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Stil

Golden-Globes-Verleihung

Hollywood rebelliert

Viele Stars sind komplett in Schwarz zu den Globes gekommen - als Zeichen gegen Ungleichbehandlung und Machtmissbrauch in Hollywood. Es ist nicht das erste Mal, dass der rote Teppich zur Protestbühne wird.

Getty Images
Von
Sonntag, 07.01.2018   18:35 Uhr

Zu den Schauspielerinnen, die angekündigt haben in Schwarz zu erscheinen, gehören "Wonder Woman" Gal Gadot und Penélope Cruz. Auch einige der Nominierten wollen sich an der Protestaktion beteiligen, unter anderem Allison Janney, Saoirse Ronan, Elisabeth Moss, Jessica Chastain, Meryl Streep und Emma Stone. "Seit Jahren haben wir Frauen mit unseren Roben, Farben, unseren hübschen Gesichtern und unserem Glamour diese Preisverleihungen vermarktet", sagte Eva Longoria der "New York Times". "Das ist ein Moment der Solidarität, keiner der Mode."

Mit ihrer Kleiderwahl wollen die Frauen auf die institutionalisierte Ungleichbehandlung, Sexismus und Missbrauchsfälle in der US-Unterhaltungsindustrie aufmerksam machen. Gleichzeitig hoffen sie, Unterstützer für die Initiative "Time's Up" (Die Zeit ist um) zu gewinnen. Zu diesem Zweck hat Mitinitiatorin Reese Witherspoon bei der Stylistin und Kostümdesignerin Arianne Philipps einen Anstecker mit dem Logo der Organisation bestellt.

Die von mehr als 300 Hollywoodkünstlerinnen gestartete "Time's Up"-Initiative will künftig für mehr Gleichheit in Filmstudios und Talentagenturen kämpfen und Gesetze voranbringen, die Firmen für sexuelle Übergriffe am Arbeitsplatz bestrafen sollen. Dazu haben die Beteiligten einen Hilfsfonds in Höhe von 13 Millionen Dollar aufgesetzt, der auch Rechtshilfe für weniger privilegierte Arbeiterinnen aus anderen Branchen finanzieren soll.

Der "Time's Up"-Pin wird wohl das meist getragene Accessoire am Sonntag sein. Voraussichtlich wird es aber auch noch mehr Bling geben als sonst. Denn angeblich ist unter den Stylisten nicht nur ein Wettlauf um die schönsten schwarzen Kleider, sondern auch um besonders auffälligen Schmuck entbrannt. Bei so viel Uniformität bleibt schließlich nicht viel Spielraum für Folgeaufträge generierende Akzente.

And we’re back... ����✔️ #CEloves #goldenglobes2018 #awardseason #solidarity

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Einige Männer wollen sich ebenfalls solidarisch zeigen. Gar nicht so einfach, wenn der Dresscode "Black Tie" vorschreibt. Hollywood-Stylist Michael Fisher, der Hugh Jackman und Sam Rockwell berät, will seine Klienten deshalb mit schwarzen Einstecktüchern und Armbinden auf den roten Teppich schicken. Dafür mitverantwortlich ist seine Kollegin Ilaria Urbinati, die unter anderem Dwayne "The Rock" Johnson und Liev Schreiber zu ihren Kunden zählt. Alle ihre "Jungs" werden in Schwarz erscheinen, kündigte sie auf Instagram an und fügte hinzu, es wäre derzeit wahrscheinlich wenig angebracht, den "Außenseiter" zu geben.

Der rote Teppich als Protestbühne

Es ist nicht das erste Mal, dass der rote Teppich als Protestbühne genutzt wird: 2015 bewarb die damalige Co-Moderatorin Amy Poehler im Vorfeld der Golden Globes den Hashtag #AskHerMore. Ein Hinweis darauf, dass Frauen mehr zu sagen haben als welchen Designer sie tragen. 2016 rebellierten Hollywoodstars in Cannes gegen die High-Heels-Vorschrift für Frauen, indem sie barfuß erschienen. 2017, im Jahr eins unter Trump, verteilte die US-Bürgerrechtsbewegung ACLU blaue Schleifen bei den Oscars.

Einer der ersten Hollywoodstars, der seinen großen Auftritt und sein Outfit für eine politische Botschaft nutzte, war aber Jane Fonda. Als Zeichen gegen den Vietnamkrieg hatte sie 1972 ihren Oscar für die beste weibliche Hauptrolle in einem schwarzen Anzug mit Mao-Kragen entgegengenommen - passenderweise von Yves Saint Laurent, der sich mit "Le Smoking" früh für die Emanzipation der Frau einsetzte.

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Spot on: Protest auf dem roten Teppich

Doch waren es in der Vergangenheit in der Regel Einzelpersonen, deren Vorbild sich später Gleichgesinnte anschlossen - in Cannes beispielsweise traten Susan Sarandon, Sasha Lane und Kirsten Stewart in die Fußstapfen von Julia Roberts. Dass sich im Vorfeld abgesprochen wird wie bei der diesjährigen Preisverleihung, ist eher ungewöhnlich.

Es gibt aber auch kritische Stimmen. Die Schauspielerin Rose McGowan nannte die Aktion "scheinheilig". Machtverhältnisse ließen sich durch Taten verschieben, nicht mit ein bisschen Schwarz. Die einflussreiche Modekritikerin Robin Givhan schrieb in der "Washington Post": "Das kommt so rüber, als sei die richtige Antwort auf sexuelle Belästigung sich anders zu kleiden." Außerdem sei es vielleicht emanzipatorischer, wenn sich die Schauspielerinnen zu dieser Gelegenheit einmal selbst ein Kleid kaufen würden, anstatt sich einkleiden zu lassen.

Andere wittern einen einfachen PR-Stunt und nehmen insbesondere den Männern ihren guten Willen nicht ab: "Wie genial - Männer, die zu den Golden Globes Schwarz tragen, einem Ereignis, bei dem sie normalerweise schwarze Smokings tragen", kommentierte "The Daily Beast" die "Men in Black". Das Ganze sei Teil der berühmten Tradition von Männern, möglichst wenig Aufwand zu betreiben und trotzdem dafür Lob zu erwarten.

Publicity und Geld

"Kein Mann sollte sich dafür rühmen, einen schwarzen Smoking zu tragen", findet auch Seth Meyers. Insgesamt ist der Moderator der diesjährigen Gala aber begeistert von der Aktion. Gegenüber "US-Weekly" sagte er: "Auch wenn das ein unglaublich schlechtes Jahr war, gibt es eine echte Chance und, wie ich finde, Gelegenheit zum Optimismus. Vor allem, wenn man die Solidarität sieht und wie diese wirklich klugen, empathischen Frauen sich zusammenschließen."

Sicher mag es auch einige geben, denen es eher um gute Publicity geht. Andererseits darf man aber nicht vergessen, dass sich in Hollywood noch nicht viel geändert hat seit der #MeToo-Debatte. Die allermeisten Filme werden noch immer von Männern gedreht, weißen Männern. Bei den Golden Globes ist keine einzige Regisseurin nominiert. Ein politischer Auftritt kann also immer noch der Karriere schaden.

Daran wird auch ein schwarzer Teppich bei den Golden Globes vermutlich nicht viel ändern. Doch durch das Modestatement bleibt das Gleichbehandlungsthema in den Medien, und der Hilfsfonds von "Time's Up" wird weiter anwachsen. Denn einige Stylisten wollen ihre Provisionen von Modehäusern in diesem Jahr spenden. Die Frauen und ihre Roben werden also doch etwas vermarktet haben - die gute Sache.

insgesamt 36 Beiträge
ttvtt 07.01.2018
1. Lysistrata 2.0
Protestieren aber dabei gut aussehen... Warum nicht weiter gehen, warum sich nicht ganz verweigern? Warum als Frau nicht den golden globes fernbleiben. Das wäre ein Zeichen der Solidarität! Alles andere ist doch irgendwie nach [...]
Protestieren aber dabei gut aussehen... Warum nicht weiter gehen, warum sich nicht ganz verweigern? Warum als Frau nicht den golden globes fernbleiben. Das wäre ein Zeichen der Solidarität! Alles andere ist doch irgendwie nach den Spielregeln des Business protestieren.
Larnaveux 07.01.2018
2. Eine Aktion mit überaus schalem Beigeschmack
Diese Art des Protests hat für mich einen schalen Beigeschmack. Es ist bestimmt interessant zu schauen, wer alles in Schwarz kommt und wer von diesen Leuten sich noch vor, sagen wir, einem Jahr auf roten Teppichen Wange an Wange [...]
Diese Art des Protests hat für mich einen schalen Beigeschmack. Es ist bestimmt interessant zu schauen, wer alles in Schwarz kommt und wer von diesen Leuten sich noch vor, sagen wir, einem Jahr auf roten Teppichen Wange an Wange mit den heute Geschassten gezeigt hat. Keine Frage, wer sich danebenbenommen hat und Grenzen überschreitet, der soll auch deutlich bestraft werden. Allerdings haben manche Rufer, die heute mahnen, dass sie es schon immer gewusst haben (oder natürlich auch selbst Opfer waren), mehr als ein Geschmäckle, da sie durchaus auch aktiv Teil des Systems waren, offenbar wider besseres Wissen. Solche Verhaltensweisen kennt man nach dem Zusammenbruch von totalitären Regimes (und möglicherweise ist die Filmbranche in gewisser Weise auch eines): Nach Beseitigung des Regimes war natürlich niemand Mitläufer oder sogar Täter, nein, plötzlich gibt es nur noch Widerstandskämpfer. Vielleicht, das will ich gar nicht ausschließen, wird es Gäste auf dem roten Teppich geben, die sich konsequent, so gut es ging, von dem Schmutz ferngehalten haben. Aber ich bin sicher, dass viele, die heute in Schwarz kommen, frühere Profiteure und Mitläufer sind. Wenn man sich so etwas betrachtet: Wie entstehen also Unterdrückungssysteme? Zum einen durch die originären Täter, keine Frage. Aber zum anderen auch durch die, die sich mehr als anpassen. Indem sie nämlich das Unterdrückungssystem am Leben halten (und selbstverständlich nach dessen Ende betonen, dass sie gaaaar nichts dagegen tun konnten. Selbstverständlich nicht. Alles Opfer. Sie mussten ja mitspielen, hatten gar keine andere Wahl. Natürlich).
5b- 08.01.2018
3. Rebellion
Es gibt politische und kulturelle Revolution die gesellschaftlichen Umbruch zum Ziel hat und auch rebellierende Kinder die Aufmerksamkeit wollen. Wenn nun „Hollywood“ durch Garderobe rebelliert, sollte man eigentlich ein anderes [...]
Es gibt politische und kulturelle Revolution die gesellschaftlichen Umbruch zum Ziel hat und auch rebellierende Kinder die Aufmerksamkeit wollen. Wenn nun „Hollywood“ durch Garderobe rebelliert, sollte man eigentlich ein anderes Wort wählen. So wollen einige Schaffende Zeichen setzten, also mit Äußerlichkeiten auf gewisse Umstände aufmerksam machen. Eine Revolution hätte man, wenn in Hollywood Frauen Männerrollen und Schwarze Weiße spielen würden. Als Rebell könnte auch einer gelten, der nicht kommt oder ein Teilnehmer der sich absichtlich schlecht anzieht. Vielleicht auch ein Mann im Frauenkleid oder eine Frau im Smoking. Es gibt gute weibliche Regisseure, Schauspieler und Drehbuchautoren. Es gibt auch viele Werke mit emanzipierten Frauen- und Männerrollen. Gedanklich bin ich schon im Postfeminismus großgeworden. Feminismus ist für mich ein Mittel zum Zweck und wird in der Geschlechterharmonie genauso überflüssig oder sogar schädlich wie Schmerzmittel ohne Schmerzursache. Wir leben aber alle in unterschiedlichen Welten und Sexismus ist leider tatsächlich noch ein großes Thema.
dein_idol 08.01.2018
4.
@1: Oder einfach mal nicht tief ausgeschnitten und halb-nackt auftauchen wie es auch diverse Damen gerne machen? Sich halt nicht nur auf den Po reduzieren lassen und dies auch in den sozialen Medien und bei Photoshootings [...]
@1: Oder einfach mal nicht tief ausgeschnitten und halb-nackt auftauchen wie es auch diverse Damen gerne machen? Sich halt nicht nur auf den Po reduzieren lassen und dies auch in den sozialen Medien und bei Photoshootings auszunutzen. Es ist doch auch klar warum sie das machen, um halt im Gespräch zu sein und Filmrollen zu bekommen. Jemand mit x tausend Followern verspricht vielleicht eine grössere Reichweite. Und bei der Zielgruppe 12-25 zieht das Aussehen halt auch gewaltig. Wie wenige Schauspielerinnen gibt es denn die sich hässlich ablichten lassen? Die ganz grossen der Branche können doch auch einfach mal aufhören die "sexy Frau" zu spielen. Und die Regisseure die das alles so toll finden können doch auch mal andere Frauen casten. Mal ein Bondwoman mit etwas Übergewicht oder nem Glassauge. Aber das wird ja wahrscheinlich auch nicht passieren. Die meisten Schauspielerinnen (und auch Schauspieler) machen doch mit ihrem Aussehen das Geld und nicht mit ihrer Charakterdarstellung, das kommt doch erst wenn sie älter werden. Dwayne Johnson wird sicherlich nicht wegen seiner tollen Fähigkeiten gecastet. Ganz Hollywood ist doch auf Aussehen basiert, jeder doofe Film hat gut aussehende Schauspieler mit einer Liebesgeschichte. Selbst die sadistische Schurkin ist sexy. Bei einem Casting für Baywatch kann man sich vielleicht nicht beschweren das man Bikini Bilder abgeben soll oder in selbigen Vorsprechen muss. Und wie ich das so rausgehört habe sind das ja Dinge die kritisiert werden. Kann mir nicht vorstellen das alle auf die Besetzungscouch gezwungen wurden. Gibt sicherlich viele Angebote aber sicherlich gibt es auch diverse die es nur zu Bereitwillig machen, halt die ohne richtiges Talent.
ruhepuls 08.01.2018
5. Sex sells...
Weibliche Stars haben nicht das geringste Problem damit, sich als Sexobjekte zu präsentieren. Hauptsache, der Rubel rollt. Auch dieses Mal muss es zumindest das "kleine Schwarze" sein, denn es sind ja Kameras da, da [...]
Weibliche Stars haben nicht das geringste Problem damit, sich als Sexobjekte zu präsentieren. Hauptsache, der Rubel rollt. Auch dieses Mal muss es zumindest das "kleine Schwarze" sein, denn es sind ja Kameras da, da will frau schon gut aussehen. Echter Protest würde die ständige übertriebene Zurschaustellung von körperlichen Reizen in Filmen etc. thematisieren. So wirkt das eher wie eine neue Marketingmasche. eine neue Gelegenheit die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erhaschen.

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