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Stil

Design für Küche und Esszimmer

Das Auge isst mit

Design sendet Signale - und wir reagieren darauf: Stehen schöne Dinge auf dem Tisch, schmeckt es gleich noch mal so gut. Frische Designideen zum schöner Tafeln.

Kimura Glass Co. Ltd.
Von Uta Abendroth, "Der Feinschmecker"
Donnerstag, 24.05.2018   16:02 Uhr

Rolf Fehlbaum, der das Möbelunternehmen Vitra mithilfe vieler sogenannter Stararchitekten und -designer zur internationalen Marke ausgebaut hat, gilt als der Mann mit der weltweit größten Sammlung von Stühlen (es sind Tausende).

Auf die Frage, ob es denn so wichtig sei, auf was für einem Stuhl man sitzt, antwortet er: "Ich bin überzeugt, in einem Eames-Stuhl denkt man anders als auf irgendeinem Schlabbersessel. Design sendet Signale, denen man permanent ausgesetzt ist. Es ist unmöglich, sich nicht von ihnen beeinflussen zu lassen, egal ob in einem Restaurant oder der eigenen Wohnung." Nicht umsonst ist folglich ein ganzes Heer von Kreativen damit beschäftigt, die bequemste Sitzgelegenheit für Stunden an einer geselligen Tafel zu entwickeln - und dazu noch all die Dinge, die auf den Tisch kommen.

Ob Teekannen, Etageren, Gläser, Teller oder Besteck, in den letzten Jahren ist der Markt geradezu geflutet worden von innovativen und ansehnlichen Objekten. Traditionsfirmen wie die Silberschmiede Georg Jensen setzen neben ihren Klassikern von Henning Koppel und Arne Jacobsen auf frische Ideen unter anderem von den niederländischen Designern Scholten & Baijings. Das Paar, beruflich wie privat verbunden, spricht mit der Serie "Tea with Georg", die aus Edelstahl und nicht aus Silber gefertigt ist, eine jüngere Zielgruppe an. Die Inspiration zu dem Service lieferte die japanische Teezeremonie. Für das dänische Label Hay erfanden die beiden kurzerhand das Geschirrtuch neu: mit Punkten oder Rauten, in Neonfarben oder pudrigen Nuancen, dabei immer frech, frisch, jung.

Gefunden in

Dass man es mit einem bislang so stiefmütterlich behandelten Alltagsgegenstand zu globalem Erfolg bringen kann, hat Stefan Scholten und Carole Baijings in der Tat überrascht. Aber dann haben sie sich schon dem Design von Tassen und Bechern zugewandt, die aussehen, als bestünden sie aus grauem Karton oder Altpapier.

Erst beim Berühren der "Paper Porcelain"-Objekte offenbart sich die wahre Qualität. Was ihr Design so zeitgemäß macht, ist der Mix von minimalistischer Form, perfektem Handwerk und ungewöhnlichen Farben. Die werden, erklärt Carole Baijings, bei ihnen nicht als Äußerlichkeit behandelt, sondern bestimmen den Entwurfsprozess von Beginn an. Stefan Scholten ergänzt: "Wir glauben an die Dauerhaftigkeit einer Farbe. Alle denken, Farbgebung sei einfach, dabei ist sie extrem schwierig."

Auch Bilge Nur Saltik geht ganz neue Wege. Die 27-Jährige, die zwischen Istanbul und London pendelt, arbeitet in ihrer türkischen Heimat eng mit örtlichen Kunsthandwerkern zusammen. Und doch vereint sie in ihren Entwürfen Ost und West, altertümliche Materialien und Hightech. Die "Loud Objects" sind so ein Beispiel. Als Betrachter sieht man auf dem Tisch eher typische Accessoires aus Marmor: einen Kerzenhalter, eine Etagere oder eine Vase. Der Clou liegt im Inneren, denn überraschenderweise handelt es sich gleichzeitig um Lautsprecher, die via Bluetooth Musik wiedergeben können. "Wir alle haben diese elektronischen Apparate bei uns zu Hause, die meistens nicht zu unserem Einrichtungsstil passen", sagt Bilge Nur Saltik: "Ich habe deswegen die Elektronik in dekorative Objekte integriert, sodass man auf technische Extrateile verzichten kann."

Neben Europäern wie der einzigartig kreativen Inga Sempé, dem skulptural denkenden Aldo Bakker und dem in London ansässigen Kanadier Philippe Malouin, der vor allem die Arbeit mit dem 3D-Drucker vorantreibt, setzen besonders japanische Designer Zeichen. Im ostasiatischen Kulturkreis ist ein geradezu philosophischer Blick auf Gebrauchsobjekte verbreitet, das Wertschätzen der Gestaltung bei allen Dingen und Details des Alltags. Teruhiro Yanagihara, der ein Studio für Architektur und Design in Osaka betreibt, ist ein Meister im Beobachten. Erst wenn er der Verwendung eines Gegenstands bei Tisch vollständig auf den Grund gegangen ist, beginnt er mit seinem Entwurf. So war es zum Beispiel beim Tumbler "Slant Glas". Wir handhaben ein Glas in dem Wissen, dass sein Boden plan ist; das bringt, hat man das Kindesalter überwunden, eine gewisse Achtlosigkeit mit sich. Indem Yanagihara die Standfläche seines Whiskyglases anschrägt, wird alles, vom Eingießen über das Trinken bis zum Abstellen, wieder zu einem besonderen Vorgang.

Design sendet Signale - und wir reagieren darauf: Stehen schöne Dinge auf dem Tisch, schmeckt es gleich noch mal so gut.

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