bundesrepublik der Nachkriegszeit war diese Architektur so etwas wie das Playmobil-Set des öffentlichen Sektors. Es entstanden Schulen und Universitäten, Ämter und Behörden im brutalistischen Stil.

Spätestens seit den Neunzigern, als sich Wind, Wetter und soziale Desillusionierung in die Betonblöcke gefressen hatten, gerieten die Bauten dann in die Kritik: gut gemeint, aber unsensibel gegenüber menschlichen Bedürfnissen.

Der derzeitige Hype folgt dem Muster vieler Revivals: Vermeintliche Kultur-Avantgardisten kramen abseitige Phänomene aus dem Fundus der Vergangenheit hervor und erheben sie zum Distinktionsmerkmal. Ein harmloses Hobby, wenn die Wiederentdeckung brutalistischer Architektur nicht auch stadtpolitische Folgen hätte. Mehr und mehr Betonmonster könnten, dank des aufpolierten Image, unter Denkmalschutz gestellt werden.

Grün statt grau

Dabei könnte auf den Grundstücken der Gebäudefossilien ein neuer Stadttypus entstehen. Grün statt grau; leicht statt schwer; zugewandt statt apokalyptisch. Die Antithese zur "Unwirtlichkeit unserer Städte", die der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich schon 1965 beklagte.

Architekten entwerfen längst solche urbanen Landschaften, die einladen und nicht abweisen - Bauten, die mit ihren Bewohnern eine Beziehung eingehen. Eine solche Glücksstimulanz zum Beispiel: der "Vertikale Wald", eine Öko-Utopie, die im Mailänder Stadtteil Porta Nuova schon zur Realität geworden ist. Die Vorzüge der zwei Zwillingstürme, die dort 2014 vollendet worden sind und mit dem Internationalen Hochhauspreis ausgezeichnet wurden: bepflanzte Fassaden, zudem Bäume und Büsche auf den Balkonen - ein Naturkleid, das das Gemüt besänftigt. Dahinter Glaswände, durch die sich das Sonnenlicht ergießt. Und Gebäude, die sich schlank in den Himmel schrauben.

Eine Architektur, wie sie etwa den Forderungen des Berliner Psychiaters Mazda Adli entgegenkommt, der den Zusammenhang zwischen Stadttopografie und seelischer Gesundheit erforscht. Der Autor des Buchs "Stress and the City" wirbt darum, Städte "zu lebenswerteren Räumen zu machen, die gut für unsere Psyche sind". Gefragt sind planerische Mittel, die den Grauschleier auswaschen, den der Brutalismus vielen Großstadtquartieren injiziert hat.

Um dessen Vermächtnis muss sich dabei niemand fürchten: Die manisch-depressive Aura bleibt auf den Instagram-Profilen seiner Liebhaber festgehalten.

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