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Geschichte des Grafikdesigns

Alles Logos

Chronik, Bilderschatz, Ideengeber - und vor allem riesengroßer Spaß: Ein neuer Monumentalband zeigt anhand unzähliger Beispiele die Entwicklung des Grafikdesigns der vergangenen 60 Jahre auf.

Milton Glaser/ Taschen
Von
Sonntag, 04.11.2018   11:46 Uhr

"Betrat man Mitte der 1980er-Jahre ein Designbüro und dann erst wieder zehn Jahre später, erhielt man beim zweiten Besuch den Eindruck eines völlig neuen Berufs." Mit diesem Satz beginnt Grafiker Jens Müller den zweiten Teil seiner "Geschichte des Grafikdesigns". Im ersten Band ging es um die Zeit zwischen 1890 und 1959, also die Epoche, in der Designer überhaupt erst zum Beruf wurde. Der zweite Teil erklärt das Grafikdesign von 1960 bis heute: sechs Jahrzehnte, in denen sich der Beruf grundlegend gewandelt hat.

Wo in den Achtzigern noch von Hand geklebt, markiert, fixiert, geschnitten wurde, fand spätestens ab den Neunzigern der Gestaltungsprozess in erster Linie am Computer statt. Schon weit vor dem Internet hatten sich in den Grafikbüros Soft- und Hardware-Lösungen etabliert, die Produktionsprozesse vereinfachten und beschleunigten. Die Digitalisierung sorgte schließlich dafür, dass sowohl der Begriff des Designs als auch der des Designers völlig neu besetzt wurden. Dieses Buch berichtet also von einem Strukturwandel, denn auch in der Wirtschaft änderte sich etwas: Konzerne wuchsen und suchten nach neuen, umfassenden Identitäten.

Ein weites Feld, das Müller sich vorgenommen hat. Am Ende füllt es rund 480 großformatige Seiten. Die braucht es auch. Der Bildatlas zeigt 3500 Entwürfe aus aller Welt, 80 Schlüsselwerke analysiert Müller ausführlich. Das Webdesign bleibt dabei eine Randnotiz. Müller entfernt sich nur selten vom klassischen, also gedruckten Grafikdesign.

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Bild und Idee: Grafikdesign aus sechs Jahrzehnten

Seine visuelle Reise durch die Ästhetik beginnt chronologisch mit modernistischen Designs und oft reduzierten, bisweilen rein typografischen Arbeiten. Designs wie sie in den Sechzigerjahren gefragt waren, zum Beispiel Karl Gerstners Arbeiten für die Möbelfirma Holzäpfel oder Otl Aichers Lufthansa-Neugestaltung. Eine Bild- und Formsprache, die interessanterweise dieser Tage in den Arbeiten junger Grafikdesigner oft Nachhall findet.

Später sorgten zunächst die Flower-Power und dann der Punk ästhetisch für Erschütterungen, bevor in den Achtzigern schließlich neue technische Möglichkeiten Experimentierfreude entfachten. Die Plakate wurden wilder, eskapistischer, eklektischer, das Spiel mit Farben gewagter. Die recht starren Regeln der großen Nachkriegsdesigner wurden aufgebrochen. Wo zuvor eine der Faustformeln noch lautete "Don't Play With The Logo", tat etwa der Musiksender MTV genau das Gegenteil. Das Markenzeichen des Musiksenders, das große M mit dem scheinbar flüchtig hineingekritzelten TV, bewegte sich plötzlich, wurde zu einem animierten Käsebrot, zu einem gelben Smiley oder - vielleicht am schönsten - einem Bild von Bob Ross.

Marken, Marken, Marken

Dieses Buch berichtet nicht nur von einer Kunstdisziplin, sondern ist auch ein neuerlicher Hinweis darauf, dass alles um uns herum gestaltet ist. Tausende Werbebotschaften erreichen jeden von uns täglich. Aber auch Kultur und Aktivismus kommen nicht ohne Gestaltung aus: Neben vielen Plattencovern und Filmplakaten zeigt Müller auch französische Poster der 68er-Bewegung oder das längst ikonisch gewordene "Atomkraft? Nein Danke!"-Logo der Schwedin Anne Lundt.

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Jens Müller:
Geschichte des Grafikdesigns. Band 2, 1960 bis heute

Taschen; 480 Seiten, 50 Euro

Seitenstränge und Einschübe sorgen dafür, dass es trotz der Bildfülle nie zum sensorischen Overkill kommt. Die strenge zeitliche Ordnung bricht Müller immer wieder durch Fußnoten auf. Wenn wir uns etwa durch 1972 blättern, sehen wir nicht nur die in jenem Jahr zum ersten Mal veröffentlichten bunten Buchcover von Willy Fleckhaus für die Edition Suhrkamp, oder die damals enthüllten Logos von Adidas, Atari und Citroën. Es wird auch das im selben Jahr gegründete Londoner Büro Pentagram vorgestellt. Als eines der einflussreichsten Designbüros bestimmt die Firma bis heute, wie ein Teil der Welt aussieht - von der CD-Hülle der Pet Shop Boys über das Logo der britischen Fast-Food-Kette EAT bis hin zu Postern von Amnesty International.

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Trump-Illustrator Edel Rodriguez: "Dem Wahnsinn einfach etwas entgegensetzen"

Müller nimmt sich auch Zeit, einzelne grafische Bewegungen und Strömungen vorzustellen. Er erklärt, dass die Disco-Zeit mit ihrer Neonröhrenästhetik durchaus in das Grafikdesign hineinsickerte, zeigt den enormen Einfluss, den Magazin-Cover von Blättern wie dem deutschen "Twen" in den 60er-Jahren oder der britischen "The Face" zwei Dekaden später besaßen.

Beendet wird das Buch mit den so charakteristischen Zeichnungen des kubanisch-amerikanischen Illustrators Edel Rodriguez. Gezeigt werden nicht nur seine "Time"-Entwürfe, sondern auch jene, die er für den "Spiegel" anfertigte: Aufsehen erregende Kommentare zum politischen Geschehen, "visuelle Waffen" (Rodriguez), die Teil der Kollektion vom Smithsonian Museum sind und etliche Preise gewonnen haben.

insgesamt 5 Beiträge
Peter Boots 05.11.2018
1. Bild 10: "Blade to the Heat", Design: Paula Scher, 1994
Das ist kein Kinoplakat sondern ein Plakat für die Theateraufführung des Stückes von Oliver Mayer am Public Theater in New York City.
Das ist kein Kinoplakat sondern ein Plakat für die Theateraufführung des Stückes von Oliver Mayer am Public Theater in New York City.
Papazaca 05.11.2018
2. Kunst des Alltags, die oft nur beiläufig wahrgenommen wird
Habe selbst mitbekommen, wie ältere Artdirektoren In Werbeagenturen Probleme hatten, sich auf den Mac mit modernsten Grafikprogrammen umzustellen. Vorher wurde noch gemalt, ausgeschnitten, geklebt etc. Grafikdesign ist [...]
Habe selbst mitbekommen, wie ältere Artdirektoren In Werbeagenturen Probleme hatten, sich auf den Mac mit modernsten Grafikprogrammen umzustellen. Vorher wurde noch gemalt, ausgeschnitten, geklebt etc. Grafikdesign ist vielleicht eine der Künste, die zwar omnipräsent sind (Verkehrsschilder für Autobahnen, Wollsiegel, Satire von Rodriguez über Trump), aber als Kunst kaum wahrgenommen wird. Interessant wird sie, wenn sie sich mit der anerkannten Kunst überlappt, wie bei Banksy und Keith Haring. Oder klare Anleihen nimmt wie das kinetische Cover der Joy Division LP, das auf Vasarely hindeutet. Ist Grafikdesign Kunst? In erster Linie ist es einem Zweck verpflichtet wie Info, Verpackung, Werbung etc. Ob es letztlich Kunst ist liegt im Auge des Betrachters. Aber das gilt generell für Kunst. Ich werde mir das Buch zur Ansicht kommen lassen, mir gefallen einfach viele Arbeiten (bei mir hängen ein LOVE-Poster von Robert Indiana und ein Absolut Wodka-Poster von Keith Haring). Ob es für andere Kunst ist oder nicht ist mir da ziemlich egal, es gefällt mir einfach und ist Ausdruck unserer und auch meiner Zeit.
dasfred 05.11.2018
3. Zeitgeschmack
Keine Kunstrichtung wird so stark vom der Mode beeinflusst, keine beeinflusst die Mode stärker als das Grafikdesign. Erinnert sich noch jemand an Miami Vice und die Typografie, die plötzlich überall übernommen wurde. Auch [...]
Keine Kunstrichtung wird so stark vom der Mode beeinflusst, keine beeinflusst die Mode stärker als das Grafikdesign. Erinnert sich noch jemand an Miami Vice und die Typografie, die plötzlich überall übernommen wurde. Auch viele Konsumprodukte haben kaum merklich ständig ihr Verpackungsdesign samt Werbung an die neuen Trends angepasst.
Papazaca 05.11.2018
4. Anmerkung zu Rodriguez: Spiegeltitel die Kunst sind
Ich habe mir nochmal die Illustrationen von Rodriguez angesehen. Erinnert in seiner Reduktion an Banksy, ist aber mindestens genauso gut. Kunst! Man kann ihn an die Wand hängen. Wird später auch noch teuer! Das Ende der Welt, [...]
Ich habe mir nochmal die Illustrationen von Rodriguez angesehen. Erinnert in seiner Reduktion an Banksy, ist aber mindestens genauso gut. Kunst! Man kann ihn an die Wand hängen. Wird später auch noch teuer! Das Ende der Welt, wie wir sie kennen (Trumps Kopf als Asteroid) hat mir sehr gefallen. Trump als Ku Klux Kan ist in seiner Reduktion vielleicht das beste Blatt (Das wahre Gesicht des Donald Trump). Der Stern Titel mit Trump in der US-Fahne ist nicht respektlos, sondern einfach nur schlecht. Wirklich respektlos ist Rodriguez mit Trump als Pipimann, der auf die USA pinkelt. Jich .. grafisch schön aber leicht ekelig. Man riecht fast was. Sehr gut ist die von Trump enthauptete Liberty, Titel America First. Neben dem Ku Klux Klan Trump mein Favorit. Mein Fazit: Der Spiegel hat mit diesen Rodriguez-Titel Kunst produziert. Ein sehr gutes Beispiel, das Gebrauchsgrafik große Kunst sein kann. Man kann sie an die Wand hängen. Macht Spass. Und später auch verkaufen.
ekaterina_manevix 19.11.2018
5.
Ein sehr wichtiger Teil der Werbung für Ihre Marke ist das Logo. Es sollte unvergesslich sein. Ich habe unser Logo über das Programm https://www.logaster.de/logo/ bequem erstellt. Die Hauptsache ist, dass Sie keine speziellen [...]
Ein sehr wichtiger Teil der Werbung für Ihre Marke ist das Logo. Es sollte unvergesslich sein. Ich habe unser Logo über das Programm https://www.logaster.de/logo/ bequem erstellt. Die Hauptsache ist, dass Sie keine speziellen Fähigkeiten benötigen, Sie erstellen einfach und schauen, wie es aussieht. Aber für Kunden ist das wichtig, deshalb kreieren wir unsere eigene Marke.

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