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Stil

Eames-Retrospektive im Vitra Design Museum

Zum Niedersitzen

Sie waren ein geniales Paar: Ray und Charles Eames, das vielleicht bekannteste Designerpaar des 20. Jahrhunderts. Jetzt feiert eine große Schau ihre Entwürfe. Schöne Stühle - und so viel mehr.

J. Paul Getty Trust/ Julius Shulman
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Montag, 22.01.2018   15:43 Uhr

Am 8. Februar 1941 notiert Charles Eames auf einem Bogen Papier der Cranbrook Academy of Art folgende Zeilen:

"Dear Miss Kaiser, I am 34 (almost) years old, singel [sic!] (again) and broke - I love you very much and would like to marry you very very soon* *Soon means very soon"

Es folgen einige weitere Sätze und eine Handskizze, der Rest ist Geschichte: Aus der Künstlerin und dem Industriedesigner werden Ray und Charles Eames, ein geniales Paar, Privates und Berufung von Anfang an verwoben. Schon Weihnachten im selben Jahr erhalten Freunde und Familie festliche Postkarten, auf denen beide fröhlich posieren - zwischen ihnen eine hölzerne Beinschiene, eines der ersten gemeinsamen Werke.

Während des Zweiten Weltkriegs werden nach diesem Prototyp tausende Beinschienen für verwundete amerikanische Soldaten angefertigt. Die Schichtholzkonstruktion trägt in sich, was Ray und Charles Eames in den kommenden Jahrzehnten auszeichnen wird: Erfindungsreichtum, gepaart mit sorgfältiger Problemanalyse.

Dutzende Tage und Nächte tüftelte das junge Paar in seinem damals winzigen Wohnzimmer, wie man Sperrholz in jede gewünschte Form bringen könnte. Eine selbstgebaute Heißpresse bringt schließlich den Durchbruch. Die Fähigkeit ihrer Wundermaschine beschrieben die Eames mit den Worten: "Ala Kazam! like magic" (Abrakadabra! Es ist wie Magie).

Eames Office LLC

"Es ist wie Magie": Heißpresse "Kazam! machine" in der Eames Wohnung, Los Angeles, 1941.

"Kazam!" ist deshalb auch der Titel einer Ausstellung, mit der das Vitra Design Museum in Weil am Rhein gerade "Die Möbelexperimente der Eames" feiert. Denn als das Militär keinen Bedarf mehr hatte, begannen die Eames mit ihrer beispiellosen Möbelserie, die heute nahezu allesamt Aushängeschilder der Midcentury-Moderne sind. Die Werkschau ist Teil von "An Eames Celebration", ein vierteiliger Ausstellungsparcours aus mehr als 500 Exponaten, darunter auch die äußerst seltenen Schichtholzskulpturen von Ray Eames. Die Retrospektive stellt anhand von Möbeln, Filmen, Büchern und Medieninstallationen die Arbeit des legendären Designerpaares vor

Die künstlerische Aufbruchstimmung in Los Angeles, diese amerikanische "Hands on!"-Mentalität, sowie ein ausgesprochenes Gespür für Form, Material und Technik prägten diese Arbeit genauso wie die neu aufkommende Möglichkeit zur Produktion in Serie. Nach und nach entsteht eine ganze Armada an Stühlen: Erst aus Sperrholz, später dann aus Fiberglas und Aluminium. Sofas, Tische und Regale gehören bald ebenso zum Repertoire wie Kinderspielzeug, riesige Ausmalkästen und ganze Häuser - nicht zuletzt das legendäre Eames House in Pacific Palisades.

"An Eames Celebration" hält einige Überraschungen und viel mehr als schöne Stühle bereit: In Filmen und Konzepten lassen Ray und Charles Eames ihre Zuschauer als Universalforscher die Welt entdecken.

Für IBM gestaltete das Paar Ausstellungen zu allen nur erdenklichen Themen, von der Mathematik bis zum US-amerikanischen Gründungsvater Thomas Jefferson. Hinzu kommen rund 100 Filme, experimentelle Arbeiten und Erklärfilme, von denen einige hier zum ersten Mal zu sehen sind. Allein um das komplette Programm anzuschauen, müsste man mehr als fünf Stunden Zeit einplanen.

Fotostrecke

Charles und Ray Eames: Möbel, Spielzeuge und Filme

Für Charles Eames waren Clips "Werkzeuge", Mittel zum Zweck einer Ideenstudie: Mexikanische Totenfeste, minutenlange Farbspiele von Kreisen und Spiralen oder die großartige Veranschaulichung mathematischer Relationen beweisen einmal mehr, dass hier zwei Gestalter mit Interesse an grundsätzlich Allem, was sich in der Welt so tut, am Werk waren. Und die mit großer Begeisterung anderen erklären, wie die so funktioniert.

"Take Your Pleasure Seriously"

Eine speziell für Kinder konzipierte Ausstellung steht unter dem Motto: "Take Your Pleasure Seriously". Der Leitsatz stand auch im Eames Office. Das kreative Schaffen dort muss man sich wohl wie einen permanenten Workflow vorstellen: Auch das künstlerische Experiment diente der eigenen Arbeit. Tatsächlich machte das Schaffen oft so viel Spaß, dass manch ein Mitarbeiter freiwillig bis zum nächsten Morgen blieb.

Bei Eames' lebte man in eigener Zeitrechnung, denn: "Etwas Besseres wartete schon hinter der nächsten Ecke," fasst Mitarbeiter Bob Staples in einem Video-Interview die Stimmung zusammen. Also wurde wieder verworfen, verbessert, ausprobiert. Im Team und gegen die Mär vom Genie, das allein ständig einfach so fantastisch ausschauende Dinge in die Welt wirft. Stattdessen: Stetige Verfeinerung durch, wie es Staples ausdrückt, "immer wieder Hochwürgen."

Die Ausstellung hat in Weil am Rhein Heimspiel, die Geschichte des deutschen Designzentrums ist seit Jahrzehnten eng mit den Eames verbunden. Hier kann man über die Ray-Eames-Straße spazieren oder sich mit dem nötigen Kleingeld in der Schauwerkstatt seinen eigenen Eames Lounge Chair mit Ottoman zusammenstellen. Die Eames-Aura, sie strahlt ungebrochen. Gerade deshalb hätten sich die Ausstellungsmacher ruhig trauen können, auch einmal ein Möbelstück wie den Time Life Chair zu zeigen: Weniger Geglücktes, weniger Bekanntes.

Anspruch und Wirklichkeit des bezahlbaren Wohnens

Mehr Beachtung verdient sicher auch die Frage, wieso Anspruch und Wirklichkeit des guten und vor allem bezahlbaren Wohnens letztlich auch bei den talentierten Eames doch so weit auseinanderlagen? Denn preiswert waren ihre Kreationen nie: Der Lounge Chair mit Ottoman wurde 1956 für 310 US-Dollar angeboten. Inflationsbereinigt wären das heute immerhin rund 2.850 Dollar.

Die Rolle von Ray Eames wird von den Ausstellungsmachern auch nicht ausreichend beleuchtet. Der "Eames-Party" hätten solche Fragen und Widersprüche keinen Abbruch getan, eher noch mehr Tiefe verliehen. So oder so: Von ihrem berühmten Office aus, das übrigens dauerhaft im Schaudepot Quartier bezogen hat, erschlossen Ray und Charles Eames ein ganzes Universum. Von dem kann man sich hier und heute noch mühelos verschlingen lassen.

SPIEGEL TV: Campus der Stühle - Design macht glücklich

Foto: SPIEGEL TV

Das Vitra Design Museum zeigt "An Eames Celebration" noch bis zum 25. Februar 2018, die "Play Parade" bis 11. Februar, täglich 10-18 Uhr.

insgesamt 6 Beiträge
syracusa 22.01.2018
1. krasser Widerspruch zum Anspruch der Designer
Ray und Charles Eames haben immer für die Massen entworfen, und wollten unbedingt, dass sich auch einfache Bürger gutes Design leisten können. Die Rechte an den Entwürfen von Ray und Charles Eames liegen heute jedoch bei [...]
Ray und Charles Eames haben immer für die Massen entworfen, und wollten unbedingt, dass sich auch einfache Bürger gutes Design leisten können. Die Rechte an den Entwürfen von Ray und Charles Eames liegen heute jedoch bei Edelmarken, die ihren Edelstatus v.a. auch die aufgerufenen Preise definieren wollen. Die Vermarktung der meisten Designmöbel der klassischen Moderne steht in krassem Widerspruch zu dem Geist, der diese Designmöbel hervorgebracht hat.
Papazaca 23.01.2018
2. Einer der absolut größten Möbeldesigner
Erstmal freue ich mich über den Bericht und werde mir die Ausstellung auch ansehen. Ich habe selbst den "Bikini-Stuhl und den Lounge Chair. Die sehr teure "La Chaise" sieht toll aus, war mir aber nach einer Zeit [...]
Erstmal freue ich mich über den Bericht und werde mir die Ausstellung auch ansehen. Ich habe selbst den "Bikini-Stuhl und den Lounge Chair. Die sehr teure "La Chaise" sieht toll aus, war mir aber nach einer Zeit leider zu unbequem. Zu dem Lounge Chair hatte ich lange ein ambivalentes Verhältnis und empfand ihn als Thron aller Couchpotatoes. Aber er ist einer der bequemsten Sessel, das muß man einfach feststellen. Über Eames und seine Frau kann man nur staunen: So viele schöne und praktische Möbel. Auch ihr Haus gefällt mir sehr. Persönlich kenne ich über die beiden wenig bis gar nichts. Ach ja, zu den Preisen: Klar hat der Forist Syracusa recht. Die klassischen modernen Möbel sind als Originale sehr teuer. Warum? Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber es gibt jede Menge Nachbauten - auch von Eames - für einen Bruchteil des Preises von Vitra oder Cassina (für Corbusier). Diese Firmen liefern sicher eine bessere Qualität ab, sind auch kulturelle Institutionen, auch für Architekten, junge Designer und veranstalten eben auch gute Ausstellungen. Fazit: Eames sind die größten Möbeldesigner, die es je gab und das meine ich nicht nur abstrakt, denn man kann ihre Möbel auch heute noch kaufen, sich in einen ihrer Sessel setzen und sich über das gute Design und die Bequemlichkeit (bei vielen ihrer Entwürfe) freuen.
HorstBlond 23.01.2018
3. Zweifelhafte Vermischung von "Design" und Kunst und gehype um Eames
Die Fa. Vitra in Ehren... Sie stellen Gebrauchsgegenstände her, andere machen in Zahnbüsten oder Fernseher - Vitra eben in Möbel. Sehr clever, dies mit "Design" und dem Flair von "Kunst" zu vermengen. Eine [...]
Die Fa. Vitra in Ehren... Sie stellen Gebrauchsgegenstände her, andere machen in Zahnbüsten oder Fernseher - Vitra eben in Möbel. Sehr clever, dies mit "Design" und dem Flair von "Kunst" zu vermengen. Eine Story hier, ein "Museum" dort, daneben clever einen (tollen) Showroom gesetzt - alle spielen mit. "Design" ist halt in und ist eben in Vermengung mit Kunst ein Geschäftsmodel. Und die Maßen strömen herbei und fressen es unkritisch... Ich wohne ganz in der Nähe und schaue mir regelmäßig die Ausstellungen an - es ist okay, mit den anderen Museen der Gegend kann es nicht mithalten, aber okay, es ist eben was es ist: das kulturelle Feigenblatt eines Möbelherstellers. Auch Hr. und Fr. Eames muss man nicht totschweigen, aber diese gehype nervt, vor allem wenn es noch vom Hersteller persönlich kommt..... Alles nicht so schlimm, aber ich würde mich über ein wenig mehr kritische Betrachtungsweise freuen.
Papazaca 23.01.2018
4. Picasso, Häuser von Herzog de Meuron, ein Mini ....
.. sind alles Gebrauchsgegenstände. Es gibt Möbel, die sind nur Gebrauchsgegenstände, es gibt aber auch Möbel, die gelten vielen als Kunst. Für mich ist auch ein Jaguar E Kunst, denn gutes Design ist auch Kunst. Das gilt [...]
Zitat von HorstBlondDie Fa. Vitra in Ehren... Sie stellen Gebrauchsgegenstände her, andere machen in Zahnbüsten oder Fernseher - Vitra eben in Möbel. Sehr clever, dies mit "Design" und dem Flair von "Kunst" zu vermengen. Eine Story hier, ein "Museum" dort, daneben clever einen (tollen) Showroom gesetzt - alle spielen mit. "Design" ist halt in und ist eben in Vermengung mit Kunst ein Geschäftsmodel. Und die Maßen strömen herbei und fressen es unkritisch... Ich wohne ganz in der Nähe und schaue mir regelmäßig die Ausstellungen an - es ist okay, mit den anderen Museen der Gegend kann es nicht mithalten, aber okay, es ist eben was es ist: das kulturelle Feigenblatt eines Möbelherstellers. Auch Hr. und Fr. Eames muss man nicht totschweigen, aber diese gehype nervt, vor allem wenn es noch vom Hersteller persönlich kommt..... Alles nicht so schlimm, aber ich würde mich über ein wenig mehr kritische Betrachtungsweise freuen.
.. sind alles Gebrauchsgegenstände. Es gibt Möbel, die sind nur Gebrauchsgegenstände, es gibt aber auch Möbel, die gelten vielen als Kunst. Für mich ist auch ein Jaguar E Kunst, denn gutes Design ist auch Kunst. Das gilt übrigens für mich auch für ein Baguette. Sieht gut aus und schmeckt gut. Übrigens, Basel hat wirklich viele tolle Museen. Das mindert für mich aber nicht die Besonderheit von Vitra. Für mich ist die Strategie von Vitra kein Feigenblatt sondern die schlüssige Gesamtstrategie eines Möbelherstellers. Übrigens, Sie kennen sich ja aus: Wenn Vitra wirklich nur rational gewesen wäre, hätte Zahl Hamid nie ihre Feuerwache gebaut. Denn die ist sowas von unpraktisch. Die Tore gingen so langsam auf, das wahrscheinlich Vitra vorher abgebrannt wäre. Ich bin mit der Vitra nicht verheiratet, sehe aber keinen Hype. Das Sie alles kritisch sehen ist ihr gutes Recht, ich sehe es anders. Ich wiederum sehe ihren Kommentar als eher seltsam: Worum ging es eigentlich? Richtig, um Eames. Das war also das Thema. Und ihr Kommentar dazu? "Man muß sie (Eames) nicht totschweigen. Das ist aber sehr freundlich. Übrigens zu Ihrer Anmerkung : Weder bin ich Masse noch fresse ich alles unkritisch (wie Sie meinen Bemerkungen entnehmen können ...). In diesem Sinne, in aller Höflichkeit ....
syracusa 23.01.2018
5.
Ihnen ist aber schon klar, dass diese Nachbauten in Deutschland illegal sind. Das liegt v.a. an den sehr rigiden Urheberrechten, die in Deutschland erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers auslaufen, beispielsweise in [...]
Zitat von PapazacaErstmal freue ich mich über den Bericht und werde mir die Ausstellung auch ansehen. Ich habe selbst den "Bikini-Stuhl und den Lounge Chair. Die sehr teure "La Chaise" sieht toll aus, war mir aber nach einer Zeit leider zu unbequem. Zu dem Lounge Chair hatte ich lange ein ambivalentes Verhältnis und empfand ihn als Thron aller Couchpotatoes. Aber er ist einer der bequemsten Sessel, das muß man einfach feststellen. Über Eames und seine Frau kann man nur staunen: So viele schöne und praktische Möbel. Auch ihr Haus gefällt mir sehr. Persönlich kenne ich über die beiden wenig bis gar nichts. Ach ja, zu den Preisen: Klar hat der Forist Syracusa recht. Die klassischen modernen Möbel sind als Originale sehr teuer. Warum? Weiß ich ehrlich gesagt auch nicht. Aber es gibt jede Menge Nachbauten - auch von Eames - für einen Bruchteil des Preises von Vitra oder Cassina (für Corbusier). Diese Firmen liefern sicher eine bessere Qualität ab, sind auch kulturelle Institutionen, auch für Architekten, junge Designer und veranstalten eben auch gute Ausstellungen. Fazit: Eames sind die größten Möbeldesigner, die es je gab und das meine ich nicht nur abstrakt, denn man kann ihre Möbel auch heute noch kaufen, sich in einen ihrer Sessel setzen und sich über das gute Design und die Bequemlichkeit (bei vielen ihrer Entwürfe) freuen.
Ihnen ist aber schon klar, dass diese Nachbauten in Deutschland illegal sind. Das liegt v.a. an den sehr rigiden Urheberrechten, die in Deutschland erst 70 Jahre nach dem Tod des Urhebers auslaufen, beispielsweise in Großbritannien aber schon einige Jahrzehnte nach der Schaffung des geschützten Werks. In Großbritannien sind die bezahlbaren Eames-Nachbauten also legal, bei uns aber nicht. Aber ich bin sowieso ein Freund des Urheberrechts. Mir geht es nicht darum, die Urheber zu enteignen, sondern deren Willen umzusetzen. Und die Designer der klassischen Moderne waren Leute, die das Leben der Massen besser machen wollten. Diese dem Design zugrunde liegende Idee wird durch Vitra & Co verraten!

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