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Stil

Fashion Week

New York stellt den Catwalk infrage

Wozu noch teure Events in Zeiten von Livestreams und Social Media, und was ist mit #MeToo? Die New Yorker Fashion Week steckt in einer kleinen Sinnkrise. Die Designer haben ihre ganz eigenen Lösungsvorschläge.

AP
Von
Dienstag, 13.02.2018   19:21 Uhr

Wie geht New York mit #MeToo um? Darüber hatte die Branche im Vorfeld genauso viel diskutiert, wie über Sinn und Zweck einer Modewoche in Zeiten von Instagram, Livestreams und Fast Fashion (dazu später mehr). Zunächst aber einmal zum Elefanten im Raum oder viel mehr auf dem Laufsteg. Denn mit den Vorwürfen gegen die Fotografen Terry Richardson, Mario Testino und Bruce Weber sowie den Guess-Mitgründer Paul Marciano hat die Modeindustrie inzwischen auch ihre Leichen im Keller exhumiert.

Es ging dabei um mehr als die Frage, ob Harvey Weinsteins Noch-Ehefrau Georgia Chapman tatsächlich am Valentinstag eine neue Kollektion ihres Labels Marchesa zeigen würde (Antwort: nein). Wie kann das Image der Industrie wieder auf Hochglanz gebracht werden kann? Ein Schritt in die richtige Richtung sind sicher die vom Verband der amerikanischen Modedesigner CFDA verabschiedeten Richtlinien für Models, Agenturen, Fotografen und alle weiteren Beteiligten.

Die neue "zero tolerance"-Politik beseitigt zwar keine gefährlichen Machtgefälle, hilft aber hoffentlich, die ein oder andere unangenehme Situation zu vermeiden. Auch auf Essstörungen und ethnische Vielfalt unter den Models soll in Zukunft genauer geachtet werden. Ob es was bringt, wird sich zeigen.

Die Designerin Myriam Chalek ist da schon weiter. Sie schickte Missbrauchsopfer auf den Laufsteg, wo sie von ihren Erlebnissen erzählten. Den Models an die Seite stellte sie Männer mit Schweinemasken über dem Gesicht. In diesem Kontext könnte auch die wohl erste Männermodenschau komplett ohne männliche Models gesehen werden. Vielmehr ging es Mike Rubin und Courtenay Nearburg von Krammer & Stoudt aber um neue Geschlechter-Realitäten.

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New York Fashion Week: Mode und #MeToo

"Es ist eine Evolution - keine Revolution - dass Menschen sicher außerhalb bestimmter Geschlechter sehen", ließ Nearburg ihre Gäste im Einladungsschreiben wissen. Seine von Arbeitskleidung inspirierte Mode aus Veloursleder-Bikerjacken, Army-Parkas, Flanellhemden und Wollhosen zeigte das Ehepaar ausschließlich an Models, die ihre geschlechtliche Identität als "non-binary", also "weder noch" definieren.

Politisch war es auch wieder bei Prabal Gurung. Nachdem er vor einem Jahr seine Show mit T-Shirts voll gesellschaftlicher Botschaften ("I am an Immigrant", "The future is female") zur Schlussparade schickte, transportierte der Nepalese seine Nachricht diesmal subtiler: Schals mit hinduistischem Muster auf leuchtendem Pink, Zopfstrick-Kleider in Kirschrot und Paillettenröcke erkennt nämlich nur als feministisches Statement, wer weiß, dass der Designer sich die indische Gulabi Gang als Vorbild genommen hat. Die Frauenrechtsbewegung mit den pinken Saris kämpft in Indien gegen die Herrschaft der Männer.

Tom Ford fiel zum Thema nicht mehr ein als eine Handtasche mit "Pussy-Power"-Schriftzug aus Strass. Ein Accessoire so uninspiriert wie die restliche Kollektion (sehr grell, Tiger- und Leoprints, Kronleuchter-Ohrringe, übergroße Daunenjacken).

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Fotostrecke: Mit Christiane F. beim Fitnesstraining in der Matrix

Auch sonst war nicht unbedingt business as usual angesagt, zumindest was das ganze Drumherum angeht. Für ihre Präsentationen finden die Designer immer neue Orte. Alexander Wang lud in die ehemaligen Conde-Nast-Büros im 21. Stock über dem Times Square und zeigte eine für seine Verhältnisse dezente Modenschau ohne großes Brimbamborium. Die Kollektion lässt sich am besten beschreiben mit: Fitnesstraining in der Matrix. Soll heißen, schwarze und verspiegelte Sonnenbrillen, viel Jersey, viel Leder, hauptsächlich schwarz und in Form von knappen Röcken, Leggings und Mänteln. Auffallendes Accessoire war die aus den Achtzigern bekannte Bananen-Haarklammer.

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Die eigentlich Bombe ließ Wang erst hinterher platzen: Er bleibt zwar der Stadt treu, die seine Karriere begründet hat, will aber nach dieser Fashion Week seine Schauen fern des offiziellen Kalenders laufen lassen. Wang kündigte seine eigene Fashion Week mit Events im Dezember und Juni an. Mit einer neuen Produktionsstrategie sollen Kunden mehr Alexander Wang bekommen.

Victoria Beckham kehrt heim

Victoria Beckham, die sich peu à peu bei der New Yorker Modewoche etabliert hat, verlässt den Big Apple ebenfalls und kehrt zu ihrem zehnjährigen Firmengeburtstag zurück nach London. Danach wird man sehen, wo es Beckham in Zukunft zu sehen gibt. Für ihren vorerst letzten Auftritt in New York tauschte sie die Neorenaissance-Eleganz des Finanzbezirks, wo sie in den vergangenen Jahren ihre Linie vorstellte, gegen eine ebenso opulente, aber kleinere Villa auf der Upper East Side. Dort präsentierte sie ihre Kollektion ausgewählten Grüppchen.

Die britische Modeschöpferin ist nicht die einzige, die vom Laufsteg auf einen kleineren Rahmen umsteigt, der sich auch besser für eine Verbreitung in sozialen Medien eignet. Derek Lam lud zum Lunch, und Gilles Mendele zeigt seine Kollektion für das Label J.Mendel in einem für Macarons und Instagram-taugliche Bilder bekannten Café in Soho. Noch einen Schritt weiter geht die texanische Designerin und Social-Media-Vorreiterin Lela Rose. Sie hat zehn ihrer Lieblings-Influencer ausgewählt, die gleichzeitig Looks aus ihrer neuen Kollektion auf Instagram teilen werden.

#YEEZYSEASON6

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Das hatte dummerweise nur Kanye West schon vor dem offiziellen Start der Fashion Week in einem viel beachteten und allseits bewunderten PR-Stunt getan. Es war zwar keine neue Yeezy-Kollektion, die der Rapper zeigte, aber die Idee, Millionen-Follower-schwere Instagramer aus dem Kimye-Umfeld Fotos und Looks seiner Frau Kim Kardashian nachstellen zu lassen, wurde sogar von der "New York Times" als gelungener Meta-Joke auf eigene Kosten gewertet. Abgesehen davon war die PR-Aktion vermutlich illegal, weil Schleichwerbung, aber wo kein Kläger, da kein Richter, sondern Fans. Seine Kleider mögen nicht die besten sein, doch zumindest in Sachen Werbung ist Kanye West der Branche diesmal voraus.

mit Material von dpa

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