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Cholitas

Warum Frauen in Bolivien Melone tragen

Dunkle Melone, geflochtene Zöpfe, bunte Röcke: Die indigenen Frauen mit ihren auffälligen Outfits sind ein starkes Symbol Boliviens. Fotografin Delphine Blast hat sie in ihr Studio eingeladen und erzählen lassen.

Delphine Blast
Von
Montag, 27.08.2018   06:38 Uhr

Wer einmal Bolivien bereist hat, dem ist sicherlich eines in Erinnerung geblieben: Die indigenen Frauen mit ihren geschichteten Röcken und bunten Tüchern oder Decken um die Schultern. Auf dem Kopf ein kleiner Bowler-Hut, unter dem lange Zöpfe hervorgucken.

Als die französische Fotografin Delphine Blast 2005 das Land besuchte, war auch sie fasziniert von den Farben und Mustern der Kleidung. Ironischerweise diente genau diese seit Generationen als Symbol der Unterdrückung der Frauen, die in Bolivien Cholitas genannt werden.

Der Name ist die Verniedlichung von Cholo, einer abwertenden spanischen Bezeichnung für Menschen mit indigenen Wurzeln. Heute nennen sich die Frauen der Aymara und Quechua allerdings stolz selbst Cholitas.

Vor einigen Jahren noch wurden die Cholitas diskriminiert: Ihnen wurde laut Blast der Zutritt zu bestimmten Restaurants und Cafés, öffentlichen Plätzen, Taxis und sogar einigen öffentlichen Bussen verweigert. "Generationen lang durften sie weder auf dem zentralen Platz der Hauptstadt La Paz, dem Plaza Murillo, noch in wohlhabenden Vororten wie der Zona Sur frei herumlaufen."

Als Blast zehn Jahre später nach Bolivien zurückkehrte, wollte sie herausfinden, wie sich der Status der Frauen verändert hatte. Sie ging jedes Wochenende zu traditionellen Festen und sprach die Frauen direkt an. Die meisten stimmten schnell zu, bei dem Projekt mitzumachen - sie wollten von ihrer Kultur und ihren Traditionen erzählen.

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Indigene Frauen Boliviens: "Sie schämen sich nicht mehr für ihre Herkunft"

Blast entschied sich, die Cholitas im Studio mit künstlichem Licht zu fotografieren. "Ich wollte ihr einzigartiges Outfit zeigen. Das Atelier war perfekt geeignet, die leuchtenden Farben und alle Details der Spitzen und Juwelen hervorzuheben." 35 Frauen lichtete sie insgesamt ab.

Die Porträts nahm sie vor dem Hintergrund traditionell gewebter, bolivianischer Textilien auf, die Farben entsprechen der indigenen Flagge Boliviens. In der Postproduktion brachte sie den Stoff in die Form eines Kreises, als Symbol für Pachamama (Mutter Erde) - eine zentrale Figur im indigenen spirituellen Glauben.

Alle Frauen tragen ein einzigartiges Outfit: Bunte geschichtete Röcke, Pollera genannt, die aus mehreren Metern Stoff bestehen, darunter tragen sie bis zu zehn Unterröcke, die sie rundlich wirken lassen. Als Schultertuch dient entweder eine schlichte Wolldecke oder ein buntes Seidentuch. Je nachdem wie wohlhabend die Familie ist, ergänzen Ohrringe oder anderer Schmuck die Kleidung.

Mitten auf dem Kopf thront die Melone. Es gibt regionale Unterschiede in der Form des Hutes und der Art und Weise, ihn zu tragen. Die Haare haben die Frauen zu langen Zöpfen geflochten, die am Ende mit einer Kordel zusammengehalten werden.

Darüber, wie die Hüte nach Bolivien gelangt sind, gibt es verschiedene Geschichten. Sicher ist nur, dass sie unverkäuflich waren, bis clevere Geschäftsleute sie den indigenen Frauen als Modetrend aus Europa verkauften.

Heutzutage wäre das vermutlich nicht mehr so leicht möglich. Die Frauen sind gut vernetzt. Sie sind in der Politik aktiv, moderieren im Fernsehen, sie arbeiten als Busfahrerinnen, studieren an Universitäten und treten bei Modenschauen auf. Die Wahrnehmung und Akzeptanz der Cholitas hat sich laut Bast in den vergangenen Jahren verbessert.

"Es gibt immer noch Diskriminierung - aber ihre Situation hat sich deutlich verbessert", sagt Blast. Sie alle seien alle sehr stolz auf ihre kulturelle Identität. "Sie schämen sich nicht mehr für ihre Herkunft."

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